Lipsync-Video: Mine vs. Udo Lindenberg
Apropos Altersunterschied in Beziehungen, einem verwandten Thema hat auch Mine kürzlich eines ihrer populären Lipsync-Videos auf Instagram gewidmet, die Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Resonanzräume der jeweiligen Zeit erlauben. Im erwähnten Fall sprach sie den Text von Udo Lindenbergs 1976er Song "Nina" mit (siehe unten). Aus heutiger Sicht ist es sicherlich schwer zu glauben, dass so ein Song damals zur besten Sendezeit in der ZDF Hitparade lief. Lindenberg singt darin über die erotischen Avancen eines erwachsenen Mannes zu einem 14-jährigen Mädchen, in der TV-Sendung auch noch irritierend dargestellt von einer entsprechend jungen Komparsin, die dem 30-Jährigen verträumt an den Lippen hängt (metaphorisch).
50 Jahre sind eine lange Zeit, erst recht im Pop, und es wäre umgekehrt auch kein herausragendes Gütesiegel für unsere Gesellschaft, wenn man alle Gepflogenheiten längst vergangener Jahrzehnte heute noch als moralisch astrein empfände. Fragt mal bei Peter "Ich war sechzehn und sie einunddreißig" Maffay nach. Oder - etwas anderer Kontext - bei Punk-Legende Patti Smith. Seit einigen Jahren ist ihr Song "Rock'n'Roll Nigger" nicht mehr auf Streamingdiensten verfügbar. Im Veröffentlichungsjahr 1978 wollte sie den rassistischen Begriff für Rebellen und unangepasste Künstler wie Jimi Hendrix oder Jackson Pollock umdeuten. Udos "Nina" entstand Mitte der 70er Jahre in einer Zeit des Umbruchs, als man gerade in liberalen, alternativen Milieus raus wollte aus verklemmten Sexualvorstellungen, die mitunter bis zu politischen Forderungen nach Straffreiheit für sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern reichten.
Da Lindenberg den Song jedoch nie von Spotify und Co. löschen ließ, steht er da nun weiter unkommentiert neben all den großen Hits des derzeit umjubelten 80-Jährigen. Öffentliche Äußerungen wiederum überlässt Udo schon seit einigen Jahren gern seinem "Pressesprecher" Benjamin von Stuckrad-Barre, der jüngst aufgrund seines Buchs "Udo Fröhliche" bei Jan Müllers Reflektor-Podcast zu Gast war. Dort verwies Stuckrad-Barre bezüglich "Nina" auf den gesellschaftlichen Kontext der 70er, in dem die Romantisierung und Ästhetisierung junger Frauen ein nicht eben seltenes Tabu-Topos in Musik und Literatur darstellte. Den für meine Begriffe weitaus problematischeren Lindenberg-Text "Lolita (An der Schwelle zum Frausein)" aus dem Jahr 1991 ("Ich war an der Schwelle zum Blausein, sie war an der Schwelle zum Frausein" etc.) bezeichnet Stuckrad-Barre treffend als "äußerst unangenehm", verbunden mit der schwachen Erklärung, dass die frühen 90er eben nicht Udos beste Phase gewesen sei, sondern, siehe Text, eher eine Zeit des Blauseins.
Mine wiederum dürfte einiges an Backlash abbekommen haben, denn nun fühlte sie sich dazu veranlasst, noch einmal klarzustellen, dass ihre Videos grundsätzlich nicht zur Cancel Culture aufriefen, sondern schlicht zu allgemeiner Reflektion über veränderte gesellschaftliche Werte (siehe unten). Also im Prinzip zu einer öffentlichen Auseinandersetzung, wie sie mit dem anhaltenden Schweigen von Künstlern wie Lindenberg ansonsten ausbleiben würde.
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