Eine Wand aus rosa Nebel, große Hits, kaum Luft zum Durchatmen und erstaunlich wenig Magie. Dave Grohl und Band im Olympiastadion.

Berlin (dp) - Eigentlich beginnt das Foo Fighters-Konzert gestern Abend mit einer Räumung. Kurz vor dem geplanten Start zieht ein Unwetter über dem Berliner Olympiastadion auf. Der Innenraum wird aus Sicherheitsgründen geräumt, die Show verschiebt sich um rund 40 Minuten. Panik? Fehlanzeige. Die Berliner:innen nehmen es erstaunlich gelassen: Wer eben noch vor der Bühne stand, sitzt plötzlich auf den Tribünen, trinkt Bier, startet Laola-Wellen und macht das Beste aus der Zwangspause. Fast wirkt das Stadion in dieser Dreiviertelstunde lebendiger als später während so mancher Ansage von Dave Grohl.

Explodierte Zuckerwatte-Maschine

Als es schließlich losgeht, verschwinden die Foo Fighters erst mal vollständig hinter einer Wand aus rosa Nebel. Das Olympiastadion sieht für einige Minuten aus wie eine explodierte Zuckerwatte-Maschine. Dann eröffnet "All My Life" eine fast dreistündige Hitparade, die kaum Luft zum Durchatmen lässt. Oder wie Grohl selbst ankündigt: "We like to play song after song after song after song." Nach 31 Jahren Bandgeschichte habe man schlicht zu viele verdammte Songs, um sie nicht zu spielen. Das Problem: Nicht jeder dieser Songs bekommt heute die Behandlung, die er verdient hätte.

Vor allem Grohls Stimme wirkt angeschlagen. Natürlich waren die Foo Fighters nie eine Band, die von vokaler Perfektion gelebt hat. Trotzdem fällt auf, wie oft die Gesangslinien wackeln. Besonders "Learn To Fly" wird zur Belastungsprobe: Den Refrain trifft Grohl bestenfalls in der Theorie. Was in kleineren Hallen vielleicht noch vom Charisma des Frontmanns aufgefangen würde, legt das weite Rund des Olympiastadions gnadenlos offen. Da entschuldigt auch der notorisch schwierige Stadionsound nicht. Mal verschwinden Gitarren im Hall, mal klingt die Band wie hinter einer Betonwand. Wer schon mal ein Konzert im Olympiastadion erlebt hat, kennt das Problem. Wer zum ersten Mal hier ist, lernt es schmerzhaft kennen.

"Motherfuckers"

Grohl versucht derweil unermüdlich, die Verbindung zum Publikum herzustellen. Fast jeder zweite Satz enthält das Wort "Motherfuckers". Nicht aggressiv, eher kumpelhaft gemeint. Trotzdem entwickelt die ständige Wiederholung irgendwann eine unfreiwillige Komik. Ebenso wie Daves Ansagen, die persönlich klingen sollen, letztlich aber wie standardisierte Stadionware wirken. Die Geschichten wechseln, das Gefühl bleibt: Das hätte er genauso gut gestern in München oder nächste Woche in Lissabon sagen können.

Musikalisch gibt es dagegen wenig zu meckern. Die Setlist deckt nahezu die komplette Karriere ab. Von "The Pretender" über "Times Like These", "My Hero", "Monkey Wrench" und "Best Of You" bis zum obligatorischen Abschluss mit "Everlong" wird eine Generation nach der anderen abgeholt. Auch neues Material wie "Window" findet seinen Platz. Besonders charmant gerät "No Son Of Mine", das kurz in Motörheads "Ace Of Spades" abbiegt. "That's for Lemmy now", kommentiert Grohl, bevor die Band wieder auf Kurs geht.

Berlin singt jede Zeile mit, Chicago nicht

Wirklich interessant wird es im Mittelteil. Auf der B-Bühne zeigt sich plötzlich, warum die Foo Fighters überhaupt zu den besten Livebands ihrer Generation gezählt werden. Bei "Wheels" erklärt Grohl zunächst, dass es angeblich nur ein Land gebe, das den Song wirklich liebe. In Chicago interessiere sich niemand dafür, Berlin dagegen singe jede Zeile mit. Also gibt es die Nummer akustisch, intim und tatsächlich berührend.

Noch besser gelingt die traditionelle Bandvorstellung. Statt bloß Namen herunterzurattern, verwandeln die Foo Fighters sie in ein kleines Medley aus Nebenprojekten und musikalischen Querverweisen. "Invincible", "Seven", "One Headlight", "Manimal" und "Tap Dancing In A Minefield" fließen ineinander, während jedes Bandmitglied seinen Moment bekommt.

