laut.de-Kritik

Lasst alle Hoffnung fahren.

Review von

Ach ja, die Welt. Der Frühling steht in den Startlöchern, bald sprießen wieder Knospen und werden zu duftenden Blüten, die in einer immer wärmeren Sonne gedeihen und sich in der sanften Brise hin und her wiegen. Alles wird neu, alles wird schön, alles ist in Ordnung. Ist es natürlich nicht und spätestens jetzt sieht sich auch der letzte zweifelnde Mensch mit den Tatsachen konfrontiert: Wir sind gearscht.

Das unbestritten wichtigste Post-Hardcore-Outfit der Republik scheucht zum sechsten Mal die Krähen aus den absterbenden Ästen und erscheint finsterer und direkter denn je. Gemaule hört man generell zwar viel, aber das Aachener Trio um Raspelkehlchen Chris Hell trifft alle Nägel auf die Köpfe und legt ihr mit Abstand düsterstes Werk vor. "Belle Époque", der mittlerweile zynisch wirkende Begriff für den Zeitraum in Europa kurz vor zwei vernichtenden Weltkriegen, hat uns im Hier und Jetzt eingeholt. Es steht gefühlt ein drittes derartiges Event bevor. Das Narrativ des Albums ist eine apokalyptische Zeichnung des Ist-Zustandes in Politik und Gesellschaft, allerdings verpackt in sehr geschickt verklausulierte, bedeutungsschwangere Lyrik, mit der sich Fjørt schon seit Anfang ihrer Karriere in die Herzen der Konsument*innen geschlichen haben.

Gemächlich, regelrecht beschwingt (und im Nachhinein sarkastisch) beginnt "Messer" mit schwurbelndem Geklimper, bis ein nachtschwarzes, abgehacktes Riff die Stimmung zermalmt wie ein Panzer die Schneeglöckchen am Rande eines Schützengrabens. Eine Wand aus Klängen baut sich wie eine undurchdringbare Mauer auf, ein Gefühl des Unheils dringt in Mark und Bein, weder Licht noch Farben scheinen im Raum zu existieren. Nur indirekt greifbare Rhythmik, unvorhersehbare Akkordwechsel und vor allem das unverkennbare Organ des Sängers bringen uns direkt wieder mitten ins Geschehen und setzen genau dort an, wo "[nıçts]" vor vier Jahren verklungen ist. In Sekundenbruchteilen wandert die Stimme zwischen wütendem Geschrei und harmonischem, klaren Gesang hin und zurück. Die seit Anbeginn im Sound verankerten Post-Rock-Elemente finden weiterhin ihren Platz. "Ich sammle die Gewalt, bis sie mich killt". Verzweifelt und doch kämpferisch, schlicht atemberaubend.

Fjørt als reine Post-Hardcore-Band abzustempeln war schon immer reiner Hohn. Neben all den typischen Trademarks zeigen sie sich diesmal noch einen Deut vielseitiger. Das teils dissonante, ständig mit Höhen und Tiefen spielende "Hertz" lässt textlich sehr viel Spielraum zu Interpretationen, ohne dabei zu verhehlen, dass hier nichts Gutes behandelt wird. Mal leise schleppend, mal manisch aufgekratzt. Allerdings schleichen sich beinahe poppige Melodiebögen in das unbunte Treiben und gedoppelte Gesänge, bestehend aus cleanen und geshouteten Spuren. Elektronische, verstörende Klänge, ein tackerndes Geschnarre zieht sich bis in den nächsten Song.

Der Spannungsbogen und mit ihm eine unheilvolle Vorsehung hält bis in die ersten Takte von "'43" an. Die Parallelen der finstersten Zeit in der deutschen Vergangenheit zu aktuellen Geschehnissen gelingen der Band bildgewaltig. Neben laszivem, ja fast spöttisch wirkendem Klargesang, geschickten Tempiwechseln und diesen schmerzlichen und unbequemen Melodien, sind es vor allem die elektronischen Klänge, die wie kaputte Maschinen an den Nerven sägen. "Wir leben in Hakenkreuzzeiten / La résistance, Zeit, euch zu zeigen." Harte Worte in harter Musik.

