laut.de-Kritik

Ganz ohne rosarote Brille.

Review von

Sie ist Gegenstand von abertausenden Filmen, romantischen Büchern und gilt als Ideal: die große Liebe. Was das genau ist, erklärt das vierte Album von Nichtseattle zwar nicht, eröffnet aber neue und realistischere Blickwinkel auf ein fast schon mystisches Konzept unserer Gesellschaft. Spoiler: nicht alles was glänzt, ist gold, manchmal ist Liebe auch leise. "Dallas" steigt gefällig ein, die ruhigen Gitarrenakkorde sind betrunken von Zufriedenheit und untermalen Katharina Kollmanns gesungenes Denken.

"Denkst du auch an mich? / Wahrscheinlich nicht / Ich denk den ganzen verdammten Tag an dich / An ein Happy End glaub' ich nicht / Ich bin viel lieber diesseitig" Nichtseattle spielt mit dem Auf- und Absetzen der berühmten rosaroten Brille, hinter der die Augen immer wieder eine Person suchen. Sie fängt das Gefühl des Vermissens ein, bleibt dabei herrlich ehrlich und betont diese Unverfälschtheit im schlichten A-capella-Outro.

Schwer und dick legt sich dann Schnee auf die Ohren. Wer hier die leichtfüßige Liebe erwartet, wartet lange. "Ich glaub an uns" hallt es mantraartig - "Meine Ladies" singt ein Liebeslied an die Freundschaft, vor allem an die zwischen Frauen, Beziehungen, die oft länger währen, als die aus überkitschten Romcoms. Musikalisch recht unaufgeregt entsteht ein bleibendes Bild, in dem die platonische Liebe Hauptdarstellerin ist.

Vier Wände, Wohnung, Rückzugsort oder einfach das Zuhause war schon auf dem Vorgängeralbum "Haus" ein Thema. Wie das Meer schwappt "Eine Wohnung in einem Haus" unterschiedlich stark, sodass man vor lauter Melancholie gar nicht aufhören will sich hin und her zu wiegen. Rhythmisch klingt auch "Wildeste Nacht" wenn auch mit etwas mehr Grunge. Der Song haucht einer längst vergangenen Konversation nach einer Party Leben ein, die in den rockigen Gitarrenelementen noch weiterklingt.

"Station 8" handelt von einem Klinikaufenthalt und lässt tief in das Innenleben der erzählenden Person blicken. Begleitet von der Musik, die sie fast schüchtern zurückhält, fühlt es sich an als würde einem jemand am Lagerfeuer eine Geschichte erzählen. Wenig zu sagen, aber damit trotzdem viel zu meinen, ist auch weiterhin angesagt. Leider geht der Plan im folgenden Track nicht auf und "Stubenfliege" kippt ins Weinerliche.

Wie Kaugummi aus dem Automaten zieht "Fremde" lang und nostalgisch einen Schlussstrich unter die "Große Liebe". Pure Klavierakkorde umschmeicheln gesprochene Gedanken, die von zwischenmenschlichen Beziehungen handeln und vom ersten Hallo bis zum letzten reichen. So schließt sich der Kreis, zurück bleibt ein melancholisches, aber warmes Gefühl. Zwischen fast schon unangenehm ehrlichen Texten und emotionalen Melodien balanciert Katharina Kollmann zwischen den Grenzen von Liebe und verschiebt sie manchmal auch.

Trackliste

  1. 1. Dallas
  2. 2. River Cola
  3. 3. Ich Mit Brille
  4. 4. Schnee
  5. 5. Meine Ladies
  6. 6. Eine Wohnung In Einem Haus
  7. 7. Wildeste Nacht
  8. 8. Station 8
  9. 9. Stubenfliege
  10. 10. Fremde

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LAUT.DE-PORTRÄT Nichtseattle

Katharina Kollmann wird im Jahr 1985 in Ost-Berlin geboren und ist eine Singer-Songwriterin, die unter den Künstlernamen Lake Felix und Nichtseattle …

2 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 9 Stunden

    1985?? Respekt, die Sängerin hat den Anfangzwanziger Nuschelmodus (noch) perfekt drauf. :D hör mir das Albung gerade an und versuche es zu mögen, aber das ist schon ziemlich biederer WG-Küchen-Indie.

  • Vor 18 Minuten

    Für meine Ohren klingen gerade die etwas lebendigeren Stücke auffällig nach Silly mit Tamara Danz. Ist das ein Versehen :-)?

    • Vor 12 Minuten

      Boah, das ist Tamara Danz gegenüber echt fies. Tamara hat nie so genölt.

    • Gerade eben

      Na, Tamara konnte schon auch launig klingen, wenn sie wollte :-). Gerade die Phrasierung in einigen Momenten und Kollmanns Art, die Silben zu dehnen, gibt mir manchmal starke Danz-Vibes. Textlich ist das auch gar nicht so weit weg von den intimeren Momenten auf den letzten drei Silly-Alben mit Danz (ich weiß, dass sie nur auf "Paradies" die Texte allein geschrieben hat). Und klar: Tamara hatte die kräftigere und variablere Stimme.