laut.de-Kritik
Dem Establishment die Zornesröte ins Gesicht treiben!
Review von Christian Schmitz-LinnartzSeit Kneecap vor knapp zwei Jahren "Fine Art" veröffentlichten, ist viel Wasser die Liffey, den Shannon, den Lagan und leider auch die Themse herunter geflossen. Leider deshalb, weil es Kneecap eigentlich nicht interessieren sollte, wie viel Wasser die Themse führt, da sie London am liebsten politisch mit so viel Desinteresse begegnen wollen wie die Sinn Féin- Abgeordneten, die ihre Sitze dort seit Jahrzehnten verwaisen lassen, dem britischen Unterhaus.
Doch der britische Premier Keir Starmer hält Kneecap für eine Bedrohung. Nicht nur wegen ihrer uneingeschränkten Solidarität mit Palästina - denn die ist in der irischen Kulturszene schon lange common sense - vielmehr, weil sich uns' aller "Mo Chara" vor britischen Gerichten gegen eine Terrorismusanklage wehren musste, weil er auf einem Konzert eine Hisbollah-Fahne schwenkte, die jemand im Publikum auf die Bühne geworfen hatte. Dass die gesamte irische Kulturszene im Nahostkonflikt eher auf palästinensischer Seite steht, hatte im übrigen zur Folge, dass Kneecap vom letztjährigen Southside und Hurricane ausgeladen wurden.
Kneecap sind Downing Street Nr. 10 spätestens seit dem in großen Teilen autobiographischen Spielfilm "Kneecap" ein Dorn im Auge. London fühlt sich dadurch, dass da drei Leute aus West Belfast einen humorvollen und doch ernsthaften Umgang mit der irischen Identität pflegen, irischem Gälisch mit Rap wieder Leben eingehaucht und auf der irischen Insel eine immense Begeisterung für die Sprache entfacht haben, - excuse my bad Gaelge - immens ans Bein gepinkelt.
All diese Entwicklungen und Ereignisse spiegeln sich auf "Fenian" natürlich wieder. Die Strafanklage wird in "Carnival" verarbeitet, "Palestine" thematisiert den Genozid, Mikrofongast FAWZ rappt auf Arabisch, und anstatt leicht infantilem Humor à la "Kaboot, slán" wie auf I bhFiacha Linne" vom Vorgängeralbum bricht in vielen Songs die Frustration und Ohnmacht über die politischen Verhältnisse durch, so auf den beiden Vorabsingles "Smugglers & Scholars" und "Liars Tale".
Sich ins radikal-militant-republikanische Lager einordnen zu lassen, fällt ihnen dennoch nicht ein, von dem distanzieren sie sich. So hatten sie im Film schon eine Gruppierung namens Radical Republicans Against Drugs (RRAD) in Anlehnung an die historische RAAD durch den Kakao gezogen, das "Tiocfaidh ár lá", das in "Fenian" erschallt, bekommt im Kontext, der übersetzt "Darüber redet man, wenn man feiert. Mit Kneecap reden wir nur Blödsinn. Wer weiß, worüber oder über wen wir lachen? Tiocfaidh ár lá, wer sampelt das?" heißt, eine sehr ironische Konnotation.
Doch wo man politisch steht, daran gibt es schon durch die gesprochene irische Sprache keinen Zweifel, aber auch durch Songtitel wie "Occupied 6" - denn die Counties Antrim, Armagh, Derry, Down, Fermanagh und Tyrone (Fußnote, der Rezensent möchte betont haben, dass er die sechs Counties ohne Spicken aufzählen kann) sind immer noch besetzt durch - eben - Besatzer.
Apropos "Occuupied 6", beatmusikalisch werden die BPMs bis auf Ausnahmen wie "Headcase", "Big Bad Mo" und "An Ra" im Vergleich zum Vorgänger "Fine Art" wieder öfters heruntergeschraubt auf unter 100 und sind wie der von "Gael Phonics" wieder tiefer im Hip Hop verwurzelt. Auch rapstilistisch bewegt man sich weg von Garage- und Grime-Stilen hin zu klassischerem Rap. Während Clubsounds eher Party verheißen, transportiert der klassische Hip Hop-Rhythmus mit klassischerem Rap das Erheben der Faust und das Transportieren von Wut über die Verhältnisse besser, und das schwingt bei diesem Machwerk - ob bewusst oder unbewusst - einfach mit, genauso wie herzhaft eingesungene Hooks.
So kann ich mich nicht entsinnen, dass Mo Chara und Móglaí Bap selbst auf "Fine Art" auch nur eine Hook eingesungen hätten, hier sind es gar mehrere, in "Carnival", "Headcase", "Cold At The Top" oder "Irish Goodbye" geben sie ihr Gesangsspektrum zum Besten, von Fußballstadion-Vibes bis Popband. "Spektrum" ist ein gutes Stichwort zum Abwechslungsreichtum, denn den hat "Fenian" zu bieten, ist alles andere als monoton.
Feine Beats, gut gearbeitete Samples, technisch großartige MCs sowie düstere und hüpfende Rapbeats wechseln sich mit Clubbangern oder anmutigen Nummern wie dem Rausschmeißer "Irish Goodbye" ab. Dass Kneecap in diesem letzten Song von einem so relevanten und progressiven UK Artist wie Kae Tempest unterstützt werden und grundsätzlich im 'engen Land' einen riesigen Rückhalt in der Kunst- und Kulturszene haben, dürfte dem guten Starmer und dem politischen Establishment Englands fortwährend die ultimative Zornesröte ins Gesicht treiben.
Allein das schon dies wäre ein Grund, das Album über den grünen (dreiblättrigen) Klee zu loben, denn ein Hip Hop-Album, das intelligente Provokation ist, hat Karacho und Relevanz. Wenn man dann noch musikalisch gut ins Ohr geht und potentielle Evergreens wie "Cocaine Hill" abliefert, spielt man zweifelsfrei in der Liga um das Album des Jahres mit.


4 Kommentare mit 6 Antworten
Wird geholt
Fine Art hat mir schon gefallen
ich weiß, dass man in irland sehr geschlossen hinter palästina steht, was bei anderen europäischen linken gut ankommt... aber wir hatten 2025 einige wochen pogrom ähnliche ausschreitungen, weil wohl flüchtline ein irisches mädchen missbraucht haben sollen. da wurden dann flüchtlingsunterkunft angegriffen und es gab straßenschlachten mit der polizei... mglw sind die iren generell etwas eigen
https://time.com/7327499/dublin-riots-irel…
Ein ganzes Volk als meinungshomogen zu betrachten kommt mir irgendwo her bekannt vor… Ich komme einfach nicht drauf!
Auch Iren können sich iren.
…
die sind ja nicht einmal homogen ein einziges volk, so wie da bombenstimmung in belfast war bis ende der 90er. lustiger weise hat blood&honour in den 90ies noch gefordert die IRA(führung) zu hängen und ich bin dennoch sicher, dass leute, die b&h gerne gehängt hätten da an den riots beteiligt waren... wie gesagt. generell etwas eigen
NEIN! Nicht das Nahost-Thema...350 Kommentare incoming!
ich höre gerne die wolfe tones, das waren mit die ersten, die ich wahrgenommen habe, die (auch) auf gaelisch gesungen haben. deren sympathie für kolonialistische nationalstaaten hält sich auch in grenzen aber auf der anderen seite das sind erz-nationalisten, was ihre kleine grünen insel angeht
Wie kann man so einen Dreck gut finden, elende Antisemiten.