laut.de-Kritik

Mit Riffs so scharf wie Rattenzähne.

Review von

Punk im explosiven London des Jahres 1977 steckte voller Zwischentöne. Reggae und Dub infiltrierten Bands wie The Clash von der einen Seite, Elektronik faszinierte Wire, und Psychedelic, Beat und Garage spiegelte sich bei solchen Gruppen wie The Stranglers am anderen Ende des Revoluzzer-Spektrums. Punk distanzierte sich zwar von vielem, das die Sozialstrukturen zementierte, fand aber gerade bei sehr namhaften Stil-Ikonen in den Netzen der größten und kapitalistischsten Plattenfirmen statt. Dagegen waren The Stranglers auf dem United Artists-Label in einem vergleichsweise kleinen Stall unterwegs - der ihnen nicht hineinredete.

Nur ein Teil der Bands riskierte einen konsequenten Bruch mit der Musikgeschichte des Establishments. The Stranglers schon gar nicht, aber sie waren diejenigen, die am meisten auf Tasteninstrumente setzten. So schräg wie Pere Ubu, so edgy wie die Talking Heads verhielten sie sich dagegen nie. The Stranglers waren bereits drei Jahre lang am Rande dieser Szene unterwegs und hatten sich live die Hörner abgewetzt, als sie auf "IV - Rattus Norvegicus" lässig im Studio loslegten.

Die Wurzel des Garage-Punk-Riffs mag durchaus bei The Kinks gelegen haben, und so wie zwei Generationen später Green Day die beiden Davies-Brüder coverten, taten es zwischenzeitlich The Stranglers, zumindest wenn sie live auftraten. Eine weitere Band, der die Briten hier aber stilistisch maßgeblich zu folgen scheinen, sind The Doors. Ganz besonders im weitgehend instrumentalen "Down To The Sewer" erscheinen die kalifornischen Psychedelic-Könige sehr präsent.

Deren Versuchungen, Blues mit Theater-Touch bis hin zu Brecht-Zitaten aufzuziehen, deren heftiger Einsatz der Orgel und deren nächtliches Feeling und mitunter makabre Inhalte, die viele Stücke umflorten, zeitigen deutliche Parallelen in diesem frühen Kapitel der Stranglers. Klar, wenn eine Band sich schon 'Die Würger' nennt, hat sie eine dunkle Seite. Kaum glaubhaft, aber von den Band-Kollegen so überliefert: Greenfield soll The Doors gar nicht gekannt haben, zu jener Zeit.

Der Stil an den Tasten, den er im Opener "Sometimes" eindrucksvoll nachzeichnet, gelte eigentlich Deep Purples Klassik-Fan Jon Lord, so Greenfield selber. Bevor die Würger im Verlauf und auch dank Toningenieur Tony Visconti später bei durchaus poppigen Tunes, bei ihrem ewigen Signature Song "Golden Brown" oder den eingängigen und relativ glatten New Wave-Ska-Keyboard-Pop-Nummern auf "Aural Sculpture" landen sollten, legten sie mit "Rattus Norvegicus" ein zweischneidiges Debüt hin. Es war (t)rotzig enough, auch rau, doch es sticht aus der Punk-Explosion mit viel Willen zu Melodie und Abwechslungsreichtum, Buntheit und Kunstfertigkeit hervor.

Freilich, gefällig zu singen ist das Gegenteil von dem, was Jean Jacques Burnel hier verübte. Er kläffte eher, schien kurz davor ins Mikrofon zu beißen, und formulierte manchmal seine Wörter mehr im Gaumen, als auf den Lippen, so wie bei "Princess Of The Streets". Aber ästhetisch ist das auf seine Weise auch, wirkt weniger dem Zufall überlassen als bei so manchen seiner Zeitgenossen. Und das instrumentale Spiel erwies sich als hochkarätig und distanziert sich vom schmutzigen und spontanen Protest-Jammen. Es war zwar sicher nicht die feine (englische) Art von The Police, die hier anklingt und die Sting, Summers und Copeland bei Eberhard Schoener geschult hatten, aber auch The Stranglers waren eine entscheidende Spur artsy.

Der Schrammel-Tune "Goodbye Toulouse" suhlt sich in trotziger Beat-Ästhetik und schroffem Garage-Rhythmus, mit dem Bass als Lead-Instrument. Manche:r hört hier Glam heraus. Der ungewöhnlich lange Opener "Sometimes" hat so viel Anarchie, dass er mit Album-Produktregeln bricht. Die messerscharfen Lyrics in typical British English tappen eins zu eins in die Fußstapfen der Psychedelic-Strömung der späten Sechziger. Umgarnt wird die Positionssuche innerhalb der eigenen Wut eines von seiner Freundin betrogenen Kerls von semiharmonischen Orgelläufen. "Sometimes I see the in-between", lautet eine Schlüsselzeile. Nur manchmal sei das lyrische Ich kompromissfähig, überhaupt fähig die Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß wahrzunehmen.