Dave Grohl an den Drums

Grohl spart dabei auffällig jede Referenz an Nirvana aus und stellt stattdessen die anderen in den Vordergrund. Der Höhepunkt kommt, als die Rollen kurz getauscht werden: Schlagzeuger Ilan Rubin greift zur Gitarre, Grohl setzt sich hinters Drumkit. Und plötzlich wirkt alles deutlich natürlicher. Fast möchte man sagen: Dort ist er heute Abend am besten aufgehoben.

Auch "Big Me" bringt einen nostalgischen Moment. Jahrzehntelang hatte die Band den Song kaum aufgeführt, weil Fans nach dem berühmten Mentos-Video regelmäßig Süßigkeiten auf die Bühne warfen. Heute bleibt das Stadion weitgehend wurffrei. Überhaupt zeigt sich das Publikum als der eigentliche Star des Abends. Nach der anfänglichen Evakuierung bis hin zu Regenschauern: Die Berliner:innen feiern, als gäbe es keinen besseren Augenblick als diesen. Die Begeisterung ist echt. Und trotzdem springt der Funke nicht immer über.

Eher Institution als Überraschung

Vielleicht liegt es am Olympiastadion. Vielleicht an der schieren Größe der Veranstaltung. Vielleicht auch daran, dass die Foo Fighters inzwischen eher Institution als Überraschung sind. Die Songs funktionieren. Die Show funktioniert. Das Feuerwerk am Ende funktioniert ebenfalls. Aber echte Magie entsteht nur selten. Pech haben außerdem diejenigen, die auf "Hey, Johnny Park" gehofft haben. Die selten gespielte Fan-Lieblingsnummer bleibt Berlin verwehrt und tauchte stattdessen erst beim zweiten Liverpool-Konzert auf. Frechheit.

Nach knapp drei Stunden, einem Finale bestehend aus "The Teacher", "Everlong" und besagtem großen Feuerwerk, ist der Abend vorbei. Zurück bleibt das Gefühl, eine Band erlebt zu haben, die immer noch über einen nahezu unangreifbaren Songkatalog verfügt, deren Live-Routine aber mittlerweile manchmal größer wirkt als die Emotion dahinter. Die Fans verlassen das Stadion trotzdem glücklich. Die Foo Fighters haben schließlich genau das geliefert, was man von ihnen erwartet. Manchmal ist das genug. Und manchmal eben nicht.

Text von Désirée Pezzetta.

Fotos

Foo Fighters

Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Foo Fighters,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof)

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laut.de-Porträt Foo Fighters

Am 5. April 1994 endet mit dem tragischen Selbstmord von Kurt Cobain das Kapitel Nirvana und somit auch Dave Grohls Karriere als Schlagzeuger der Band.

1 Kommentar mit 4 Antworten

  • Vor 2 Stunden

    Das mit der Nirvana-Referenz hast du scheinbar verpasst.

    Als Dave an den Drums war, hat er das Ganze mit dem Smells Like Teen Spirit Intro Drumfill beendet.

    Leider kam danach nicht das Riff, sondern nur der erneute Wechsel der Instrumente
    Das mit der Nirvana-Referenz hast du scheinbar verpasst.

    Als Dave an den Drums war, hat er das Ganze mit dem Smells Like Teen Spirit Intro Drumfill beendet.

    Leider kam danach nicht das Riff, sondern nur der erneute Wechsel der Instrumente

    • Vor einer Stunde

      Seht es ist MAudioBen, gleich neben BehringerBertha!

    • Vor einer Stunde

      Wenn ein Berufsmusiker im Jahr 2010 während eines Offdays dazu eingeladen wird, mal mit ein paar Freunden in ein Online-Game reinzuschnuppern, er dann feststellt, dass er nen Nickname benötigt und er dann auch noch eine MAudio Keystation vom Einspielen einer Pilotspur noch vor sich hat, ja dann... und nur dann, können solch legendäre Name entstehen.

      Es freut mich aber echt sehr, dass ich dich ganz kurz von deinem Leben ablenken konnte :)

    • Vor 59 Minuten

      Schon ok, Ben. Come As You Are! Das mit der Nirvana-Referenz hast du scheinbar verpasst.
      Aber, hey Ben! Come As You Are! Das mit der Nirvana-Referenz hast du scheinbar verpasst.

    • Gerade eben

      @Ben
      Ja, hatte ne ganz ähnliche Situation, mein Nickname wurde dann FunFactoryIngo.