laut.de-Kritik

Andere haben mehr Rory-Spirit.

Review von

Was Joe Bonamassa aus B.B. King herausgeholt und für ihn getan hat, war im Februar tief beeindruckend. Der Mann mit den meisten hochgecharteten Alben der letzten 15 Jahre in Deutschland lässt mit Output nicht locker, und entschied sich abermals für ein Tribute. Dieses Mal ist der Ire Rory Gallagher dran, der sich ebenfalls zum vollbrachten Werk nicht mehr äußern kann, nachdem er sich vor langer Zeit zu Tode gesoffen hat.

Gallagher ist bis heute gern gesehenes Tribute-Thema. Brute Force And Ignorance aus Münster, Blueprint aus dem Raum Karlsruhe, Etched In Blue aus dem Saarland, The Rory Gallagher Experience aus Köln, Loose Talk aus Burghausen, The Factory-bluesXtended aus Nürnberg - sie alle interpretieren hierzulande auf ihre jeweilige Art die gitarrenzentrierten Melodien von Rory, seine unnachahmlichen scharfen, straighten Rhythmen und das, was man "The Spirit Of Rory" nennt. In Fürth findet jeweils Ende November ein Rory Gallagher-Weekend mit internationalen Cover-Bands statt, hochwertigen, muss man anerkennend sagen. In Donegal in Irland gibt es sowas auch, und somit stellt sich die Frage, welches Selbstbewusstsein Joe Bonamassa reitet, sich zwischen diesen Events und hochspezialisierten Könnern auch noch einzusortieren.

"Live From Cork" spielt er mit seiner Band auf, eine einfache Sache, Joe hat Routine mit Live-Alben. Herausfordernd ist der andere Part im LP-Titel: Dieser Spirit, "The Spirit Of Rory" ist schwer zu greifen, jedenfalls hat Bonamassa mit dem vorderen Teil seines Plattentitels sicher Recht. Da gibt es etwas Eigenartiges, einen Mix aus Verzweiflung und Dynamik, untrennbar verbunden mit irischen Pubs, langen Wintern, wärmender drahtiger Musik. Nur, erkennen und umsetzen sind zwei Paar Schuhe: Bonamassa ist jetzt bei aller Raffinesse an den sechs Saiten nicht prädestiniert, ausgerechnet Rorys Vorlagen in tolle Torschüsse umzuwandeln.

Da gibt es viele Hindernisse. Das erste schreckt sofort beim Einstieg ab, der "Cradle Rock" zieht sich unter ausuferndem Gegniedel hin und bleibt bis zum letzten Ton eine Zurschaustellung von Joes technischen Fertigkeiten an der Lead. Gegenüber dieser Aufnahme hat noch "Peter Bursch's Blues Gitarren-Buch" mehr Spirit. Der zweite Stolperstein verfolgt einen leider durchs ganze Album hindurch und betrifft die Vocals. Bonamassa weiß ja sehr wohl, dass andere Ladies and Gents viel besser B.B. King nachsingen können als er selber, nur hat er dem kein Sequel folgen lassen. Gerade Gallaghers Stimme und Phrasierung sind ausgesprochen speziell und unique. Da spielt die leichte irische Färbung mit hinein, dann diese Spur vernuschelt, teils aber auch wie ausspuckend, die Rory manchmal sang, ein Timbre mit vielen Schattierungen, das je nach Stimmung und Spieltempo sehr mannigfaltig klang.

Die Melancholie und Erschütterung, aber auch das Entschlossene, das speziell seine Songs Ende der 70er ausdrückten, transportierten sich maßgeblich über den Gesang. Da bietet Bonamassa (künstlerisch) vergleichsweise gar nichts. Er ist ein technischer Dienstleister, er wandelt die Liedtexte korrekt in Laute um. Aber genauso könnte er den Job an eine K.I. delegieren, denn er bleibt die ganzen 14 Tracks hindurch statisch und vorhersehbar. Und gerade Schwermut, Erschütterung und Entschlossenheit sind jetzt auch nicht die Rollen-Merkmale, die man Bonamassa direkt auf den Leib schneidern möchte. Drittes Manko: Er ist weder Melancholiker noch dieser Typus Loser, den im Blues ja viele andere viel überzeugender verkörpern können und der bei Gallagher nun mal leider autobiographisch authentisch war. Bonamassa ist ein erfolgreicher, strukturierter Businessman ohne Ecken und Kanten, und das macht dieses ganze Tribute ausgesprochen langweilig.