"Someday I'm going to smack your face", so bricht der Song in medias res über die Hörer:innen herein. "Manchmal möchte ich dir eine runter hauen." - Ja, da war er, der Punk, rough, pointiert, fokussiert, druckvoll. Cornwell gab später zu, in der Wirklichkeit, die zum Song inspiriert hatte, tatsächlich seine Freundin geohrfeigt zu haben. Besser, er hätte gleich präventiv das Lied komponiert, um sich abzureagieren.

Kunstpausen inmitten der reichlich präsenten Vocals, ein bisschenstop and go im Liedaufbau knüpfen an die Artrock-Einflüsse von The Velvet Underground und englischem Harvest-Label an. Theater-Anwandlung lässt sich das bärbeißige "Peasant In The Big Shitty - Live" anmerken, mangels Platz auf der Scheibe nicht extra im Studio eingespielt, aber später auf CD hinzugefügt und doch untrennbarer Bestandteil des Spektrums hier. Der wilde Tune präsentiert ausnahmsweise Keyboarder Dave Greenfield - genau den vom Orgel-Motiv aus "Golden Brown" - mit rollendem Teutonen-R und zischendem S. Es geht auch noch spröder: Teils landet er bei trockenstem Sprechsingen, wirkt bissig in "(Get A) Grip (On Yourself)". Hier kommt die klassische, idealtypische The Stranglers-Handschrift zum Ausdruck. Einmal geprägt, hielt sie sämtlichen Umbesetzungen stand. Selbst 2021 musizierten die heutigen Würger in dieser Richtung, die ja nur noch über ein einziges Gründungsmitglied verfügen (während Dave Greenfield aufgrund seines unerwarteten Todes auf ein paar Aufnahmen bereits fehlte).

Zu den Seventies gehörte auch ein feines Blues-Update, das über Cream und Co. ins Elegische abbog. Dazu trugen Rory Gallagher und Gary Moore bei und noch ein paar andere. "Princess Of The Streets" atmet diesen Geist. Das tolle Solo bei Minute 4:14 könnte direkt von Moore stammen. Würde auch textlich zu ihm passen - das Klagelied eines Verlassenen. Die Umschreibung einer jungen Frau als angeschmachtetes "Stück Fleisch" wäre heute ein sexistischer Aufreger. Die Beziehung war wohl ansatzweise toxisch, vielleicht auch eine on/off-Story: "With words of fire, she'll make you small. With eyes that smile, she'll make you tall." Ein 'Objekt' ist sie in dem Song aber gerade nicht, sondern die Handelnde, hier genannt "Queen", die den Typen verlassen hat und ratlos, aber weiterhin fasziniert und ein bisschen verliebt zurück lässt: "That girl she's crazy / She made me cry / She's gone and left me / I don't know why. // Yeah, she's the queen of the street / What a piece of meat. // She's real good looking / She makes me sigh / Blue jeans and leather / Her heels are high."

Zu England in den Siebzigern zählt auch der Hardrock, den die Gruppe im Intro zu "Hanging Around" aufgreift. Es ist ein ziemlich direkter, zugänglicher Dreh-mal-lauter-Nihilismus-Tune voller absurdem Humor. Greenfields Orgel-Gewummer wechseln mit einem Duell-Echo von Gitarre und Bass.

Der Track "London Lady" ist der zweite, den Jean Jacques Burnel als Sänger anstimmt. Der Bassist ließ sich von Anfang an in diese Position einwechseln. Die Band entschied je nach Charakter jeden Liedes, wer es singt - unabhängig davon, wer am Komponieren den Hauptanteil hatte. Teils shoutet und kläfft Burnel hier. Besonders hämmert sich die Stakkato-Line "Tell me what you've got to look so pleased about" in die Ohren. Sie passte nicht ins Versmaß, aber Punkiness macht's möglich. Sehr geradliniges Stampfen treibt die Vocals vor sich her, und dieser Cut entstammt nun bis auf einen kurzen Orgel-Takt unmittelbar der Punk-Welle. Schneidend und heftig wie ein Hagelschauer, der rasch herunter prasselt, möchte dieser Beitrag klar erkennbar Teil einer Jugendbewegung sein.

Der hypnotische Post-Punk "Peaches" samt Steh-Blues-Rhythmus und wenig (zugegeben sexistischem) Text greift dann schon vor, nimmt musikalisch die Entwicklung nach 1977 vorweg. "Peaches" ergeht sich in einem lüsternen Blick auf die weibliche Anatomie, der so überdreht ist, dass mancher männliche Rezensent darin eine Parodie auf Machos las. Nichtsdestotrotz schied "Peaches" als Single daher einerseits aus, landete aber dann doch auf einer Doppel-A-Seite. Die Bassline schrieb jedenfalls Geschichte. The Stranglers lernten im Lauf der Jahre, sich mit anderem Fokus und anderer Wortwahl auszudrücken und eine bessere Balance aus Frauen als handelnden Subjekten und ihrem Aussehen zu formulieren, etwa 1982 in "European Female". Der Song "Peaches" wurde übrigens trotz oder wegen eines BBC-Boykotts ein Chartbreaker.

