laut.de-Kritik

Unwürdige Selbstbehandlung einer Schlagerlegende.

Review von

Erst vor wenigen Monaten wurde ich im Rahmen einer feuchtfröhlichen Betriebsfeier auf den Genius von Howard Carpendale aufmerksam gemacht. Zuvor hielt ich ihn für eine Art Rudi Carrell, einen Wetten Dass-Typ mit drolligem Deutsch halt, aber keinesfalls einen echten Musiker, und eher auf dem notgeilen Ende des Altherren-Gottschalk-Kumpelspektrums angesiedelt. Der letzte Eindruck stimmt zu 100 Prozent ("Sophia Loren"), dazu kommt ein beachtlich oft durchschimmernder misogyner Zug, denn meistens wissen die Weiber einfach nicht, was gut ist, bis der Howie es ihnen zeigt. "Zeitlos", möchte man es euphemistisch ausdrücken.

Ganz ohne Euphemismus, guten Willen, einer gewissen Offenheit und sieben bis acht Kirschlikör geht "Zeitlos" auch nicht – aber mit dieser Bewaffnung, da reicht es zumindest für die Frage: Was kann diese Scheibe besser als die früheren? "Zeitlos" hört sich über 46 Songs zumeist gleich an, aber halt immer im Kern ein kleines bisschen großartig. Zumindest fast immer – zu viel Zierrat bei manchen Liedern und mangelnde Geschwindigkeit wie "Du Fängst Den Wind Niemals Ein" wirft genauso Sand ins Getriebe wie für den Maestro völlig unpassende Cover im Stile eines "Tür An Tür Mit Alice".

Denn Druck kann der Deutsch-Südafrikaner so wenig (s. "Das Alles Bin Ich") wie authentisches Schmachten. Seine Stärke liegt im souveränen Croonen ("Nachts, Wenn Alles Schläft"), bei dem er die Zahl Pi runterrattern könnte oder seine Lieder vom Rattern – oder wie Howie sagen würde: "Du Bist Doch Noch Hier". Die supersimplen Songs entfalten oft eine einschleichende Magie, verstecken sie ihre Struktur doch keinesfalls, sondern laden ein zu einer schlichten guten Zeit.

Das gilt aber viel mehr noch für Howies frühere Alben – denn auf "Zeitlos" fallen die Tracks in ihrer Grundstruktur fast immer auf einen Slowbumsbeat zurück, der den Zauber bricht ("Samstag nacht", "Hi"). Mit seinem langjährigen Kompagnon André Franke hat er die hier versammelten "Zeitlos"-Versionen geschaffen - schief und doch glatt produziert, ohne jeglichen Mehrwert und mit pseudoelektronischem Murks werfen eh schon schwächere Songs wie "Piano In Der Nacht" endgültig die Flinte ins Korn. Seine Wärme geht hier viel zu oft verloren, was die Abbrunzatis mit ihrer zwar nett gemeinten Schmiss-Unterstützung auch verkennen.

Der analoge, sparsam begleitete Carpendale ist der deutlich überlegene, und das macht "Zeitlos" als Album sinnlos, gibt es doch seit den 90ern zahllose überlegene Carpendale-Kompilationen. Als Erinnerung daran, wie geil dieser Typ sich anhören kann und wie viel Bock es macht, seinem entrückten, steifen Vortrag zuzuhören, ist es jedoch wichtiges Kulturgut.

Trackliste

  1. 1. Hi
  2. 2. Samstag nacht
  3. 3. Du Fängst Den Wind Niemals Ein
  4. 4. Es geht um mehr
  5. 5. Ein Neuer Morgen
  6. 6. Nachts, Wenn Alles Schläft
  7. 7. Ti Amo
  8. 8. Wie Frei Willst Du Sein?
  9. 9. Dann Geh Doch
  10. 10. Ungesagtes
  11. 11. Tür An Tür Mit Alice
  12. 12. Das Schöne Mädchen Von Seite 1
  13. 13. Emotionen
  14. 14. Mit Viel, Viel Herz
  15. 15. Hello again
  16. 16. Du Bist Doch Noch Hier
  17. 17. Piano In Der Nacht
  18. 18. Wem
  19. 19. Das Alles Bin Ich
  20. 20. Sophia Loren

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