laut.de-Kritik

Aurora und ein Chemical Brother raven düster und unwiderstehlich.

Review von

Ähnlich wie die komplett erwartbare Kofferwort-Namenkreation Tomora war die Vorstellung, dass Tom Rowlands und Aurora eines Tages gemeinsame Sache machen würden, jetzt nicht die abstruseste Idee. Denn Tomora gab es quasi schon ein paar Male: Als Rowlands' Chemical Brothers 2019 ihr Album "No Geography" veröffentlichten, war Aurora auf gleich drei Tracks am Gesang. Im Gegenzug revanchierte Rowlands sich mit Produktionsbeiträgen zur 2024er-Platte der Norwegerin.

Erfreulicherweise ist Tomoras Musik kreativer als der Bandname selbst. Die Mischung aus Aurora und Rowlands wirkt komplett sinnig, sie beflügeln gegenseitig ihre Stärken und schaffen einen ästhetisch kongruenten Sound. Niemand tritt sich auf die Füße, beide bekommen genug Platz zum Strahlen. So nehmen sich einige Songs auf "Come Closer" auch mal Zeit für Instrumental-Passagen, in denen Rowlands verschiedene Synth-Texturen und -Melodien Gassi führen kann. Wiederum klingt Aurora hier noch charakterstärker als auf den Chemical-Brothers-Featuresongs. Sie probiert die ganze Bandbreite ihrer Stimme aus, von feenhaft weich zu tribal zu mächtig.

Auf dem eröffnenden Titeltrack geht sie dafür von bedachtem Flüstern in steile Höhen; nur leider haut der Song nicht so um, wie er sollte. Simple Pauken und ein Örgelchen warten gespannt, aber während der Ausbrüche bleibt noch zu vieles im Hintergrund verhalten. Ein wenig fehlen die Richtung und Entwicklung, wodurch sich die viereinhalb Minuten etwas ziehen. In "A Boy Like You" ist das aber direkt vergessen. Der Song ist zwar wesentlich weniger dramatisch, dafür funktioniert die Anspannung viel besser. Alles groovet lässig und finster, zwischen Depeche Mode, R&B und kindlichem Singsang croont Aurora großartig bedacht.

"Ring The Alarm" klingt so aufweckend wie der Titel, mit Schlachtruf-artigem Heulen und Jubeln. Fließend geht ein Drum'n'Bass-Beat in "My Baby" und somit in den saustarken Mittelteil des Albums über: ohrwurmige, aufregend produzierte und genremischende Songs. So klingt "Have You Seen Me Dance Alone?" verführerisch mediterran, ein Ausflug in die Schnittstelle zwischen Reggaeton und hyperaktiv flirrenden Synths.

Der catchieste Song der Platte – vielleicht sogar des Jahres bisher – kommt mit "Somewhere Else" um die Ecke: Auroras verwunschene Säuselei verbindet sich mit Rowlands' EDM-Euphorie, und die beiden wissen, dass sie hier eine der besten Melodien ihrer Karriere gefunden haben. Denn sie spammen diese Tonabfolge vier Minuten lang, doppeln sie mit Synths, harmonisieren sie – aber komplett zurecht. Davon kann man schlicht nicht genug bekommen.

So düster und industrial diese Platte an vielen Stellen ist, so sonnendurchflutet ist sie hier dann doch mal. Auch die beinahe acht Minuten von "I Drink The Light" machen mit dieser Energie weiter. Der Text erzählt davon, Lebensfreude wiederzuentdecken und sie gänzlich in sich aufsaugen zu wollen, "I just want to feel the whole sun in my mouth".

Einzig die ruhige, meditative Seite des Albums fällt etwas plätschernd aus. Um so mehr erfreut es, dass Tomora die Platte mit einem lauten Knall beenden. Der Rave von "In A Minute" baut sich repetitiv auf, doch den Drop zögern sie später heraus, als man es erwarten würde. Keine stumpfe exponentielle Steigerung und gerade deswegen ein befriedigendes Ende zum Album.

Somit ist Tomora eine wirklich gelungene Zusammenarbeit. Der chemische Bruder haut echt nochmal knallende und stimmungsvolle Produktion heraus, die gern auch mit Überraschungsmomenten um die Ecke kommt. Dabei schielt er genauso auf den Trip Hop, Big Beat und Drum'n'Bass der 90er wie auf moderneren EDM und Techno. Auroras Stimme platziert sich darauf oft so catchy und repetitiv wie solche gesampleten Vocal-Hooks, die man sonst oft in EDM- und House-Produktionen reinlegen würde. Doch bleibt sie dabei eine charismatische und stets wandelbare Präsenz am Mic, genauso expressiv wie Rowlands' Beats. Für alle, denen Auroras mystisches Feen-Gehabe bei ihren Solo-Sachen ein wenig zu eindimensional aufgetragen ist, gibt es hier somit viele nasty Gegenstücke.

Trackliste

  1. 1. Please
  2. 2. Come Closer
  3. 3. A Boy Like You
  4. 4. Ring The Alarm
  5. 5. My Baby
  6. 6. Have You Seen Me Dance Alone?
  7. 7. Somewhere Else
  8. 8. I Drink The Light
  9. 9. Wavelenghts
  10. 10. Side By Side
  11. 11. The Thing
  12. 12. In A Minute

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