laut.de-Kritik
So was? Noch nie zuvor gehört.
Review von Dani FrommKreative Freiheit schreiben sich viele Künstler*innen auf die Fahnen. Wie weit es damit tatsächlich her ist, spiegelt sich oft in der Hilflosigkeit derjenigen, die versuchen, dem Gehörten das passende Etikett aufzukleben. Derer brauchte es im Fall Kabeaushé in der Vergangenheit meist mindestens ein halbes Dutzend. Industrial, Hip Hop, EDM, Gqom, Hip House und Rap waren darunter, und die Liste ist keineswegs vollständig.
Wenn so ein Act nach zwei vollkommen anarchischen Alben nun ein drittes aus dem Hut zieht, das in Story und Bildsprache strikt einem einheitlichen Konzept gehorcht, dann müsste das den galoppierenden musikalischen Wahnsinn doch eigentlich zwingend einhegen. Zumindest ein bisschen. Sollte man meinen. Bloß: Kabeaushé wird diese Erwartungshaltung genauso zu Staub zermalmen wie jede andere zuvor.
Die Herausforderung beginnt auch diesmal wieder beim Titel: Bei jedem anderen Act würde ich prophezeien, viel sperriger als "Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaaa" (ja, mit bizarr vielen Vokalen) könne es jetzt wirklich nicht mehr werden. Ich trau' mich allerdings nicht, THE SHÉ zu provozieren. Jede Wette, dass sich auch da noch Luft nach oben finden lässt.
Kabeaushé erzählt auf diesem Album eine zusammenhängende Geschichte: Song für Song begleiten wir den Protagonisten Iggy, Herr über das fiktive Doerf Kingdom, auf seinem Weg zu Ruhm und Ehre. Oder, je nach Perspektive, sein Abgleiten in Megalomanie und Wahnsinn. So oder so betrachtet, bleibt am Ende ein gebrochener, grenzenlos einsamer Charakter zurück.
Um seinem Publikum das Gefühl zu vermitteln, es habe sich in einen Film mindestens von "Metropolis"schem Ausmaß verlaufen, hätte Kabeaushé die einheitlich in strengem Schwarz-Weiß gehaltenen, zugleich minimalistisch und cineastisch inszenierten Videos gar nicht mitliefern müssen. Der monumentale Eindruck springt eine*n bereits mit den ersten opulent orchestralen Tönen der "Ouverture In E Minor" an und nimmt unmittelbar in den Schwitzkasten.
Spoiler: Dieser Würgegriff lockert sich bis zum Ende nicht mehr, dabei leistet sich Kabeaushé einen Stilbruch nach dem anderen. Es findet völlig widerstandslos zueinander, was nach keiner geltenden Regel der Kunst zusammenpassen dürfte: Hymnische Backgroundchöre und Falsettgesang, gniedelnde E-Gitarren-Riffs und ein verdammtes Spinett, 8-Bit-Computersounds, irres Gelächter, die Nase hochgezogener und ausgespiener Rotz und noch tausendundein weiteres Detail.
Die Melange, die Kabeaushé daraus anrührt, hat dieselbe paradoxe Wirkung, mit denen bereits die beiden Vorgängeralben verblüfft haben: Alles wirkt vertraut. Bei jeder Kleinigkeit, musikalisch wie visuell, denkst du dir: Huch, das kenn' ich, das hab' ich schon da oder da gehört oder gesehen, im Kopf gehen die Assoziationen berzerk, springen unkontrolliert in alle Richtungen davon - allerdings mit dem Effekt, dass das große Ganze dann ganz und gar nicht mehr vertraut wirkt und du dir, ganz im Gegenteil, denkst: Fuck, ey, SOWAS hab' ich zuvor wirklich noch nie gehört oder gesehen.
Als Beispiel für diesen absolut unerklärlichen Mechanismus lässt sich eigentlich jeder beliebige Track anführen. Nehmen wir zum Beispiel "Clams Are Just Shells": Synthies, Claps und Gesänge erschaffen eine Atmosphäre wie in einem 80er-Jahre-Actionstreifen. Wenn zur E-Gitarre im nächsten Moment Sylvester Stallone einlaufen und seine Kappe umdrehen würde: Also, mich würde das auch nicht mehr groß wundern. Statt dessen setzen ab der Hälfte trocken gerappte Parts ein, die in Komplizenschaft mit dem Beat so lange in alle möglichen Richtungen vor sich hertreiben, dass man sich am Ende fühlt wie in einem überdimensionierten Flipper eingesperrt, ohne jede Erinnerung daran, wie zum Teufel man da bloß reingekommen ist.
Oder "Untitled 1981": Es widerspricht im Grunde jeder Logik, wie etwas so knallhart, abgehackt, synthetisch, Rap-Lastiges so finster und gehetzt und zugleich nach so viel unbändigem Spaß klingen kann. "Y'all ready?" Ja? Nein, kein Stück! Aber Kabeaushé zählt eh schon ein, "one, two, three". Oder spricht da dieser Iggy? Egal, die Grenzen zwischen den Figuren und ihren Facetten verwischen genau so wie bei Kabeaushés Live-Shows die Trennung zwischen Performer und Publikum.
Der Wahnsinn der Storyline kulminiert in "I Don't Need You ...", wenn sich Claps, Falsett, das wie aus dem Ballsaal eines Märchenschlosses stibitzte Spinett mit bratzigen Bläsern und johlenden Massen in wahre Hysterie hineinsteigern: definitiv Material für die große Bühne. Danach verdunkelt sich die Stimmung zusehends. Nummern wie "We Have Ourselves A Shekdown" mit Bass, Percussion und Operetten-artigen Soundfetzen oder "Before You Say" mit seinen weich fließenden Klavierklängen markieren allerdings nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm.
Das wirklich letzte Aufbäumen erfolgt im hysterischen "Never", das mit Peitschenknall vor sich her scheucht. Oder sind es Schüsse? Ganz gleich, "I need some claps, I need some drums", und dann "Go Forwards", in die Disco, in der sich Dancehall-typische Sirenen und eine Kirchenorgel zu der absolut entfesseltsten Version von Zirkusmusik verbinden, die ein menschliches Hirn nur ersinnen kann. Danach ist der Ofen wirklich aus, der wilde Ritt durch Dramatik, Irrsinn und Melancholie hat ein Ende. Für die angemessene Abspann-Musik in "Guardina" kehrt noch einmal das warme Piano aus "Before You Say" zurück. Uff.
Kabochi Gitau, der Mann hinter der Kunstgestalt Kabeaushé, braucht übrigens keine zehn oder mehr Genrebezeichnungen für das, was er da aus seinem Klangkaleidoskop schüttelt. Wenn du ihn fragst, erzählt er dir mit dem entwaffnendsten, breitesten, sonnigsten Grinsen der Welt: "Ich finde, das ist Pop." Hätten wir das also auch geklärt ... und jetzt geht hin und schaut euch dieses Spektakel live an. Ihr werdet es nicht bereuen.


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