Porträt

laut.de-Biographie

Sugababes

Girlgroups – sie gelten als wahre Drama-Inkubatoren. Gerüchte um Zickenkriege, Bäumchen-Wechsel-dich-Spiele der Mitglieder und das ewige Damoklesschwert der bestimmt baldigen Auflösung, das gefühlt immer über ihnen hängt, sind nur einige der Gründe, warum Girlbands zu den absoluten Lieblingen der Yellow Press zählen. Fest steht: Wenn Drama eine Sportart wäre, dann würden die Sugababes wohl den Weltmeisterinnen-Titel tragen. Glücklicherweise macht das Trio aber nicht nur mit angeblichen Catfights und überraschenden Exits Schlagzeilen, sondern bringt auch eine musikalische Legacy mit, die im Popsegment Maßstäbe gesetzt hat.

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Die wilde Achterbahnfahrt der Sugababes beginnt Ende der 1990er Jahre in London. Nachdem ihr Vater zufällig Musik-Executive Ron Tom kennenlernt und ihm ein Demo-Tape seiner Tochter aufquatscht, unterschreibt Mutya Buena einen Solovertrag bei dem Manager der All Saints. Als moralische Unterstützung für ihre ersten Studiosessions nimmt Buena kurzerhand ihre Schulfreundin Keisha Buchanan mit. Seit Kindertagen teilen sie die Leidenschaft fürs Singen. Vor Ort begegnen sie einem weiteren Protegé Ron Toms, Siobhán Donaghy. Schnell steht für den Musikmanager fest: Diese gerade einmal 13 Jahre alten Musikerinnen gibt es fortan nur als Dreierpack. Aufgrund ihres Alters nennt er sie Sugababies – ein Name, den die Künstlerinnen vor ihrem ersten Release in das erwachsener anmutende Sugababes andern.

Ron Tom lädt nicht nur zahlreiche namhafte Producer und Songwriter zu den Babes ins Studio ein, sondern fordert sie auch selbst zum Schreiben heraus. Mehr als ein Jahr verbringen Keisha, Mutya und Siobhán jede freie Minute im Studio, wechseln nach langen Nächten über Songtexten schnell in ihre Schuluniform um rechtzeitig im Matheunterricht zu sitzen, und ernähren sich von Junk Food bei gemeinsamen Sessions, während andere Teenies mit ihren Tamagotchis spielen.

Dass sich die Arbeit gelohnt hat, wird im Jahr 2000 deutlich: Ihre Debütsingle "Overload" wird einer der ersten großen Ohrwürmer des neuen Jahrtausends und begeistert mit seiner reduzierten Eingängigkeit und unbestechlichen Coolness sowohl junge Musikfans als auch das Feuilleton. Das darauffolgende Album "One Touch" gilt noch zwanzig Jahre später als einer der besten Coming-of-Age-Longplayer aller Zeiten, kombiniert er doch die authentischen Perspektiven dreier Teenager-Mädchen mit einem frischen Sound, der Pop endgültig ins Millennium befördert.

Anders als ihr Name vermuten lässt, präsentieren sich die Sugababes in der Öffentlichkeit alles andere als zuckersüß. Vielmehr verfolgen sie eine strenge Bloß-nicht-lächeln-Policy. In Interviews geben sie sich – wohl auch pubertätsbedingt – betont einsilbig. Schnell haftet ihnen der Stempel "zickig" an. Dieses Vorurteil fliegt ihnen spätestens dann um die Ohren, als Siobhán Donaghy völlig überraschend während einer Japan-Tour die Band verlässt. Von gegenseitigem Mobbing ist da in der Presse die Rede. Erst viele Jahre später spricht die Sängerin, die kurze Zeit später als Solokünstlerin an den Start geht, über ihren Kampf mit einer ausgewachsenen Depression zu dieser Zeit.

Während Donaghy beim gemeinsamen Label London Records bleibt, werden die beiden übrigen Sugababes gedroppt. Aufhalten lassen sie sich davon nicht: In Ex-Atomic Kitten-Sängerin Heidi Range finden sie einen würdigen Ersatz und ziehen sich gemeinsam ins Studio zurück. Neben der Neubesetzung arbeiten sie mit einem neuen Label und neuen Producern zusammen.

