laut.de-Kritik
A killer of a back beat.
Review von Philipp KauseEr kam, sah und siegte. Rory Gallaghers rhythmisches Gespür auf dieser erstmals nicht von ihm alleine produzierten Platte ist vollkommen unbeirrbar. "Calling Card" sprüht vor Energie. Jeder Takt hat das perfekte Timing. Und obwohl Abblenden sonst oft ein feiger Kniff sind, ist auf diesem Album eine angebracht: Beim Galopp-Ritt aus dem Titel "Country Mile" hinaus, Richtung "Moonchild": Da passt das Fade-Out schon inhaltlich. Die bereits auf den Vorgänger-Alben gezeigte Präferenz für lange Tracks behält der Ire bei.
Zu ihm gesellte sich in Giorgio Moroders Musicland-Studios im Münchner Osten im Hochhaus des Arabellaparks ein gewisser Roger Glover. Der ehemalige Deep Purple-Bassist hatte sich bereits einen Namen als Nazareth-Produzent gemacht. Er scheint Rorys Stil hier auf gekonnte Song-Dramaturgien zu schärfen. Die Blues-Gitarre als Selbstzweck bleibt diesem Album fern, und so könnte sich Joe Bonamassa anhand dieser LP einen guten Eindruck dessen verschaffen, was das eigentliche Mysterium des Rory Gallagher mal ganz abseits der puren Technik an den Saiten war und somit seinen "Spirit" auszeichnete.
Warum habe ich dieses Album ausgewählt? Einfach, weil es aus lauter unverwechselbaren und charakteristischen Unikaten besteht und weil es mein Einstieg in die Welt des Bluesrock und auch sonst aller Gitarrenmusik der Siebziger war. Ich ließ mich in die Welt des Hardrock, Southern, Pub-, Poser-, frühen Prog-Rock und allem, was dran hing, hinein ziehen, und das ekstatisch zuckende "Moonchild" erwies sich als Simsalabim-Türöffner. Zumal Hardrock auf dem Gallagher-Album auch seinen Raum erobert, im knackigen "Secret Agent" mit einem komischen Hüpf-Spring-Beat. So charismatisch wirkte diese Song-Sammlung, dass ich nach unbedingt mehr von sowas gierte - welches größere Lob kann man einer Platte machen?
Aber wo ordnet man stilistisch den "Jack-Knife Beat" ein? Die Einleitung vermittelt eine Weather Report-Fusion-Stimmung, ein ungefähres 'wir-lassen-uns-jetzt-Zeit-und-schauen-wo-uns-die-Reise-hinführt-Feeling. Minimalistisch treffen hier die markante E-Gitarre und Rory in keifender Tonlage aufeinander. Die Wortwahl "Shake it, Baby, before it shakes you!" passt stimmig zur Zappa-Übersinnlichkeit des Fusionjazz der Seventies. Wie Hundeknurren hört sich Roaring Rorys "Don't drive me crazy" an, in der - sofern man sie so zählen kann - fünften Strophe.
Beim Aufbau des "Jack-Knife Beat" übertrumpft Gefühl die liedgestalterischen Spielregeln und Strukturen, und so ist der Tune formal einigermaßen einmalig. Auf anderthalb Minuten Intro folgen zwei sehr lange Strophen, die sechs Mal den mehr oder minder gleichen Block gruppieren. Die letzte Zeile der Strophe rutscht bei der Wiederholung in eine lautmalerische Bridge hinüber. Analytisch betrachtet ist das der C-Teil, mit diesem Text: "Ba-dow diddloo-dow diddloo-dow de-dow." - Dann erst setzt der Chorus, quasi der B-Teil ein. Der ist sehr kurz.
Ein messerscharf geschnittener Keyboard-Part, für Rorys Verhältnisse recht ungewohnt, schließt sich an und präsentiert eine wohl improvisierte Instrumental-Sequenz, die nun nach Boogie klingt. Somit erreichen wir den D-Teil und das Herzstück des Songs, Geklimper, schließlich Gitarren-Solo. Es verstreicht eine energiegeladene knappe Minute ohne Worte. Gallagher kopiert den Refrain und zweigt neu ab: Der nächste Abschnitt erinnert an Led Zeppelin, hierauf repetiert Gallagher den Chorus. "We got the jackknife beat / A killer of a back beat", so lautet darin die treffendste Überschrift für das ganze Album, das als rhythmisch unkonventionelles Wunderwerk glänzt.
Danach bilden die ersten drei Strophen neben dem Refrain ein weiteres Wiederholungs-Element, und Rory singt dieselben Lyrics wie zum Einstieg. Seine expressive, lebhafte, ein bisschen verzweifelte Vortragstechnik fällt auf. Bei Minute 5:48 explodiert Rory mit einem lauten Schrei, im Anschluss gibt es noch eine ganze Minute an erlesener Instrumentalmusik. Stark! Was die rhythmische Siegesgewissheit angeht, traute sich Gallaghers Band sogar einen Ragtime mit Rock-Instrumentierung zu. Der Chef schiebt die Mundharmonika auf diesem erfrischenden "Barley And Grape Rag". "Barley And Grape" steht für Whiskey, mit Gerste als Grundlage, für Gerstenmalz und somit Bier, sowie für die Traubenrebe des Weins.
