laut.de-Kritik
Das Publikum singt mit wie auf einer Karaoke-Party.
Review von Philipp KauseErstmals bringt die energetische Bühnenkünstlerin Anastacia ihre Live-Atmosphäre auf einem Audio-Tonträger unters Volk, doch das erweist sich teilweise als mühseliges Geschäft. Auf "#ntk25 - Live In Concert" gehen Stör-Frequenzen und glanzloser Schepper-Sound mit dem Funk-Pop-Rock-Mix der in Deutschland beliebten Sängerin einher. Benannt ist das Doppelalbum, das mit DVD im Set auf den Markt geht, nach ihrer "Not That Kind"-Tour voriges Jahr.
Etliches vermittelt sich zwar recht solide, trackweise sogar gut. Doch bereits die schwachbrüstige Version des Eröffnungsstücks "One Day In Your Life" macht wahrlich keine gute Werbung für Anastacias Shows. Tolle Tunes tappen in trockene Ton-Wüsten ohne Gipfel und Täler. Beispiel: "Paid My Dues" etwa besitzt zwar eine unwiderstehliche Rhythmik. Aber die Höhen-Tiefen-Aussteuerung auf der Aufnahme wirkt dumpf, abgeschnürt. Bei der unsauberen Tonqualität springt nur wenig Groove über, die Bässe bleiben wie unter einer Bettdecke, das lässt sich noch nicht einmal mit Vintage-Charme entschuldigen.
Wenn Fehler im Taktmaß beim Schlagzeug-Spiel belassen werden, spricht das für die Authentizität des Mitschnittes. Er erscheint nicht als Continous Mix, sondern alle Tracks tauchen getrennt voneinander auf (wohl von unterschiedlichen Spielorten). Dadurch kann man jetzt nicht überprüfen, ob die Sängerin wirklich so knappe Ansagen macht oder diese nur hier so abgehackt enthalten sind. Jedenfalls täten ein paar anfeuernde Worte ans Publikum der Dramaturgie dieses Live-Albums durchaus ganz gut.
Neben eigenen, zahlreichen Klassikern wie "Left Outside Alone", die wohl jede:r über 30 kennt, covert Anastacia live ganz fleißig. An der rockigen Front machen die Resultate derweil einen semi-spannenden Eindruck. Weder dem Smash-Banger "All Right Now" aus den Sechzigern noch "Sweet Child O' Mine" aus den Achtzigern gewinnt Anastacia etwas Eigenständiges oder Bemerkenswertes ab. Viel mehr gibt sie Routine-Fassungen zum Besten.
Was hingegen zieht, ist das "Backings Medley", das als einheizendes Mini-Vibes-Spektakel gerne noch länger dauern dürfte, selbst wenn auch hier die Klangqualität eher mittelprächtig ist. Das Medley enthält schnell aneinander geschnitten die Welthits "Vogue" von Madonna, "This Is How We Do It" von Montell Jordan, "No Diggity" von Blackstreet und "Backstreet's Back" von den Backstreet Boys. Mehr als alles andere auf dieser Konzertplatte triggert dieses Potpourri den Jubel der Leute, und zwar durchaus nachvollziehbare Euphorie. Als weiterer Publikumsliebling sticht "Sick And Tired Of You" heraus.
Das Publikum sowie ein sich häufig bemerkbar machender Ko-Sänger, Nick, trällern wie auf einer Karaoke-Party den vielschichtigen und etwas melancholischen, warmen Soul-Reggae-Pop voller Bass-Knattern mit. Anastacia beweist auf dem Longplayer weniger, dass sie gut singen kann und eine lebhafte Ausstrahlung hat, sondern in erster Linie, dass sie sich ungewöhnlich anhört, bekanntlich irgendwo zwischen Tina Turner und ziemlich maskulin zu verorten. Allerdings steckt weniger Gianna Nannini-Lederjacke in ihr als gezähmte Fernsehgarten-Funkiness. Letztere liefert sie in "I Can Feel You" ab.
Auch "Nobody Loves Me Better", nicht verwandt mit dem gleichnamigen Bond-Titelsong, zitiert Funk und Fusion, kommt aber auf kein brauchbares Niveau. Während das Arrangement in Marschtrommeln versinkt, lässt die Soundspur das tiefe Bestreben durchscheinen, hier eine Impulskauf-Compilation für Grabbeltische von Autobahnraststätten und Drogeriemärkten unters Volk zu werfen, aber sicher nicht Anastacias Schokoladenseite nach vorne zu kehren.
Schade, dass es ausgerechnet bei einer so stark performenden Künstlerin misslingt, die Live-Aura ansatzweise on tape zu bannen. Das Produkt hat jedenfalls mehr mit Pinks letztem Tourneealbum gemeinsam als etwa mit Hochkarätern wie Jan Delays "Earth, Wind & Feiern - Live", wo man sich hautnah bei den Shows vor Ort wähnt, sobald man die Aufnahmen hört.
Der Kern von Anastacias Stil ist ihre raue Stimme. Bezüglich der Liedgestaltungen zeigte sie sich recht flexibel, zwar nicht beliebig, aber doch nicht allzu interessiert an der jeweiligen Historie der verschiedenen Genres, in denen sie wildert. Ihr Talent besteht in der überzeugenden Kreuzung und Durchmischung nicht allzu oft vermischter Elemente. "Staring At The Sun" auf dezenten Soul und raue Alt' Rock-Distortion aufschlagen. "Made For Lovin' You" packt ein bisschen Disco in den Stadion-Rock-Pop. Andererseits ist sich die meist eher uptempo performende Interpretin für eine kurze Schmachtfetzen-Strecke in der Show nicht zu schade. Sie besteht aus "Heavy On My Heart" und dem hollywoodesken Liebeslied "You'll Never Be Alone" - Pathos pur!
Wesentlich für die Ex-Wahlberlinerin bleibt seit jeher ihre Hookline-Architektur. So kalkuliert diese manchmal erscheinen mag, so schön sind doch oft die Melodien, Messages und der jeweilige Flow von Krachern wie "Now Or Never". Dass da keine besseren Aufnahmen und Abmischungen verfügbar waren, ist nicht verständlich. Insoweit bietet "#ntk25" keinen allzu beachtlichen Mehrwert. Man kann das schon mal hören, aber manche Handy-Aufnahmen bootleggender Fans auf YouTube klingen heutzutage edler.


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