Trotzdem sind einige der ausgewählten Stücke unkaputtbar. Egal, wer sie spielt und halbwegs von Bluesrock Ahnung hat, wird mit der "Tattoo'd Lady" reüssieren müssen. Der unvermittelte Einstieg, das Stakkato, der rhythmische Sog, die Leichtigkeit der Nummer, die immer so anmutet, als ob ihr jeweiliger Gitarrist auf einem Pferd daher geritten kommt und im Hoppel-Galopp die Saiten durchstreift: All das kann auch Bonamassa dem Lied nicht nehmen. Er findet aber auch keinen neuen Zugang, nicht mal in unserer Zeit, in der fast jede Lady Tattoos trägt. Viertes Problem: Es gibt hier wie auch bei weiteren Tracks keine neue Textzeile, keinen anderen Aufbau der Nummern, Joe nimmt nichts weg, fügt nichts Wesentliches hinzu, außer manchmal etwas mehr Gegniedel. Schlussfolgerung: Gleich das jeweilige Original hören!

Bei "Tattoo'd Lady" macht das sowieso mehr Spaß, aber auch nicht jeder ausgesuchte Song repräsentiert Rory so vorteilhaft. Da gab es doch viel einzigartigere, spannendere, originellere Kompositionen als etliche der hier versammelten. Von "Laundromat" und "Crest Of A Wave" über "Cross Me Off Your List" und das sagenhafte "Moonchild" bis "Public Enemy No 1" hat Gallagher doch so irre viel Charisma zu bieten, dass Bonamassas Liste wie der Versuch wirkt, die möglichst puristischen Blues-Titel raus zu filtern und dadurch ein völlig verzerrtes Bild von Gallagher wieder zu geben, der ja alles andere als ein Traditionalist war.

Der Ire hatte Pub-Rock, English Folk, Hardrock, Northern Soul und Progressive jeweils in entscheidenden Spurenelementen in der Musik mit verwurstet, gleichwohl der Blues die Basis blieb. Der fünfte Minuspunkt also: Bonamassa wählt eine verflachende Darstellung und macht aus Rory einen Clapton, der ein bisschen wie ZZ Top und Stevie Ray Vaughan klingen soll, also mehr Wumms und Nachdruck hat. Das ist sehr schade. Denn es gibt auf jeder Rory-LP ein, zwei Songs, die in dieses Pattern passen, aber "The Spirit Of Rory" fängt man so mit dieser Selektion nicht ein. Es geht hier wohl prioritär darum, welche Lieder in Joes eigenen Stil passen.

Ein sechstes Defizit, das wiederum mit der Track-Auswahl zu tun hat, sind die Cover-Songs, die schon bei unserem Helden der Siebziger seinerseits Covers waren. Davon hatte er gar nicht so viele, aber genau sie pickt Joe sich heraus. "I Wonder Who" gelingt zwar echt hübsch mit Fender Rhodes und Wurlitzer, verfehlt hier aber das Thema. Es ist eine Muddy Waters-Ballade, aber schon Bernie Marsden verwendete sie für sein Tribute, "Bernie Plays Rory" - kein neuer Einfall. Es steckt auch kein Clou drin, klingt aber schön. "Treat Her Right" haben so viele von Bon Jovi bis Jimmy Page durchgenudelt und ist ebenfalls nicht Rory-spezifisch. "As The Crow Flies" ist ein Tribute an Tony Joe White, und Bonamassa hat diesen Titel schon 2009 auf "The Ballad Of John Henry" gecovert.