Eine Kombination, die sich schnell auszahlt: Mit "Freak Like Me", einem hypnotischen Cover-Mashup aus Adina Howards gleichnamigen R'n'B-Klassiker und "Are Friends Electric?" von Gary Numan and the Tubeway Army, zimmert der britische Producer Richard X den "neuen" Sugababes eine passende Comeback-Single. Düster und deutlich verruchter präsentieren sich die verbleibenden Suga-"Vamps" Keisha und Mutya in dem zugehörigen Musikvideo und führen ihr neues Bandmitglied Heidi symbolträchtig in ihr Trio ein. Die Kritiker überschlagen sich, der Song stürmt die Chartspitze in ihrer britischen Heimat und bringt den Sugababes damit ihre erste Nummer eins ein.

Die Folgesingle "Round Round" schließt nicht nur an diesen Erfolg an, sondern markiert auch den Durchbruch für das Producer-Team Xenomania, mit dem sich die Sugababes, aber auch ihre Konkurrentinnen Girls Aloud, fortan immer wieder das Studio teilen. Als charakteristisch für den Songwriting-Prozess mit Xenomania beschreiben die Sugababes später, dass die Producer sie in getrennte Räume setzen, damit sie losgelöst voneinander ihre Verses schreiben, ohne zu wissen, woran die anderen arbeiten. Ein Prozedere, das die eingängigen, aber kaum zusammenhängenden Lyrics von Tracks wie "Round Round" oder dem später veröffentlichten "In The Middle" erklären.

Neben den neuen Single gewinnt auch das zweite Album der Sugababes, "Angels With Dirty Faces", die Herzen von Musikpresse und Fans. Den Titelsong featuret der Soundtrack zur Serie "Powerpuff Girls". Die finale Musikvideo-Auskopplung "Shape" mit einem prägnanten Sample aus "Shape Of My Heart" von Sting sorgt dagegen für gemischte Gefühle in einschlägigen Reviews.

Währenddessen sind Buchanan, Buena und Range längst wieder im Studio, um am Folge-Longplayer "Three" zu arbeiten. Erstmalig fliegen die Babes für die Produktion auch über den großen Teich, um mit Linda Perry und Diane Warren zu arbeiten. Letztere überlässt ihnen die epische Liebesballade "Too Lost In You", die als Teil des Soundtracks zum Film "Tatsächlich… Liebe" international einschlägt. Auch die Leadsingle "Hole In The Head" knüpft locker an die Erfolge der "Angels With Dirty Faces"-Zeit an. Mit gerade einmal 18 bis 20 Jahren haben die Sugababes in ihrer britischen Heimat zwei Top-drei-Alben, drei Singles an der Chartspitze, einen Brit-Award und mehrere weitere Musikpreise im Schrank stehen.

Nach einer etwa zweijährigen Pause, in der Mutya eine Tochter zur Welt bringt, melden sich die Sugababes mit ihrem vierten Album zurück: "Taller In More Ways" wird nicht nur das erste Nummer-eins-Album im Vereinigten Königreich für das Trio. Die Singleauskopplung "Push The Button" erklimmt in mehreren europäischen Ländern sowie in Neuseeland den Peak der Charts und wird zum bis dato erfolgreichsten Song der Babes. Mit der Folgesingle "Ugly" schafft die Band eine Hymne für Body-Positivity und Selbstakzeptanz.

Was bei allem Erfolg, TV-Auftritten und Promotouren unsichtbar bleibt: Mutya kämpft seit der Geburt ihrer Tochter zunehmend mit ihrer mentalen Gesundheit und der Vereinbarkeit von Girlgroup-Kalender und ihrer neuen Rolle als Mutter. Ende Dezember 2005 kündigt sie ihren Ausstieg aus der Band an. Die Mühlen der Musikindustrie mahlen schnell, nur kurze Zeit später steht eine neue Sängerin neben dem letzten verbliebenen Gründungsmitglied Keisha und Nachrückerin Heidi: Amelle Berrabah aus Adlershot in Hampshire. Schnell nimmt sie drei Songs aus "Taller In More Ways" neu auf, damit das Album im März 2006 rereleast werden kann.