Abwechslungsreich gelingt das thematisch vermutlich eher intime "Kalie", das gekonnt Elemente aus Post-Punk und sogar Emocore einstreut. Viele verborgene Melodien, die erst entstaubt und erkannt werden müssen, die beinahe im Stande sind, einen Hauch von Hoffnung aufleuchten zu lassen. "Wenn es dann zu spät ist, hab ich für euch Zeit / Wenn es dann zu spät ist, holen wir nach, hol ich auf." Wie gesagt, nur beinahe. Fjørt begnügen sich hier auch nicht mehr ausschließlich mit ihrer Muttersprache, sondern werfen immer häufiger englische oder französische Satzteile ein. Eine anfängliche Befremdlichkeit verfliegt sehr schnell.

"Mir" kommt im reinsten Punkgewand, neuzeitlich eingefärbt. Industriell angehauchte Sounds, es wummert und Sprechgesang mit angebracht unflätigen Formulierungen regiert. Im Midtempo, ohne merkliche Höhen und Tiefen, entsteht ein Gefühl von stagnierendem Protest, fette Riffmelodien wabern auf und ab, während stetige Wiederholungen der Worte tiefrote Unterstriche ziehen.

Das unfassbar gnadenlose, verstörende "Ær" geht als härtestes Stück des Albums durch, vielleicht ihrer gesamten Diskografie, aber mit viel Fantasie finden sich kämpferisch-hoffnungsvolle Lichtblicke im Text. "Ich hab die Faust in den Himmel gehoben / Zähne in Blut rieseln langsam zu Boden / Münder versuchen, noch einmal zu sagen / Niemals so sein, nie wieder klein." Die Worte wirken. Anleihen von Metal und Hardcore passen hier wie die berühmte Faust aufs Auge, ebenso die krank wirkenden, künstlichen Chöre. Nach dem düsterpoppigen, epischen, sehr elektronischen "Rott" übernimmt der Zynismus die Führung.

Zum einen verdichten sich die pop-artigen Strukturen, die neben dem gewohnten Gerüst in den den Vordergrund treten. Zum anderen ändert sich die Sprache in einen teils abstrakt wirkenden Zeitgeist-Sprech, der wie eine zynische Persiflage wirkt. "Danse" basht gleichermaßen bayerische Ministerpräsidenten und toxische Männlichkeit, gibt sich dabei aber wie ein eklig verruchtes Tanzstück, natürlich ohne die dem Album innewohnende Düsternis zu vernachlässigen. Zeilen wie "Wünsch mir die Boondock Saints zum regulieren" zeugen kunstvoll von einer unbändigen Wut.

"22.30" verweist noch viel bissiger, aber eben auch in einem musikalisch ähnlichen Gang auf die inhaltlichen Belanglosigkeiten in Gesellschaft und Social Media. Mit kaum erträglicher Erzählstimme, die wie so oft den Finger in die Wunde bohrt. Nach dem depressiven, eher ruhigen, vielleicht anfangs sogar balladesken "Yin", bäumt sich vor dem endgültigen Untergang am Ende die "Nacht" auf. Wie eine Art Resümee treffen hier neue und alte Trademarks und bilden ein dramatisches und dunkles Finale inklusive bewusst unzufriedenstellendem Post-Rock-Fade-Out.

"Da, wo wir sind, ist es düster / Leben wie Schlafparalyse / Wenn wir uns trennen, sind wir erledigt / Wir sind der Grund und das Ergebnis." Ein Album wie "Belle Époque" muss man wollen, wie alles, was potenziell Schmerzen verursachen könnte. Das Ergebnis ist kein schönes, aber dennoch großes Kino.

Trackliste

  1. 1. Messer
  2. 2. Hertz
  3. 3. '43
  4. 4. Kalie
  5. 5. Mir
  6. 6. Ær
  7. 7. Rott
  8. 8. Danse
  9. 9. 22:30
  10. 10. Yin
  11. 11. Nacht

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