Zum heimlichen Hit der Platte "Rattus Norvegicus" kann man wohl nachträglich "Choosey Susie" erheben, alleine schon wegen des kongenialen Endes dieses Drei-Minuten-Stücks. "Choosey Susie" dient als Prototyp für New Wave und war dabei schon recht alt, denn die Band hatte den Song bereits zwei Jahre lang live performt. Zum Beispiel im Vorprogramm von Patti Smith und von den Ramones.

Das Cembalet von Hohner, eben das berühmte Instrument, das "Golden Brown" so charakteristisch klingen lässt, kommt hier voll zur Geltung. Bei Burnels Bass drehen die Jungs zugleich so richtig den Verstärker auf volle Pulle. Cornwell singt mit einer tiefen Kopfstimme, klingt ein wenig, wie wenn Ringo Starr in ein Megaphon trällern würde. Zur Mitte hin gibt es ein paar Takte quietschende Psychedelic. Der C-Teil läuft sich dann frei, ist gleichzeitig Entladung der Energie und retardierendes Moment. Drummer Jet Black schmettert aus dem ganzen Körper und dämpft seine Hi-Hats. Nach einer weiteren Strophe mündet das Lied in einen schrillen Schluss aus Ausrufen, wildem Arpeggi-Georgel und einem Grande Finale am Schlagzeug.

Wie gesagt, die Nummern waren erprobt. Jean Jacques Burnel erläutert rückblickend im Blog Pennyblackmusic: "Es wird nie wieder so gut, wie es bei den ersten beiden Alben war. Sie waren Tour-erprobt, zwei, drei Jahre lang, bevor wir es hin bekamen "Rattus Norvegicus" und "No More Heroes" aufzunehmen. Denn wie alle jungen Bands, hat man diese ganzen Songs, und sie werden kontinuierlich gespielt und gespielt. Ich glaube, wir haben die ersten beiden Alben in etwa zehn Tagen quasi live im Studio eingespielt, mit nur ein, zwei Takes." - Diese Spontaneität und Ungezwungenheit spürt man sofort.

Die Bedeutung des Albumtitels ist bis heute in Fan- und Fachkreisen ungeklärt. Hugh Cornwell war Biochemiker, kannte sich wohl mit den begrifflichen Grundlagen der Tierwelt aus. Das Nagetier mit dem langen dünnen Schwanz, das in Großstädten unserer Breitengrade auf öffentliche Mülleimer klettert, heißt wirklich Rattus norvegicus. Warum die Scheibe in vielen Pressungen die Bezeichnung "IV" erhielt, lässt sich nicht plausibel nachvollziehen (am ehesten mit dem vierten Besetzungs-Stadium der Combo, also The Stranglers IV als Gruppenname; bei Paul Roberts Einstieg 1990 nannte man sich ganz kurz The Stranglers V). Und 1980 erschien ebenfalls ein sinnfrei betiteltes Album namens "IV", aber nur auf dem nordamerikanischen Markt, also in Kanada und den USA. Es enthielt komplett andere Stücke als "Rattus Norvegicus", eine ganze Reihe Non-Album-Tracks und etliches an Politik, etwa mit "Nuclear Device", "Vietnamerica" und "Who Wants The World?"

Erst später landeten die Stranglers die Hits für die Masse, die auch Radio-Airplay in Deutschland brachten und ihren Ruf als melodiöse Band fernab des Punks verfestigten: "Skin Deep", "Always The Sun" oder eben "Golden Brown". Zu dieser Zeit war EMI die Plattenfirma und stellte sich lange quer, diesen Song überhaupt und dann gar als Single heraus zu bringen. Es war einer der vielen Irrtümer der Tonträger-Industrie, die bis heute vorab zu wissen meint, wie das Publikum wahrnimmt (und sich meines Erachtens dabei eher immer öfter verschätzt als aus solchen Fällen zu lernen). Auch Hugh Cornwell urteilte falsch, als er sich nach seinem Ausstieg naserümpfend wunderte, wieso die langjährigen Mitstreiter ohne ihn weitermachten. Gut, dass sie es taten! Das, was Geschichte schreibt, ist nun einmal oft das, was es noch nicht gab, und das Authentische, und Timing nach Gefühl statt nach Verträgen. Die ersten drei Alben innerhalb von 13 Monaten zu veröffentlichen, hat der Gruppe nicht geschadet: Man muss das Eisen eben schmieden, solange es weich und formbar ist. Mit "Rattus Norvegicus" wurde ein Moment des Glühens eingefangen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Sometimes
  2. 2. Goodbye Toulouse
  3. 3. London Lady
  4. 4. Princess Of The Streets
  5. 5. Hanging Around
  6. 6. Peaches
  7. 7. (Get A) Grip (On Yourself)
  8. 8. Ugly
  9. 9. Down To The Sewer
  10. 10. Choosey Susie
  11. 11. Peasant In The Big Shitty - Live

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