"Red Dress", als erste Single in der neuen Besetzung auserkoren, platziert sich zuverlässig in den Top fünf der britischen Charts. Die nachfolgende Songveröffentlichung "Follow Me Home" sorgt jedoch für einen kleinen Skandal: Ex-Sugababe Mutya Buena ist alles andere als glücklich, dass ihr Ersatz nun die Strophe singt, die sie selbst für ihre kleine Tochter geschrieben hat. Im Gegenzug dazu wird eine Textzeile auf Mutyas 2007 veröffentlichten Featuretrack mit Groove Armada, "Song 4 Mutya (Out Of Control)", als direkter Diss an Amelle verstanden: "That's who has replaced me? What a diss." Ein Zusammenhang, den die Sängerin selbst dementiert hat.

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Um die neue Sugababes-Ära 3.0 wirklich einzuläuten, wird zunächst ein Best-of namens "Overloaded: The Singles Collection" mit zwei neuen Songs pünktlich zum Weihnachtsgeschäft auf die Welt losgelassen. Parallel dazu beginnt die Arbeit an neuem Material. Anfang 2007 tun sich die Babes mit ihren Girlgroup-Kontrahentinnen Girls Aloud zusammen, um gemeinsam die Charity-Single "Walk This Way" aufzunehmen.

Die anschließende, von Dr. Luke produzierte Nummer-eins-Single "About You Know" beweist endgültig, dass die Sugababes trotz interner Wechsel noch immer das Zeug zu Weltstars haben. Kurze Zeit später erscheint das erste Album mit Neuzugang Berrabah, das den passenden Namen "Change" trägt. Dessen weitere Singleauskopplungen können jedoch nicht mehr an die Top-Ten-Erfolge der Vorgänger anknüpfen.

Ein neuer Sound soll deshalb her. Der ein Jahr später erscheinende sechste Longplayer mit dem selbstironisch anmutenden Namen "Catfights And Spotlights" orientiert sich deshalb am Retro-Soul-Stil von Amy Winehouse und Duffy. Vor allem Buchanan tritt auf dem Album als Songwriterin in die Verantwortung, während die Credits von Berrabah und Range nur auf zwei beziehungsweise einem Albumtrack auftauchen. Die Single "Girls" wird zum Werbejingle einer Drogeriekette. Davon abgesehen, bleibt der große kommerzielle Erfolg für den Longplayer aber aus, und das, obwohl Band und Presse die LP überschwänglich loben.

Um das scheinbar sinkende Schiff Sugababes zu retten, ist prominente Unterstützung gefragt: Für ihr siebtes Album unterschreiben die Sängerinnen bei Jay-Zs Label Roc Nation, der große Durchbruch auf dem US-Markt soll das erklärte Ziel sein. Um das zu erreichen, wird die Crème de la Crème der internationalen Songwriter-Szene ins Studio zitiert: Bruno Mars, RedOne, Ne-Yo und Stargate zieren die Producer-Tags. Daraus resultiert eine in doppelter Hinsicht traurige Premiere: "Sweet 7" ist sowohl das erste Album ohne Songwriting-Beteiligung der Künstlerinnen selbst als auch das erste Album ohne eins der Original-Sugababes.

Das letzte verbliebene Gründungsmitglied Keisha Buchanan wird kurz vor Veröffentlichung des Albums auf die Straße gesetzt. Man habe sich nicht mehr verstanden, heißt es von Range und Berrabah. Wieder ist in den Medien von Mobbing die Rede. Andere Stimmen werfen dem Label vor, aus rassistischen Motiven gehandelt zu haben, ersetzt die Schwarze Keisha doch die deutlich hellhäutigere Jade Ewen. Diese ist wiederum keine Unbekannte, sie hat sich bereits mit ihrer Eurovision Song Contest Beteiligung 2009 einen Namen gemacht.

