laut.de-Kritik

Musik, die alle TikTok-Hypes überdauert.

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Mitski Miyawaki, kurz Mitski, galt vor zehn Jahren mit "Puberty 2" noch als Indie-Geheimtipp, avancierte mit "Be The Cowboy" zwei Jahre danach zum Everybody's Darling in der Musikpresse und landete 2023 mit der Single "My Love Mine All Mine" aus ihrem letzten Album "The Land Is Inhospitable And So Are We" einen Hit in UK und den USA, für den sie mehrfach Platin erhielt. Ihre Musik kann man sich auf TikTok mittlerweile kaum noch wegdenken und alleine in den Vereinigten Staaten blickt sie, dank Streaming, auf rund neun Millionen Verkäufe zurück.

Dennoch steht sie der Kommerzialisierung ihrer Kunst und der Musikindustrie im Allgemeinen sehr kritisch gegenüber. Auf "Nothing's About To Happen To Me" verbindet sie, musikalisch unterstützt von ihrer Band The Land sowie einem Orchester, den akustischen Sound des Vorgängers mit den kratzigen, verzerrten Indie Rock-Klängen früherer Scheiben.

Textlich erzählt sie die Geschichte einer Frau, die sich nach außen hin als Außenseiterin fühlt, während sie in ihrem heruntergekommenen Zuhause Freiheit findet. Dabei tun sich allerlei emotionale Abgründe auf. Es geht um Einsamkeit, um Verlust, um toxische Dynamiken, um weiblichen Schmerz, aber auch um das ausbeuterische menschliche Verhältnis gegenüber der Natur.

Der Opener "In A Lake" knüpft mit erzählerischen Vocals, traurigen Banjo- und Akkordeontönen sowie ergänzenden Bläser- und Streichersounds zunächst dort an, wo Mitski mit "The Land Is Inhospitable And So Are We" aufgehört hatte, endet jedoch mit einem lautstarken Crescendo. In "Where's My Phone?" treffen geradlinige Indie-Rock-Klänge auf geisterhafte Chor- und Orchesterarrangements. "Cats" lebt von wogender Instrumentation und brüchigem Gesang. Das große Finale bleibt aber aus. Ihre rauen Krallen fährt Mitski in "If I Leave" aus. "Dead Women" versinkt in einem Meer aus Streichern, während tiefe Akustiksounds und die schmerzhafte Stimme der 35-Jährigen ein flaues Gefühl in der Magengegend hinterlassen.

In "Instead Of Here" trügen die vermeintlich ruhigen Töne, wenn Mitski von Dissoziation und Suizidgedanken singt. "I'll Change For You" kommt im leichtfüßigen Bossa Nova-Gewand daher. Lyrisch animiert der Track aber eher dazu, sich der eigenen Traurigkeit hinzugeben.

"Rules" versprüht bluesiges Kneipenflair, bietet aber auch Big Band-artige Bläser. Die knorrigen Sounds und der verzerrt klingende Gesang in "That White Cat" erinnern an PJ Harveys "To Bring You My Love". Das countryeske "Charon's Obol" steht dagegen mit dramatischen Streichern, dunklen Chören und nachdenklichen Vocals den "Murder Ballads" eines Nick Caves näher. "Lightning" sorgt schließlich für einen krachigen Abschluss.

Leichte Kost bildet "Nothing's About To Happen To Me" sicherlich nicht. Dafür festigt Mitski nach ihren Pop-, Disco- und Folk/Country/Americana-Ausflügen auf den Vorgängern so langsam ihren Sound. Man hat das Gefühl, dass sich die japanisch-US-amerikanische Künstlerin nicht mehr beweisen muss, um etwas zu schaffen, das sämtliche TikTok-Hypes überdauert.

Trackliste

  1. 1. In A Lake
  2. 2. Where's My Phone?
  3. 3. Cats
  4. 4. If I Leave
  5. 5. Dead Women
  6. 6. Instead Of Here
  7. 7. I'll Change For You
  8. 8. Rules
  9. 9. That White Cat
  10. 10. Charon's Obol
  11. 11. Lightning

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