laut.de-Kritik

Geduld, Sturheit und ein langer Atem zahlen sich aus.

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Geduld, Sturheit und ein langer Atem zahlen sich aus. Tygers Of Pan Tang standen stets ein wenig im Schatten ihrer Kollegen aus der New-Wave-Of-British-Heavy-Metal-Bewegung Anfang der Achtziger. Saxon, Iron Maiden, ja selbst Diamond Head sind – letztere nicht zuletzt dank Metallicas Coverversionen – deutlich bekannter als die Band von Gitarrist Robb Weir. Doch spätestens ab "Ambush" (2012) und zuletzt mit dem sehr starken Spätwerk "Bloodlines" aus dem Jahr 2023 werteten die Briten ihre Marke wieder deutlich auf. Ihr 14. Album "Electrifyed" setzt diese positive Entwicklung fort.

"Rise Up!" eröffnet standesgemäß. Ein Midtempo-Beat und ein hypnotisch kreisendes Riff treiben den Song in einen energetischen Refrain. Eigentlich ein klassischer Heavy-Metal-Opener, wären da nicht die kleinen Verschiebungen im Arrangement: Ein kurzer Mosh-Part nimmt Tempo heraus, ein überraschender Halftime-Einschub schafft Platz für die Gitarren, bevor sich der Song wieder aufrichtet und Richtung Solo marschiert.

"Forevermore" galoppiert anschließend deutlich klassischer durch britisches Heavy-Metal-Terrain. Vor allem der Pre-Chorus sorgt für Dynamik, während Robb Weir und Neuzugang John Foottit immer wieder kleine melodische Gegenakzente setzen. Auch hier nehmen Tygers Of Pan Tang mitten im Song plötzlich den Fuß vom Gas: sphärisch verzerrte Gitarren, Halftime und Solo führen anschließend zum letzten Aufgalopp.

Bei "The Powers That Be" rückt neben den Gitarristen vor allem Jacopo "Jack" Meille in den Mittelpunkt. Der Italiener gehört zu diesen zahlreichen Hidden Champions des Hardrock und Metal, die außerhalb der Szene kaum jemand kennt. Neben Tygers Of Pan Tang singt beziehungsweise sang er unter anderem bei Mantra und Sainted Sinners und steht seit vielen Jahren bei der Led-Zeppelin-Tribute-Band Norge am Mikrofon. Mit inzwischen 58 Jahren klingt seine Stimme noch immer erstaunlich kraftvoll, erreicht mühelos höhere Register und besitzt genug Eigenständigkeit, um nicht als bloße Kopie seiner klassischen Hardrock-Vorbilder durchzugehen.

"Dark Divinity" gehört zu den Höhepunkten. Huw Holdings Bass pumpt unter einem dunklen, spannungsgeladenen Riff, während Meille seine Stimme zunächst bewusst zurücknimmt. Die Tygers entfernen sich hier vom klassischen NWOBHM und rutschen stärker in bluesig gefärbten Hardrock wie Skid Row. Gerade der Kontrast zwischen gedrosselten Strophen, melodischem Refrain und Leadgitarren m
lässt den Song nach mehreren Durchläufen immer weiter wachsen.

Der Titeltrack "Electrifyed" schlägt anschließend härter zu. Das Lead-Riff besitzt beinahe modernen Groove-Metal-Druck und erinnert zumindest entfernt an Pantera. Double-Bass-Passagen und weitere Halftime-Wechsel sorgen zusätzlich für Gewicht. Inhaltlich wird es ebenfalls finster: Der Song beschäftigt sich mit einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl und erzählt aus der Perspektive eines Verurteilten, der seinen letzten Minuten entgegenblickt. Über diesem schweren Fundament landet die Band trotzdem wieder bei einem erstaunlich klassischen, melodischen Refrain. Das Solo steuert Produzent Marco Angioni bei.

Ganz anders der Abschluss "Revenge Is Sweet". Hier kann Meille seine jahrelange Led-Zeppelin-Schulung kaum verbergen. In den Strophen steht der Song tief in den Siebzigern, der Sänger zieht die Töne, drückt und phrasiert stellenweise deutlich in Richtung Robert Plant, als wäre er gerade erst wegen zu viel Led Zeppelin von der Schule geflogen. Dann öffnet sich das Stück plötzlich zu federleichtem Melodic Rock und AOR, mit einem Refrain, der eher Journey oder FM als an NWOBHM atmet.

Genau darin liegt das Geheimnis von "Electrifyed". Beim ersten Durchlauf wirkt vieles noch okay, professionell und ziemlich standardisiert. Je häufiger man sich mit dem Album beschäftigt, desto stärker treten jedoch diese kleinen Nuancen hervor: Tempowechsel, kurze atmosphärische Einschübe, harmonische Gitarren, dunklere Riffs und Meilles wandelbarer Gesang. Tygers Of Pan Tang erfinden klassischen Heavy Metal nicht neu, arrangieren ihn aber wesentlich sorgfältiger, als es zunächst den Anschein hat.

Leider füllen trotzdem einige Songs eher die Lücken, als nachhaltig zu überzeugen. "A Shadow Of Fire" rauscht als solider klassischer Hardrocker relativ schnell wieder vorbei. "The Nail" setzt zwar mit seinem langsamen, düsteren und beinahe doomigen Groove einen deutlichen Kontrast zum Rest der Platte, schleppt sich aber schwerfällig ohne einen wirklich zwingenden Höhepunkt durch seine knapp fünf Minuten.

Am Ende fehlen vielleicht ein oder zwei Songs mit richtig großen Melodien wie "Edge Of The World" oder "A New Heartbeat", um vollständig an den Vorgänger "Bloodlines" anzuknüpfen. Trotzdem gelingt Tygers Of Pan Tang erneut ein stabiles Spätwerk. Und nach fast fünf Jahrzehnten Bandgeschichte ist allein die Tatsache bemerkenswert, dass die Briten nicht nur ihren alten Erfolgen hinterherlaufen, sondern weiterhin Platten veröffentlichen, über deren Qualität man ernsthaft diskutieren kann.

Trackliste

  1. 1. Rise Up!
  2. 2. Forevermore
  3. 3. The Powers That Be
  4. 4. Dark Divinity
  5. 5. Electrifyed
  6. 6. Unfold My Soul
  7. 7. A Shadow On Fire
  8. 8. The Nail
  9. 9. The Fight Goes On
  10. 10. Dark Skies
  11. 11. Revenge Is Sweet

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