Platz 1: Ray Of Light (1998)
Mitte der Neunziger hatte Madonna viel von ihrer Star-Aura eingebüßt. "Erotica" und das "SEX"-Buch stemmten sich mit aller Kraft gegen den Wind, der etablierten Superstars in Form des neuen, wesentlich härteren Grunge-Sounds ins Gesicht blies. "Bedtime Stories" bleibt 1994 kommerziell deutlich unter den Erwartungen. Es deutet Ende der 90er viel darauf hin, dass das große weibliche Aushängeschild des vorigen Jahrzehnts genau wie Michael Jackson und Prince keinen Anschluss mehr an den Zeitgeist findet.
Umso erstaunlicher ihr Song "Frozen", der einen neuen Sound einführt: düster, mystisch und mit Drum'n'Bass-Einlagen. Ein Wagnis, da maximal Europa bereit für elektronische Experiemnte ist. Doch Madonna, die 1995 bereits mit Massive Attack an der Coverversion von "I Want You" arbeitete, schaut nun interessiert auf die Trends der Club-Kultur. Die dunklen, verschleppten Beats von Portishead, Tricky oder Massive Attack zeigen ihr den Sound der Zukunft.
Ihre verzweifelt jugendliche Rebellion, die zuvor mit Ende dreißig eher peinlich wirkte, tauscht sie – auch durch die Geburt ihrer Tochter Lourdes – gegen eine introspektive Spiritualität aus. Ihre verlorene Zeit Anfang der 90er und die neue Rolle als Mutter verarbeitet sie in "Drowned World": "I traded fame for love without a second thought / It all became a silly game, some things cannot be bought / I got exactly what I asked for, wanted it so badly / Running, rushing, back for more, I suffered fools so gladly / And now I find, I've changed my mind / The face of you, my substitute for love." Ein ruhiger, meditativer Ambient-Song, in dem sie über sphärische Sounds eine tiefe, selbstreflektive Beichte ablegt. Statt herausgestreckter Zunge herrscht plötzlich eine majestätische, in der Tat madonnenhafte Ruhe.
Statt Balladen-Schmalz wie "Take A Bow" verbinden "Swim" und "Candy Perfume Girl" den neuen elektronischen Sound mit 60s-Psychedelica, dazu "Skin", "Sky Fits Heaven" und natürlich der Albumtiteltrack "Ray Of Light". Ein Songwriting weit entfernt von so manch anderen gealterten Künstlern, deren Versuche, in den 90ern anzukommen, in peinlichen "Wir machen auch mal diesen Techno-Sound"-Fehltritten enden.
Stattdessen explodiert "Ray Of Light" überall: sowohl im Radio, als auch bei DJs, die sich Jahre zuvor noch für einen Madonna-Tune in ihrem Set geschämt hätten. Sogar Trance, eine verpönte Stilrichtung der Dance-Music, ist plötzlich kein kitschiger Delfin-Soundtrack für Yoga-Stunden mehr.
Punk-, Indie- und Metal-Kids schauen sich 1998 gleichermaßen verdutzt an, weil Madonna plötzlich keine Angriffsfläche mehr bietet. "Frozen" mag massiv overplayed und mittlerweile ein Skip-Kandidat sein, doch allein das dazugehörige Video von Chris Cunningham, der sonst vor allem für Acts wie Aphex Twin arbeitet, ist immer noch ein Genuss. So toll, so mächtig, so viel wirkliches inneres Glück wie auf "Ray Of Light" fühlte man später nicht mehr. Ein moderner Pop-Klassiker, wenn auch sicher nicht ihr einziger, aber insgesamt vielleicht die beste Neuerfindung einer Pop-Künstlerin überhaupt.
Anspieltipps:
"Ray Of Light", "Frozen", "Swim", "Candy Perfume Girl", "Sky Fits Heaven"
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