Diesmal geht die Rechnung von Label und Management nicht auf: "Sweet 7" überzeugt mit seinem austauschbaren Elektropop weder Musikkritiker noch Fans, das Label lässt die vierte Edition der Sugababes rasch fallen. Jade, Heidi und Amelle bemühen sich um den Aufbau einer Independent-Karriere mit der Promosingle "Freedom".

Parallel dazu betritt jedoch Konkurrenz aus unerwarteter Richtung die Bühne: Die Sugababes sind zurück. Nein, nicht die "neuen" Sugababes um Range, Ewen und Berrabah. Vielmehr haben sich die Gründungsmitglieder der Sugababes erneut zusammengefunden, gerüchteweise bestehende Konflikte beigelegt und sich wieder im Studio eingefunden. Da Mutya, Keisha und Siobhán ihren eigentlichen Bandnamen zunächst nicht benutzen dürfen, veröffentlichen sie 2013 ihre Comeback-Single "Flatline" einfach unter dem Akronym MKS.

Ein neuer Deal mit Polydor Records erlaubt ihnen außerdem die Aufnahme eines Albums, das "Sacred 3" heißen soll, aber frühzeitig geleakt und so vom Label wieder fallen gelassen wird. Das hält Mutya Buena nicht davon ab, ihre Vision weiter zu verfolgen und die echten Sugababes zurückzubringen. Da der Bandname "Sugababes" von Buena, Buchanan und Donaghy erfunden wurde, meldet die Sängerin kurzerhand Markenrechte an – zunächst, aus rechtlichen Gründen, kurioserweise nur für Geschenkpapier. Anschließend geht der Fall vor Gericht, und die drei Original-Babes holen sich die Gesamtrechte an ihrem Namen zurück. 2019 ist es offiziell: The Sugababes are back!

Ihre erste Amtshandlung mit neuem-altem Namen ist ein UK Garage-Remix des Sweet Female Attitude-Songs "Flowers" in Zusammenarbeit mit DJ Spoony. Es folgen ein Remix-Album sowie die Veröffentlichung einer "20 Year Anniversary"-Edition ihres Debüts "One Touch". Doch vor allem ihre Live-Shows bringen die Sugababes wieder auf den Radar der Musikwelt. 2022 muss ein kompletter Bereich des legendären Glastonbury-Festivals geschlossen werden, weil zu viele Menschen zur Show des Trios strömen. Im selben Jahr spielt die Band ihre erste UK-Tour seit der Neuformierung. Pünktlich zu Weihnachten beschenken die Sugababes ihre Fans mit der Veröffentlichung ihrer "Lost Tapes", einer Compilation der Songs, die eigentlich auf "Sacred 3" erscheinen sollten.

Im Folgejahr erhalten die Sugababes für ihr Lebenswerk den "Impact Award" bei den 26. MOBO Awards. Parallel dazu vertiefen sie ihre Kontakte in die elektronische Musikszene, indem sie mehrere Remix-Versionen ihrer alten Hits mit namhaften Producern wie Joy Anonymous, Two Shell und A Little Sound droppen. Mit dem TLC-esken "When The Rain Comes", den House-beeinflussten Tracks "Jungle" und "Shook" und der experimentellen Ballade "Weeds" beweist die Band in den Folgejahren, dass sie weit mehr als ein Legacy-Act ist, während ihre Fans weiter sehnsüchtig auf ein längst angekündigtes neues Album warten. Immerhin können sie bis dahin Sugababes-Geschenkpapier im Merch-Store kaufen.

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Babe-Power in Köln Das hübsche Trio in trauter Eintracht am 13. April 2004 in Köln.

Das hübsche Trio in trauter Eintracht am 13. April 2004 in Köln., Babe-Power in Köln | © LAUT AG (Fotograf: Peter Wafzig) Das hübsche Trio in trauter Eintracht am 13. April 2004 in Köln., Babe-Power in Köln | © LAUT AG (Fotograf: Peter Wafzig) Das hübsche Trio in trauter Eintracht am 13. April 2004 in Köln., Babe-Power in Köln | © LAUT AG (Fotograf: Peter Wafzig) Das hübsche Trio in trauter Eintracht am 13. April 2004 in Köln., Babe-Power in Köln | © LAUT AG (Fotograf: Peter Wafzig)

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