Die GEMA rettet nicht die Musik, sondern die GEMA
Hier zunächst zur Faktenlage vom Medium eures Vertrauens. Man kann Suno vorwerfen, sich ohne Erlaubnis an fremder Musik bedient zu haben, ohne deshalb die GEMA zur Jeanne d'Arc der Kunstfreiheit zu erklären. Das Münchner Urteil ist kein Befreiungsschlag der menschlichen Kreativität gegen die Maschine. Es ist zunächst der erfolgreiche Versuch eines faktischen Monopolisten, auch vor der nächsten technischen Umwälzung sein Kassenhäuschen aufzubauen.
Wie wenig es der GEMA um einen grundsätzlichen Widerstand gegen KI geht, zeigt sie selbst. Nur wenige Tage vor dem Urteil präsentierte sie "PLAI by GEMA", einen rechtlich geklärten Trainingsdatensatz mit rund 178.000 Soundfiles aus mehr als 60 Genres. Das Geschäftsmodell lautet also nicht: Musik darf nicht von KI verarbeitet werden. Es lautet: Musik darf von KI verarbeitet werden, sobald die GEMA den Schlagbaum hebt und kassiert.
Damit schützt sie zweifellos berechtigte Interessen. Aber eben nur innerhalb eines Systems, das Zugang, Einfluss und Ausschüttung seit jeher höchst ungleich verteilt. Rund 95.000 außerordentliche Mitglieder werden in der Mitgliederversammlung durch höchstens 64 Delegierte vertreten; ordentliches Mitglied mit vollem Stimmrecht wird man erst nach mindestens fünf Jahren und dem Erreichen bestimmter Mindestumsätze. Sogar wer als GEMA-Mitglied seine eigenen Werke öffentlich veranstaltet, muss zunächst Gebühren an die GEMA zahlen. Das ist demokratisch ungefähr so unmittelbar wie der Reichstag zu Worms.
Gerade KI könnte die Schwelle zur Musikproduktion senken. Menschen, die Texte, Melodien oder ästhetische Ideen haben, aber weder Gesangsausbildung noch Studio, Band und fünfstelliges Produktionsbudget besitzen, können plötzlich musikalische Formen ausprobieren. Das Ergebnis ist häufig Mist. Aber beschissene Musik war noch nie ein Argument dafür, ihre Herstellung teuer zu halten, sonst hätten weite Teile der deutschen Popindustrie längst Berufsverbot. Die GEMA verteidigt deshalb nicht bloß Urheber gegen einen Tech-Konzern. Sie verteidigt eine Welt, in der musikalische Verwertung über etablierte Rechteverwalter, Verlage, Labels und Lizenzpakete laufen muss. Wer außerhalb dieses Labyrinths profitiert, gilt als Gefahr; wer darin kaum etwas verdient, darf immerhin Mitgliedsbeitrag zahlen.
Wie wenig "Lizenzierung" automatisch "faire Bezahlung der Kreativen" bedeutet, zeigt parallel der Streit in den USA. Die American Federation of Musicians verklagt Universal und Warner, weil die Labels Aufnahmen an Suno und Udio lizenziert haben sollen, ohne die beteiligten Studiomusiker zu bezahlen oder auch nur offenzulegen, wessen Arbeit genutzt wurde. Warner entgegnet, die geltenden Tarifverträge sähen dafür schlicht keinen Anteil vor. Die Rechteinhaber schließen also Frieden mit der KI, erhalten ihr Geld – und die Musiker können prüfen lassen, ob irgendwo im Kleingedruckten auch sie gemeint waren.
Genau darin liegt die Schwäche der GEMA-Erzählung vom großen Sieg der Musikschaffenden. Geld, das bei einer Verwertungsgesellschaft oder einem Major ankommt, ist noch lange kein Geld, das gerecht bei den Menschen landet, deren Arbeit das System ermöglicht. Die Alternative kann nicht der kostenlose Raubzug von Suno sein. Sie müsste aber ebenso wenig darin bestehen, jede neue Form der Musikproduktion in dasselbe alte, schwerfällige und hierarchische Verwertungssystem zu zwingen. Die GEMA hat nicht die Musik vor der KI gerettet. Sie hat sich einen Platz an deren Futtertrog gesichert.
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