Traurig, dass Gallagher hier bereits vorweg nimmt, woran er einmal sterben würde - an zu viel Alkohol. Jedenfalls ist der "Barley And Grape Rag", so traditionell uririsch gecovert er klingt, ein originäres Stück von 1976 und kein Cover. Dafür liefert er eine Vorlage für die später bekanntere Version von The Dubliners. Dass die rein akustische Aufnahme auf "Calling Card" überhaupt in dieser Studio-Belegschaft machbar war, mag verwundern. Tontechniker Reinhold Mack - bekannt für Queen und E.L.O. und somit pompösere Sounds mit mehr Keyboards-Präsenz - war damals der Mann der Stunde. Für Bluesiges und Rustikales trat er selten in Erscheinung. Aber man muss loben: Gerade auch der lebendige Klang, dieses Transportieren der Aufnahmen, als sei dies alles Take One-Session-Beute, statt vielschichtig überarbeitet, macht einen großen Reiz an "Calling Card" aus.
Wieso das Album und ein Song darauf so heißen, wirkt rückblickend ein bisschen exotisch. Denn die Telefonkarte war eine ganz frische Erfindung des Jahres 1976, wo auch immer sich Gallagher darüber informierte. Sie kam zuerst in Italien zum Einsatz, erreichte erst in den 1980ern die deutschsprachigen Länder und in den '90ern UK und Irland. "The blues comes calling with its calling card" ist zudem eine kuriose Metapher. Ein anderes Kommunikationsmedium ist hier der mit Tinte verfasste und verkleckste Brief: "Your love sick letter that you wrote in tears"; wahrscheinlich verwischten Tränen die Tinte, so denkt man unweigerlich bei dieser Zeile, das Lied ist außerdem im Regen situiert.
Das bissige "Do You Read Me", das stringente "Country Mile" mit Nashville-Twang sowie das kantige "Secret Agent" tragen ihren Teil zur geschliffenen Dramaturgie der Scheibe bei. In einer Zeit, als Geheimagenten Hochkonjunktur in TV, Kino und in der Cold War-Realität hatten, klang ein Songtitel wie "Secret Agent" äußerst catchy. "Country Mile" fühlt sich wie ein Ritt in Hochgeschwindigkeit an, Gallagher schwingt die Gitarrensaiten wie Lasso und Peitsche, irre Nummer.
"Edged In Blue" ist ein Tarn-, Tricks- und Täusch-Track. Das balladesque Steh-Blues-Intro schreit förmlich nach einem Satriani-Cover, während der gesungene struppige Hauptteil fetzt und zugleich Melancholie ausweidet. Stilistisch lässt sich manche Parallele zum in der Vorwoche besprochenen Ian Dury und dessen Stakkato-Vorliebe hier nicht verhehlen. Das wenige, was man an Lead-Guitar in "Edged In Blue" zunächst hört, mutet wie ein Amplifier-Unfall an, doch einzelne, auserwählte Töne pflegen die Eleganz eines George Harrison.
Manche CD-Prints umfassen die Bonus-Tracks "Rue The Day" und "Public Enemy No. 1 (B-Girl Version)", letztere hat eine natürlichere Abmischung als auf dem späteren "Top Priority"-Album. Die Vocals kommen besser zur Geltung, das Ganze klingt weniger elektrisch und überladen, entschlackter, besser, und zeigt Rory von seiner dreckigeren Seite ohne Arabellapark-Politur. "Rue The Day" kehrt sein Verständnis von Rock'n'Roll nach außen, der sich bei ihm geschwungen und luftig entwickelt, ein wenig bei Little Richard Anleihen nimmt, aber vor allem der Interpretation von The Kinks ähnlich ist, so wie auch sie Rock'n'Roll gelegentlich auf ihren 70er-Jahre-Alben aufbereiteten.
Zahlreiche Stücke des binnen 50 Jahren bestens gealterten "Calling Card" finden sich auf den zugehörigen Tour-Mitschnitten "Check Shirt Wizard - Live In '77'", speziell "Do You Read Me" gibt es inzwischen in einer interessanten Version aus dem BBC-Archiv. Gegenüber "Tattoo", das bereits mit etlichen Stilen flirtet, hat sich der Künstler deutlich von der Gitarre auf den Gesamt-Sound hin weg bewegt und von den Mississippi-Wurzeln seiner Musik noch ein Stück weiter hin zu Kompositionen, die aus sich selbst heraus, ohne in ein Genre passen zu wollen oder zu müssen, sehr originelle Songs sind.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


3 Kommentare mit 3 Antworten
Meilenstein für Rory Gallagher find ich spitze, aber über so ein bisschen Begleittext hätte ich mich schon gefreut.
Chapeau! So schnell habt Ihr noch nie auf Kritik reagiert.
Juhu, ein Meilenstein über Rory Gallagher! "Calling Card" erschien allerdings 1976, nicht wie angegeben dieses Jahr
Da ist was dran, danke für den Hinweis !
Um noch etwas Klugsch***ei nachzulegen: Wenn man "Calling Card" mit "Visitenkarte" übersetzt, erleichtert das m.E. die Interpretation gegenüber "Telefonkarte" erheblich.
Wow, kannte den kaum bzw. mich interessierten andere Gallaghers bisher mehr, aber dieses Album ist schon wirklich gut!