laut.de-Kritik

So geht Blues-Hommage.

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Nicht schon wieder ein Album von Joe Bonamassa, nicht schon wieder ein Blues-Cover-Album – der Reflex ist verständlich. Um so erfreulicher, dass "B.B. King's Blues Summit 100" genau diese Skepsis elegant unterläuft. Denn hier wird nicht aus Ideenarmut recycelt, sondern aus Respekt kuratiert: eine würdige, großzügig gedachte Hommage an B.B. King, der im vergangenen Jahr 100 geworden wäre. Über 40 Musiker gratulieren, und das Album fühlt sich tatsächlich wie ein Gipfeltreffen an, nicht wie eine Pflichtübung.

Bonamassa lässt seine Kontakte spielen, aber nie protzig. Eric Clapton, Buddy Guy und Chaka Khan sind nur einige prominente Namen auf einer Gästeliste, die vor Qualität platzt. Entscheidend ist: Dieses Album illustriert nicht nur Kings epochalen Gitarreneinfluss, sondern rückt ebenso seine oft unterschätzte stimmliche Präsenz ins Zentrum. Die vokale Vielfalt ist kein Beiwerk, sondern programmatisch.

Schon der Opener setzt ein Ausrufezeichen: Christone "Kingfish" Ingram gießt "Paying The Cost To Be The Boss" in einen zeitgemäßen Sound, ohne die Seele zu verraten. Streicher und Bläser sorgen für einen warmen, satten Bluesglanz, der Tradition nicht konserviert, sondern atmen lässt. Marcus King übernimmt anschließend "Don't Answer The Door" und bringt einen erdigeren, rockigeren Ton ein, der überraschend organisch wirkt.

Bemerkenswert ist, wie sehr Bonamassa sich selbst zurücknimmt. Dass man zwischendurch vergisst, wessen Name auf dem Cover steht, ist kein Diss, sondern eine Leistung. Besonders deutlich wird das bei "To Know You Is To Love You", in dem Michael McDonald, Susan Tedeschi und Derek Trucks glänzen. Mehrstimmigkeit, dezente Bläser und punktgenaue Gitarrenarbeit greifen hier so selbstverständlich ineinander, dass der Song beinahe neu geboren wirkt. Nach einem geschmeidigen "Let The Good Times Roll" folgt eines der vielen Highlights: Buddy Guy liefert mit "Sweet Little Angel" eine Interpretation ab, die dem Original gefährlich nahekommt, virtuos und alterslos.

Shemekia Copeland, Myles Kennedy und Slash bei "When Love Comes To Town" brechen – im besten Sinne – richtig aus. Das wird zum Blues-Rock-Monument: Slash zügelt sich, Copeland und Kennedy tragen den Song mit Wucht und Gefühl. Dass dieses Trio gemeinsam zur Höchstform aufläuft, überrascht kaum, zählen Slash und Kennedy im Duo doch erfahrungsgemäß zur Königsklasse.

Natürlich darf auch "The Thrill Is Gone" nicht fehlen. Bonamassa holt sich Chaka Khan und Eric Clapton dazu, eine gute Wahl. Das Original übertreffen zu wollen, wäre fast schon Gotteslästerung, stattdessen wird der Blues gefeiert. Khans Stimme verleiht dem Klassiker eine neue Perspektive, ohne ihm den Schatten zu stehlen.

Jimmie Vaughan macht seinem Familiennamen mit "Watch Yourself" alle Ehre. Und als wäre das noch nicht genug, bluest sich Keb'Mo entschleunigt durch das Doppelalbum, bevor an anderer Stelle eine energiegeladene Version von "Heartbreaker" wieder auf die Tube drückt.

32 Tracks, verteilt auf ein Doppelalbum, klingen zunächst nach Überforderung. "B.B. King's Blues Summit 100" aber entzieht sich dieser Gefahr vollständig. Die enorme Laufzeit wird nicht zur Belastung, sondern zum Statement: Der Blues ist kein kurzes Zitat, sondern ein Kosmos. Zwischen entschleunigter Eleganz und kraftvollen, beinahe rockenden Momenten bleibt das Album durchgehend fokussiert und überraschend.

