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Boy, Harsher!

Die unangenehmste Frage nach einer Trennung lautet nicht immer, wem die Wohnung, der Hund oder die gemeinsam angeschaffte Kaffeemaschine gehört. Manchmal lautet sie: Was machen wir eigentlich mit unserer international erfolgreichen Darkwave-Band? Jae Matthews und Augustus Muller gründeten Boy Harsher nicht bloß gemeinsam. Ihre private und künstlerische Beziehung war von Anfang an ineinander verschlungen. Sie lernten sich an einer Filmhochschule in Savannah kennen, begannen mit gesprochenen Texten, Soundcollagen und audiovisuellen Performances und entwickelten daraus jenen minimalistischen, körperlichen Elektropop, mit dem sie später Clubs, Festivals und sehr viele schwarze Kleiderschränke eroberten. Anfang 2024 endete ihre romantische Beziehung. Ob damit auch Boy Harsher erledigt sind, wussten offenbar zunächst nicht einmal Matthews und Muller selbst.

Nun erscheint am 18. September "GET MEAN", das erste reguläre Studioalbum seit "Careful" von 2019. Dazwischen lag zwar "The Runner", doch das 2022 veröffentlichte Werk war Soundtrack und Bestandteil eines selbst gedrehten Kurzfilms – eher eine Erweiterung des Boy-Harsher-Kinos. "GET MEAN" umfasst zwölf Stücke und erscheint als erstes Album des Duos über Atlantic Records.

Allein diese Konstellation macht die Platte interessant. Ein ehemaliges Paar schreibt ein Trennungsalbum, muss sich dabei aber nicht nur über die Vergangenheit verständigen, sondern zugleich entscheiden, ob die gemeinsame Arbeit eine Zukunft besitzt. Bei Fleetwood Mac ließ sich so etwas noch lösen, indem mehrere Beteiligte einander ihre Vorwürfe vorsangen und anschließend gemeinsam auf Welttournee gingen. Bei Boy Harsher ist die Lage intimer. Die Musik lebte immer davon, dass Matthews' Stimme zugleich Begehren, Drohung und Verletzung ausdrückte, während Mullers Maschinen darunter so ungerührt arbeiteten, als hätten sie mit menschlichen Beziehungen nichts zu tun.

Der Titel "GET MEAN" klingt zunächst nach Racheplatte, ausgestrecktem Mittelfinger und dem Entschluss, künftig nur noch in Lederbekleidung durch brennende Tankstellen zu laufen. Das Album wird jedoch als Auseinandersetzung mit Liebe, Verlust, familiärer Trauer, kreativer Blockade und dem Überleben einer besonders schmerzhaften Lebensphase angekündigt. Das schauen wir uns noch genau an bei Veröffentlichung.

Bis dahin deuten die ersten beiden Singles darauf hin, dass Boy Harsher ihren vertrauten Sound nicht verlassen, aber etwas heller ausleuchten. "Jeans" handelt vom Stillstand in einer amerikanischen Kleinstadt, von aufgegebenen Plänen und einem Leben, das schließlich beim Verkauf von Hosen landet. Musikalisch bleibt das Stück von trockenen Drums, analogen Synthesizern und Matthews’ sofort erkennbarer Stimme geprägt. "Hard Beat" rückt näher an den Club. Der Titel ist fast schon eine Bedienungsanleitung: harter Beat, dunkle Synthesizer und Matthews’ rauchige Kommandostimme.

Bemerkenswert ist vor allem, wie sauber und kompakt beide Singles wirken. Boy Harsher waren nie Lo-Fi-Puristen, aber ihre stärksten Stücke besaßen häufig etwas Unabgeschlossenes. Hier wird der Wechsel zu Atlantic interessant. Der Major muss Boy Harsher nicht zwangsläufig beschädigen. Aber es stellt sich die Frage, ob "GET MEAN" jene Leerräume behalten wird, die Boy Harsher von den vielen Darkwave-Projekten unterscheiden, die im Internet wie frisch eröffnete Fetischmodegeschäfte aus dem Boden schossen.

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