Schaut man ins Video-Material, tut sich die siebte Hürde auf: Wer soll sich das anderthalb Stunden lang auf einem Monitor anschauen? Der Protagonist zuckt gelegentlich mit dem Kopf, schaut meist zu Boden. Er reagiert auf die versuchten Blickkontakte seines Nebenmannes selten, erscheint in edlem Zwirn, mit Weste und fortwährend Gesichtsausdrücken, als wäre dies das Casting für ein Ralf Stegner-Double. Abgearbeitet sieht Bonamassa aus, aber nicht inspiriert. Er geht seinem Tagewerk nach, wie andere Brötchen backen oder Versicherungs-Akten prüfen. Restlos enttäuscht er mich dann bei einem meiner Gallagher-Favourites, "Calling Card". Das führt die Band so abgeschlafft auf, dass es gleich Curtis Stigers darbieten könnte.

Was haben wir dann Positives? Nun ja, das Handwerk ist eins A. Das wusste man schon vor dem Hören. Auf der stimmlichen Ebene beherrscht das Stegner-Double eine von Rorys Varianten, nämlich die keifende. Der vermeintlich auf heißen Kohlen laufende Joe scheint zwar dennoch in seinem Vortrag von "Walk On Hot Coals" etwas emotional unbeteiligt und im Kopf bereits die nächsten drei Alben zu planen, aber das Ganze passt schon. "Who's That Coming?" verliert sich auf angenehme, meditative Weise, und für "Bad Penny" trifft Bonamassa sofort alle Nuancen des Songs und steuert zielstrebig auf den feurigen Höhepunkt zu. Da hat mal alles Hand und Fuß und dröhnt Bonamassa auch gesanglich mit Nachdruck. Die Kompetenz, Cover-Material live brillant zu erschließen, möchte ich dem Blues-Unternehmer nicht absprechen, hat er doch hier schon die Bestwertung an der Seite von Joanne Shaw Taylor kassiert. Was "The Spirit Of Rory - Live From Cork" betrifft: Spart euch das Geld, und schaut euch die eingangs genannten Cover-Combos an.

Trackliste

  1. 1. Cradle Rock
  2. 2. Walk On Hot Coals
  3. 3. Tattoo'd Lady
  4. 4. I Wonder Who
  5. 5. Calling Card
  6. 6. Who's That Coming?
  7. 7. Messin' With The Kid
  8. 8. Bullfrog Blues
  9. 9. Treat Her Right
  10. 10. Bad Penny
  11. 11. I Fall Apart
  12. 12. A Million Miles Away
  13. 13. As The Crow Flies
  14. 14. Back On My Stompin' Ground

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2 Kommentare

  • Vor 55 Minuten

    Zu allererst: Rory war mein absoluter Held! Er ist einer der Gründe, warum meine erste elektronische Gitarre, damals in den 70ern, eine Strat sein musste. Ich war erschüttert, wie sich langsam zu Tode soff und auch die Konzerte waren nicht das mehr, was sie in den 60 und 70er waren. Joe bleibt Joe, also wusste ich schon vorher, dass seine Auftritte in Cork eine eher polierte Angelegenheit werden würden. Er hat Rory interpretiert und nicht kopiert, das könnte auch niemand. Und in diesem Rahmen finde ich die Stücke doch gelungen. Dazu bringt er den Namen Gallagher jüngeren Menschen zu Bewusstsein. Außer uns Gitarrenfreaks kennt Rory kaum noch jemand. Und wenn diese Platte den Bekanntheitsgrad von Rory Gallagher zur heutigen Zeit steigern kann, dann ist das für mich eine durchaus positive Sache. Rory war schon ziemlich einzigartig. Ich würde 4 Sterne geben weil sowohl die Auswahl der Stücke, als auch die Interpretation, respektvoll war.

  • Gerade eben

    Ein Gitarrist, der unbestritten höchstes technisches Können besitzt, aber halt völlig ohne Seele, ohne Gefühl spielt, spielt die Musik eines Gitarristen, der als Inbegriff des mit Seele und Gefühl spielenden Gitarristen gilt.