laut.de-Kritik
Die Belgier tun nicht so, als wäre alles noch wie früher.
Review von Franz MauererMit dem Tod eines langjährigen Bandmitglieds lässt sich bedeutungsschwer umgehen, Triggerfinger ersparen einem das erfreulicherweise. Paul Van Bruystegem hatte die Band schon zwei Jahre vor seinem Tod verlassen, trotzdem ist dieses erste Album ohne Monsieur Paul zwangsläufig eines über eine Lücke.
Interessant ist, wie Ruben Block und Mario Goossens sie füllen: nicht mit einem neuen festen dritten Mann, sondern mit Mitchell Froom, der gewissermaßen zum Ersatz wird, ohne Ersatz zu sein. Der Produzent des Vorgängers "Colossus" mischte diesmal bereits beim Songwriting mit, spielte, probierte, schob die verbliebenen Triggerfinger aus der Routine. Das verändert den Sound hörbar, aber nie so sehr, dass man die Band nicht mehr erkennen würde. Ein durchaus eleganter Weg für eine Gruppe, die nach mehr als zwei Jahrzehnten gerade nicht so tun will, als wäre noch alles wie früher.
Am überzeugendsten funktioniert dies gleich zu Beginn. "Everybody's Looking" schiebt mit großer Ernsthaftigkeit voran, Frooms zusätzliche Farben verbreitern das alte Blues-Rock-Gerüst, ohne seine Wucht weichzuspülen. Genau hier zeigt "Tarmac", was es sein könnte: Eine Platte, auf der zwei Musiker ihre vertraute Sprache nicht verlernen müssen, um plötzlich wieder neue Möglichkeiten entdecken zu können.
Ähnlich stark klingt "On My Back", dessen Schieflage und Drama viel mehr Spannung erzeugen als die demonstrative Coolness etlicher anderer Stücke. Block schmachtet, wägt ab, weist brüsk zurück, und das permanente An- und Abschwellen macht aus der eigentlich eher schlichten Komposition eine glaubhafte kleine Verzweiflungsschleife. Noch unmittelbarer gerät nur der Closer "Shine And Shimmer", der seine Grunge-Emotionalität geradezu ins Gesicht haucht. Ausgerechnet da, wo Triggerfinger ihre Pose für einen Moment vergessen, sind sie am stärksten.
Denn an Pose mangelt es "Tarmac" nicht. "Stars" möchte lässig sein, ist aber vor allem altersmilde: Ein allzu simpler Song mit repetitivem Refrain, über dem Block weiterhin mit jener stoischen Bierernsthaftigkeit singt, die hervorragend zu den schweren Sachen der Band passt, hier aber so wirkt, als habe niemand der Stimme erzählt, dass die Musik gerade mit den Schultern zuckt.
"Until The Scandal Breaks" gerät noch konservativer und zieht eine längst auserzählte Idee viel zu lange mit sich herum. "Come Clean" versucht es mit einer elektronischen Figur, um die herum jedoch kein überzeugendes Ganzes entsteht, während "Through The Beam" zunächst in einen beinahe schunkelnden Rhythmus fällt und sich dann von einer herrlich schraubenden Gitarre zersägen lässt – nur um genau dieser interessanten Idee gleich wieder den Stecker zu ziehen. "No Trouble" begeht ein ähnliches Verbrechen: Lebendig, zunehmend noisy und plötzlich vorbei, kurz bevor aus dem guten Rocksong womöglich ein großartiger hätte werden können.
Das ist umso bedauerlicher, weil Triggerfinger aus einem belgischen Rockmilieu kommen, das seit Jahrzehnten besonders gut darin ist, amerikanische Rocksprachen zu übernehmen und leicht schief wieder auszuspucken. Von der belgischen Indie- und Stoner-Rock-Band Millionaire um den früheren dEUS-Gitarristen Tim Vanhamel, deren zweites Album Josh Homme produzierte, über den Garagen-Blues von Black Box Revelation bis hin zur schwereren Stoner-Kante von Wallace Vanborn gibt es genügend Nachbarschaft, in der auch Triggerfinger immer plausibel standen.
Sie selbst sind dabei eher Blues- und Hardrockband als echte Desert-Rocker; der Wüstensand liegt als Gewürz auf den Riffs, er ist nicht deren Boden. "Tarmac" erinnert daran ausgerechnet dort, wo es zu wenig wagt. "The Why" beginnt etwa mit einem herrlich sonderbaren Synthesizer, der wie Frooms Nachbau eines kaputten Schifferklaviers klingt, bevor der Song kurz vor Ablauf der ersten Minute in viel gewöhnlicheren Blues kippt. Der gute Sound kehrt zurück, aber die beiden Welten werden nie wirklich miteinander vermählt. Genau darin steckt das Problem der Platte im Kleinen: Froom schlägt Möglichkeiten vor, Triggerfinger schauen sie sich an, und nutzen sie dann häufig doch nicht.
Besonders ärgerlich wird das bei "Geronimo", einem überhasteten Social-Media-Gemecker, bei dem alte Männer offenbar glauben, bereits die Lautstärke des Vortrags mache aus Kulturpessimismus Rebellion. Tatsächlich ist der Song nicht einmal so sperrig, böse oder außer Kontrolle, wie er sich gibt. "Ring It" ist anschließend völlig in Ordnung, was zugleich eine ziemlich präzise Beschreibung weiter Teile dieses Albums ergibt.


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