Was dieses Projekt letztlich so außergewöhnlich macht, ist seine Haltung. Hier versucht niemand, B.B. King zu übertreffen, zu modernisieren oder zu korrigieren. Stattdessen bekommt jeder beteiligte Musiker genau den Raum, den ein Song braucht. Das Ergebnis ist kein Tribute im klassischen Sinne, sondern ein Dialog über Generationen hinweg, der zeigt, wie lebendig, wandelbar und relevant dieser Blues bis heute ist.

Und auch Joe Bonamassa selbst gewinnt gerade durch seine Zurückhaltung. Er ist Gastgeber, Kurator, Ermöglicher – und beweist damit vielleicht eindrucksvoller als auf jedem Soloalbum, wie tief sein Verständnis für diese Musik tatsächlich reicht. Dass man ihn dabei immer wieder vergisst, ist das größte Kompliment.

Einzelne Highlights herauszugreifen bleibt unmöglich, weil jede Interpretation auf ihre eigene Weise glänzt und dem Gesamtbild dient. "B.B. King's Blues Summit 100" ist kein Fanservice, kein Namedropping, kein Selbstzweck. Es ist ein leidenschaftliches, respektvolles und erstaunlich geschlossenes Großprojekt, das den Blues nicht museal konserviert, sondern feiert, weiterträgt und öffnet.

Trackliste

CD1

  1. 1. Paying The Cost To Be The Boss feat. Christone “Kingfish” Ingram
  2. 2. Don’t Answer The Door feat. Marcus King
  3. 3. To Know You Is To Love You feat. Michael McDonald, Susan Tedeschi & Derek Trucks
  4. 4. Let The Good Times Roll feat. Kenny Wayne Shepherd & Noah Hunt
  5. 5. Sweet Little Angel feat. Buddy Guy
  6. 6. When It All Comes Down (I’ll Still Be Around) feat. Larry McCray
  7. 7. When Love Comes To Town feat. Slash, Shemekia Copeland & Myles Kennedy
  8. 8. The Thrill Is Gone feat. Chaka Khan & Eric Clapton
  9. 9. Watch Yourself feat. Jimmie Vaughan
  10. 10. Why I Sing The Blues feat. Bobby Rush
  11. 11. Sweet Sixteen feat. Jimmy Hall & Larry Carlton
  12. 12. Don’t You Want A Man Like Me feat. Larkin Poe
  13. 13. I’ll Survive feat. Keb’ Mo’
  14. 14. Heartbreaker feat. Trombone Shorty & Eric Gales
  15. 15. There Must Be A Better World Somewhere feat. George Benson
  16. 16. Chains And Things feat. Gary Clark Jr.

CD2

  1. 1. How Blue Can You Get feat. Warren Haynes
  2. 2. You Upset Me Baby feat. Chris Cain
  3. 3. Ghetto Woman feat. Ivan Neville
  4. 4. Night Life feat. Paul Rodgers
  5. 5. Ain’t Nobody Home feat. Jade MacRae & Robben Ford
  6. 6. Bad Case Of Love feat. Joanne Shaw Taylor
  7. 7. Never Make A Move Too Soon feat. Dion
  8. 8. Three O’Clock Blues feat. Marc Broussard
  9. 9. Think It Over feat. Train & Chris Buck
  10. 10. It’s My Own Fault feat. Kim Wilson
  11. 11. Every Day I Have The Blues feat. D.K. Harrell
  12. 12. Please Accept My Love feat. John Nemeth
  13. 13. So Excited feat. Aloe Blacc
  14. 14. When My Heart Beats Like A Hammer feat. Dannielle De Andrea
  15. 15. Playin’ With My Friends
  16. 16. Better Not Look Down feat. Kirk Fletcher

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