laut.de-Kritik
Ernste Gedanken, gemütlich und schwerelos performt.
Review von Philipp KauseKnapp 26 Minuten oszillieren formattechnisch zwischen EP und Album. Nachdem Sheryl Crow vor geraumer Zeit Brustkrebs überwunden und Phasen der Depression hinter sich hat, hatte sie schon 2019 ihre Rente angetreten. Sie überlegte sich das aber sogleich noch einmal und war rasch wieder da. Seither hat sie wohl doch zu viel Freude am Touren, Komponieren, Texten und Aufnehmen. "Pick You Up" soll trösten, und zwar alle, die sich einsam, bedroht und überfordert fühlen. "Ich hoffe, diese Lieder wirken wie eine wohltuende Feuchtigkeitscreme auf unsere rissigen Herzen", legt die Singer/Songwriterin die Latte hoch.
"Pick You Up" unterscheidet sich in der Aufmachung deutlich von allen Crow-Platten. Insbesondere von den letzten beiden: Die Sammlung aus sieben ruhigen und gleichmäßigen Liedern wirkt zarter und in sich ruhender als "Evolution", das eher als Klangrezepturen-Labor aufzufassen war. Die Vier-Generationen-Wundertüte "Threads" marschierte durch Genres und Szenen hindurch und verknüpfte sie geschickt: Country und Rap, Synth-Pop und Alternative-Rock. Das Album war drei Mal so lang wie "Pick You Up", und die Songs bildeten untereinander starke Kontraste. Vorher waren für Crow eine Zeitlang Produkte mit so manchen Füll-Tracks und einem Schielen auf den Pop-Mainstream typisch. In den 1990ern hatte sie sich einen Namen als Americana-Gitarristin gemacht, wie sie sie bis heute verkörpert, und eine Hymne nach der anderen auf den Weg gebracht.
Dagegen backt Sheryl 2026 einen homogenen Kuchen, in dem jedes Stück unauffällig bleibt. Kein Song drängt sich als Single auf. Alle Tracks teilen ganz gemächlich die Gedanken einer Storytellerin. Bei "Heaven Help Us" kommen Streicher hinzu. Wohlklingend ausbalanciert und ästhetisch sind die Songs alle, im Falle des zentralen Schlüssel-Tracks "Freedom Bus" zugegeben etwas vorhersehbar in konventionellen Country-Pop-Patterns mit einem überraschungsfreien Harmonieverlauf. "Don't be an asshole, let everyone be", fordert die 64-Jährige. Da trifft sie einen wunden Punkt unserer 'westlichen' Gesellschaften: Viele Leute verwenden unheimlich viel Energie ins Beobachten, Be- und Abwerten anderer Leute und damit, diese in fremden Bubbles abzugrenzen, in eine Ecke zu stellen statt zu leben und leben zu lassen.
Das Lied zielt darauf ab, dass wir Unterschiede zwischen uns aushalten sollen und uns verbal näher kommen, gerade mit Andersdenkenden reden sollen, statt Worte wie Schwerter zu schwingen. Jesse Welles heißt Sheryls Duettpartner, TikTok-Star geworden in der Rolle des Protestsängers zu brisanten politischen Themen. Auch wenn 'Freiheit' wie ein ausgelutschtes Wort wirken mag, ordnet die Sängerin das anders und in die US-History ein und wird dabei sehr ernst: "Ich nehme Freiheit nicht auf die leichte Schulter, denn unsere Freiheit wurde im Laufe der Geschichte mit dem Leben anderer erkauft, und das ist etwas, an das wir uns alle erinnern sollten." - So kommt im Zuge der Selbstreflexion auch Kritik am Wunsch zustande, perfekt in den Augen von jemand anderem zu erscheinen wollen ("Perfect"). Angesichts der digitalen Oberflächen, über die wir uns darstellen und scheinbar vernetzen, kommentiert die Künstlerin: "Jeder dieser Songs ist eine Reflexion darüber, (...) nach Verbundenheit zu suchen."
In "Flat Earth" macht sie es uns leicht, dass wir uns mit ihr verbunden fühlen können. Im kristallklaren hellen Klang des Stückes dreht sich alles ganz schlicht um ihre anmutigen Vocals und um die Gitarre - und an ein paar wenigen Punkten um Basstrommel und Background-Chor. Woodstock könnte kaum näher sein, Crosby, Stills & Nash lassen grüßen. Das stimmungsvolle "I've Got Your Number" dreht eine Schippe rockiger auf, macht ansonsten aber wenig anders. "Heaven Help Us" kehrt ein bisschen mehr das Americana-Feeling heraus und vermischt es mit zuckrigen Geigen, die einer Philly-Soul-Produktion entsprungen sein könnten.
Das Artwork des Albums, das physisch gepresst erst Ende November vorliegen wird, ist eines der surrealen Gemälde des Malers Tyson Grumm und heißt "The Elephant Who Forgot The Ocean". Crow fand es bei einer Auktion. Pinguine watscheln in einer Waldlichtung um ein Schiff herum, auf dem ein Elefant steht. Crow schätzt die subtile Schwermut des Künstlers und ließ sich die Verwendung hier genehmigen. Spektakulär ist ihre neue Scheibe zwar nicht geworden und bleibt uns einen echten Clou schuldig. Angenehm ist sie trotzdem, was vor allem an Sheryls bezirzend schönem Gesang und dem schwerelosen Flow der meisten Tracks liegt.


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