laut.de-Kritik

Vibe zwischen Lagerfeuer, Tanzfläche und Herzklopfen in Pastell.

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Die Sache mit dem Déjà-vu ist ja: Eigentlich will man's nicht schon wieder erleben – und wenn doch, dann bitte wenigstens mit Gänsehaut-Upgrade. Clueso pendelt seit Jahren zuverlässig zwischen Singer/Songwriter-Intimität und Deutsch-Pop-Radiotauglichkeit. Und genau da setzt mit "Deja Vu 1/2" auch der erste Teil seines neuen Doppelalbums an, mit einem Vibe zwischen Lagerfeuer, Tanzfläche und Herzklopfen in Pastell.

Das funktioniert musikalisch oft erstaunlich gut, vor allem im Genre-Vergleich. Clueso kann singen, er kann erzählen, er kann Stimmungen bauen und vor allem kann er variieren. Das Problem ist nur, dass diese Variation nicht immer inhaltliche Schärfe mitbringt. Vieles bleibt zu angenehm, rund, weich – wie ein Cappuccino, der zwar perfekt geschäumt ist, aber dafür etwas fade schmeckt. "Deja Vu 1/2" ist weniger das Album, das umhaut, als eines, das zuverlässig das Erwartbare liefert – nur eben manchmal so zuverlässig, dass es auch austauschbar wird.

Der Opener "Gib Mir Was Echtes" startet textlich schwach und klingt dabei musikalisch so radio-geschniegelt und mainstream-poppig, dass er auch ein sauber abgemischter Zwischenspannungs-Track im Hörspielkosmos der "Drei Fragezeichen" sein könnte. Doch das hier ist keineswegs das Album eines Mannes, der nichts kann. Im Gegenteil: "Freier Fall" stellt ziemlich eindrucksvoll klar, wie breit Clueso gesanglich aufgestellt ist. Er beherrscht seine Stimme, kann weichzeichnen, anziehen, fallenlassen – und plötzlich ist da auch inhaltlich mehr als Wohlfühl-Postkartenprosa. Wenn Clueso an solchen Stellen wirklich zulässt, dass es wehtut, kippt sein Deutsch-Pop-Handwerk von "nett" zu "packend". Das Problem: Diese Momente müssen sich ihren Platz zwischen vielen sehr bequemen Sofakissen erst erkämpfen.

"Liebe Auf Den Letzten Blick" ist romantisch, lässt aber wenigstens ein paar der ganz abgenutzten Floskeln aus. Trotzdem bleibt es ein klassischer Deutsch-Pop-Liebessong, der exakt so klingt, wie ein klassischer Deutsch-Pop-Liebessong eben klingt: warm, rund, radiokompatibel. Das ist nicht schlimm, nur eben selten aufregend. Und wenn das Album später mit "Deja Vu" die Liebesballade ganz offen aus dem Schrank holt, klingt das wie schon Hunderte Male bei anderen Deutsch-Poeten gehört: "Doch die Wahrheit ist, ich wünsch' mir, dass du ohne mich nicht glücklich bist."

Musikalisch ist die Platte dann am stärksten, wenn sie von Song zu Song in Tempo, Stimmung und Form wechselt. "Verrückter Sommer" ist ein unkomplizierter Sommersong, der ins Ohr geht und leicht zum Mitgrooven einlädt. Noch ein Stück weiter nach vorne schiebt "Minimum" – erfrischend, tanzbar, mit Drive. Und genau hier liegt eine der großen Stärken des Albums: Es will nicht in einem Sound baden, sondern probiert sich durch. Das sorgt für Abwechslung, ja – aber es entlarvt auch, wie oft die Texte dabei auf Nummer sicher gehen. Vieles bleibt angenehm weichgespült, glattgezogen, ohne jene Ecken und Kanten, an denen man auch mal emotional hängenbleibt.

Spannender wird's, wenn Clueso seine Varianz nicht nur musikalisch, sondern auch in der Darreichung ausspielt. "Kissenmeer" zeigt mal wieder sein Können im Sprechgesang: nicht revolutionär, aber bemerkenswert souverän. Über einem entspannten Beat und einem melodischen Refrain werden Beziehungsfragen tatsächlich mal ein bisschen auseinandergenommen, statt nur geschniegelt aufgestellt. "Ballon" wiederum ist als Ballade nicht bloß eine Pflichtübung im Tracklisting, sondern gehört auch textlich zu den stärkeren Momenten – einer dieser Songs, bei denen man merkt, wie gut Clueso sein kann, wenn er nicht versucht, gleichzeitig Playlist-freundlich und bedeutungsschwer zu sein.

"Immer Wenn Du Nicht Da Bist" bringt einen allerdings wieder zurück in den klassischen Deutsch-Pop-Modus: austauschbare Melodie, austauschbarer Inhalt, als hätte jemand "Vermissen" in ein Formular getippt und die Standardantwort ausgedruckt. "Dieses Leben" und "Plattenladen" schieben danach einen Singer-Songwriter-Vibe rein, bleiben damit aber eher Kulisse als Ereignis – nett, unauffällig, vorbei. "Jedes Jahr" (feat. Chapo102) funktioniert als Kollabo überraschend ordentlich: Der Song klingt zwar weiterhin wie Deutsch-Pop nach Schablone, ist mit dem sich super einfügenden Feature aber gut gemacht.

Und dann ist da noch "Luft" – wortwörtlich ein Song zum Luftholen. Man könnte auch sagen, die Pause-Taste als Track. Was im Albumfluss gar nicht die schlechteste Idee ist, weil "Deja Vu 1/2" manchmal genau das braucht: einen Moment, in dem man kurz sortiert, was hier gerade Substanz hat – und was einfach nur sehr gut gemachte Komfortzone ist.

Zum Schluss zieht "Spinner Finden Sich" noch einmal an, endet rockiger, ein wenig episch, mit eingängiger Melodie – und auch textlich einen Tick griffiger. Ein Finale, das so wirkt, als wolle Clueso sagen: Ich kann das noch, ich will das noch, ich hab da noch was. Dieses Gefühl bleibt am Ende hängen: "Deja Vu 1/2" ist ein abwechslungsreiches, sauber produziertes Album mit hörbar starkem Sänger im Zentrum – aber auch eines, das sich zu oft mit der Oberfläche zufriedengibt, obwohl es Tiefe könnte. Vielleicht ist die "1/2" im Titel ja nicht nur Gimmick, sondern Versprechen: Dass die zweite Hälfte öfter dort landet, wo "Freier Fall", "Kissenmeer", "Ballon" und "Spinner Finden Sich" schon hinschielen.

Trackliste

  1. 1. Gib Mir Was Echtes
  2. 2. Liebe Auf Den Letzten Blick
  3. 3. Freier Fall
  4. 4. Verrückter Sommer
  5. 5. Kissenmeer
  6. 6. Immer Wenn Du Nicht Da Bist
  7. 7. Minimum
  8. 8. Ballon
  9. 9. Dieses Leben
  10. 10. Plattenladen
  11. 11. Jedes Jahr
  12. 12. Luft
  13. 13. Deja Vu
  14. 14. Spinner Finden Sich

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