laut.de-Biographie
Kabeaushé
Stellt euch vor: Ein Kind namens Kabochi sitzt einsam an den Gestaden des Flusses Kagera, im Sinn nur eine einzige Sache: Es gilt, das weichste Material der Welt zu finden. Etwas, noch zarter als glitzernde Spinnweben oder die Federn von Eulenküken. Der Suche nach der verboten soften Substanz widmet Kabochi fortan seine ganze Existenz, bis eines Tages ...
Klingt märchenhaft? "Ja, aber es klingt auch viel spannender, als wenn ich einfach sagen würde: 'Hey, ich bin dieses Kind aus Nairobi', das ist doch stinklangweilig", erklärt Kabeaushé die poetische Origin-Story gegenüber The Quietus. Wobei auch die schlichte Version stimmen würde: Kabochi Gitau ist dieses Kind aus Nairobi, geboren und aufgewachsen in Umoja, einem Vorort der der kenianischen Hauptstadt, und (wie jedes andere Kind) beeinflusst von dem, das es tagtäglich hört.
Im Hause Gitau bedeutet das: eine Menge Musik. Die Mutter, eine talentierte Sängerin und zudem stark christlich unterwegs, beschallt Kabochi und ihre beiden Töchter mit jeder Menge Gospel, steht aber auch Folk- und Country-Musik nicht ganz abgeneigt gegenüber. Der Vater bringt soulige 70er- und 80er-Sounds ins Spiel. Im Radio laufen Klassiker von ABBA über Michael Jackson bis Frank Zappa und populärer R'n'B von Beyoncé über Ne-Yo zu Kesha und Pharrell. Dazu gesellen sich noch jede Menge kenianischer Benga und Lingala-Music aus dem Kongo. Per vom Cousin geliehenen iPod kommen obendrein Lil Wayne und Konsorten ins Spiel: eine wilde Mischung, die für späteres schrankenloses Schaffen offenbar äußerst fruchtbaren Nährboden bereitet.
Als Erweckungserlebnis beschreibt Kabochi allerdings den Kontakt mit Kanye Wests "Power": "So etwas Wunderschönes wollte ich selbst auch erschaffen." Dabei war das Ziel, Musik zu machen, anfangs gar nicht so klar umrissen: "Zeichnen, singen, ich habe alles mögliche ausprobiert", so Kabochi. Um den Vorbildern aus dem Fernsehen nachzueifern, erscheint ihm die Musik allerdings am zielführendsten. Die Ambitionen nämlich sind groß: "Ich will kein Nischenartist sein. Ich will auf die ganz großen Bühnen."
Zunächst bäckt Kabochi allerdings gezwungenermaßen kleine Brötchen. Aus dem äußerst mittelmäßigem Schüler, bei dem sich alle fragen, was er jetzt wohl wieder angestellt hat, wird ein zwar umtriebiger, aber chronisch abgebrannter junger Mensch. Kabochi versucht sich als Schauspieler, Radio-Moderator, ist bei MTV zu sehen. Trotzdem fehlt das Geld, um nach einer Familienfeier in Ruanda die Rückfahrt bezahlen zu können. "Irgendwann konnte und wollte ich das alles nicht mehr machen", so Kabochi gegenüber The Quietus. "Ich hab' mir gesagt: Ich fokussiere mich jetzt auf die Musik, ich gebe mir dafür ein Jahr. Vielleicht geht es schrecklich in die Hose, aber ich will mir nicht vorwerfen müssen, es nicht versucht zu haben."
Es geht nicht in die Hose. Statt dessen stolpert Derek Debru über Kabochis Soundcloud-Profil, Mitbegründer des Labels Hakuna Kulala und eine der treibenden Kräfte hinter dem Musikfestival Nyege Nyege. Erstmals Kontakt hatten die beiden schon früher gehabt, jetzt aber klickt es. "Wir wurden superenge Freunde, weil er genau so bescheuert ist wie ich." Debru lädt Kabochi nach Uganda ein. Zehn Tage Aufenthalt dort sind geplant. "Es war noch zu Covid-Zeiten. Ich hab' mich infiziert, also bin ich geblieben, und dann endete es so, dass ich mit all den anderen Artists des Labels abhing, bis mir irgendwann aufging: Fuck, ich bin schon sechs Monate hier! Ich muss nach Hause!"
