laut.de-Kritik

In der Ruhe liegt die Kraft.

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Um die allumfassende Stille auf Mobys 23. Studioalbum richtig wertschätzen zu können, sollte man ganz an den Anfang seiner Diskografie springen. Damals, im Sommer 1993, platzierte Richard Melville Hall den Track "Thousand" auf internationalen Versionen seines im Vorjahr in den USA erschienen Debütalbums – und haute damit so richtig auf die Pauke. Erbarmungslos, ja fast unerträglich peitschte der Rave-Hit das Tempo auf über 1000 Beats pro Minute. Bis heute ist "Thousand" das schnellste Stück der Musikgeschichte.

Bei all den Tempowechseln, die Moby in seiner Karriere vom Punkrock-Schüler bis zum Electronica-Guru durchgemacht hat, verhält er sich auf "Future Quiet" oft so, als gäbe es gar keine Beats mehr. In einem Video, das der Musiker mit Anzug im Regen gedreht hat, holt er weit aus: "Die Wahrheit ist: Ich liebe laute Musik. Ich liebe energiegeladene und chaotische Musik, aggressive und wütende Musik. Ich liebe all diese verschiedenen Spielarten. Aber ganz tief drin brauche ich ruhige Musik. Ich habe gemerkt, dass sie mir am besten dabei hilft, mit Ängsten umzugehen". Im Promo-Statement ergänzt der gebürtige New Yorker: "Je lauter und verrückter die Welt wird, desto mehr brauche ich als Zuhörer und Musiker einen Rückzugsort der Ruhe".

Für sein Refugium räumt Moby viel Platz frei. "Future Quiet" entfaltet sich über vierzehn epische Kompositionen, die insgesamt die Spielfilmlänge von 85 Minuten erreichen. Die meisten Stücke dauern rund sechs Minuten, zwei überschreiten sogar die Acht-Minuten-Marke. Mit nur vereinzelt platzierten Drums und Vocals entwirft der 60-Jährige ein intensives, atmosphärisches Panorama aus Pianoklängen, Streichern und Ambient-Flächen. Von meditativen Pausen bis zu anschwellendem Pathos entsteht eine Klangpoesie, die reizfixierte Hörgewohnheiten herausfordert und in den besten Momenten kathartisch wirkt. Im Kontrast zur alltäglichen Dauerbeschallung wird Ruhe zum künstlerischen Statement.

Mustergültig sind gleich die ersten drei Arrangements. Als geschickte Einleitung ins neue Material dient der Klassiker "When It's Cold I Like To Die". Die Mid-90s-Elegie, die durch die TV-Serien "The Sopranos" und "Stranger Things" zu Mobys erfolgreichstem Song avancierte, hat mit dem Soul- und Gospel-Sänger Jacob Lusk ein stimmiges orchestrales Makeover erhalten. "This Was Never Meant For Us" spannt gekonnt den Bogen von melancholischem Sprechgesang zu einem massiven Synth-Sound. Noch grandioser gerät der Aufbau in "Retreat": Aus einem knisternden Piano- und Vocal-Loop entwickelt die fast siebenminütige Komposition mächtige Widescreen-Klangflächen, die selbst dem Ambient-Erfinder Brian Eno imponieren sollten.

Obwohl "Future Quiet" während seiner langen Laufzeit zwangsläufig monotone Züge aufweist, bleibt es kreativ und faszinierend. Lieder wie der Choral "Estrella Del Mar" mit Elise Serenelle, die Piano-Miniatur "Ruhe" oder das filmische Orchesterstück "Tallinn" setzen solange unbeirrt auf ihre Schwebe und ihre Pausen, bis die Musik sich erholt, sich wiederentdeckt und wirklich neu erscheint. Auch die Pop-Entwürfe überzeugen. Als einziger Song, der mit weniger als fünf Minuten auskommt, entwirft "On Air" mit dem Sänger serpentwithfeet eine zeitlose R'n'B-Reverie. Doch bereits zwei Tracks davor, als India Carney mit zarter und warmer Stimme die Zeile "Hide in the silence here" singt und sich ringsum eine magische Klangwand aufbaut, zeigt sich, dass Moby das Versprechen seines Albums einlösen wird.

Das tut er fast zu sehr. In den fünf finalen Instrumentals führt der DJ-Veteran das Ruhekonzept an seine Grenzen, indem er Songstrukturen zugunsten von improvisierten Erkundungen auflöst. "Selene" gibt sich mitunter so unscheinbar, dass es fast verschwindet. Als längstes Stück des Albums wagt "Great Absence" in acht Minuten und vierunddreißig Sekunden eine meditative Variation, die nahtlos in das sechsminütige "Mono No Aware" übergeht. Auf dem Höhepunkt erklingt "The Opposite Of Fear" als friedliches Rauschen. Näher an der Stille als an Musik.

Trackliste

  1. 1. When It's Cold I Like To Die
  2. 2. This Was Never Meant For Us
  3. 3. Retreat
  4. 4. Estrella Del Mar
  5. 5. Ruhe
  6. 6. Mott St 1992
  7. 7. Precious Mind
  8. 8. Tallinn
  9. 9. On Air
  10. 10. Selene
  11. 11. Le Vide
  12. 12. Great Absence
  13. 13. Mono No Aware
  14. 14. The Opposite Of Fear

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