Gebracht hat der Trip eine ganze Menge. Vor allem, so Kabochi, habe er in Uganda die Kunst erlernt, Menschen zum Tanzen zu bringen: fortan ein zentrales Element der Musik der Kunstfigur, die ebenfalls hier ihren Anfang nimmt. Damit soll eine perfekte musikalische Welt entstehen, in der jede coole Fantasie ihren Platz findet, vor allem aber Groove, Spaß und Genderfluidity. Kabeaushé ist geboren, The Shé.
Das Debüt-Album "The Comming Of Gaze" (Typo: gewollt) erscheint im Mai 2023 bei Hakuna Kulala. Kabeaushé bezeichnet es allerdings eher als eine Art Compilation, die die in den Jahren zuvor entstandenen Tracks bündelt. Der im selben Jahr via Monkeytown Records nachgelegte Zweitling "Hold On To Deer Life, There's A Blcak Boy Behind You!" (der Buchstabendreher: ebenfalls gewollt) wirkt entsprechend wesentlich stringenter, weniger zusammengewürfelt. Vollends einem Story-Konzept unterwirft sich 2025 "Iggy: Swaggering Ungreateful Incessant Little Peeeaaaaaaaa" (die bizarre Zahl der Vokale: ganz offensichtlich gewollt).
Von Beginn an bringt Kabeaushé seinen tanzbaren Wahnsinn zu den Menschen, tourt unentwegt, gleich das erste Musikvideo wird auf einer Burg in Belgien gedreht. "Ich habe bei meiner ersten Auftritt in Europa eine Regisseurin kennengelernt, sie hat sich um alles gekümmert. Ich musste nur beim Dreh auftauchen und süß sein." Mission: erfüllt. Nach mehreren Besuchen in Berlin steht außerdem fest: Hier findet Kabeaushé eine Wahlheimat.
Während Fans und vor allem die Musikpresse verzweifelt nach Bezeichnungen suchen, um das überbordende Chaos in Worte zu fassen (beim Reeperbahn Festival versuchen sie es etwa so: "Industrial Hip Hop kollidiert hier mit Gqom und Hip-House, Pop-Rap und EDM. Das Resultat? Nichts weniger als eine neue Form von ultratanzbarer Rapmusik, die klingt, als würden die Warboys aus dem letzten 'Mad Max' eine Strandparty mit den stärksten Ketamin-Cocktails diesseits von Mexiko City feiern."), bleibt Kabeaushé gelassen:
"Für mich ist das Pop", lautet die lapidare Selbsteinschätzung gegenüber glamcult.com. "Ich glaube wirklich, dass es das ist. Andere mögen es anders nennen, aber für mich zielt es wirklich darauf ab, so populär und zugänglich wie nur möglich zu sein. Die hohen Falsett-Stimmen erinnern daran, wie die Leute in den 60ern, 70ern und 80ern gesungen haben. Die Gitarrenriffs huldigen ebenfalls dieser Ära. Zugleich gibt es die Drums und Rhythmen, die sich zeitgemäßer anfühlen und die live gut funktionieren. Darauf lege ich wirklich Wert: dass die Musik auf der Bühne funktioniert, sich die Leute dazu bewegen können, mitgrooven."
Bei alledem lebt in Kabeaushé immer noch das Kind, ob nun das aus Nairobi oder das vom Flussufer, auf der Suche nach der ultimativen Weichheit: "Innerlich bin ich immer noch drei Jahre alt", offenbart ein Interview bei nataal.com. "Ich gerate immer noch wegen allen möglichen Sachen aus dem Häuschen. Ich habe keine Ahnung, was ich als nächstes tun werde. Aber was immer es sein mag: Ich weiß, es wird Spaß machen."


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