laut.de-Kritik

Herzschmerz steht ihnen besser als Assipunk.

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Wie Leftovers es geschafft haben, mit ihren ersten drei Alben komplett an den Rezensionswächtern vorbeizukommen, bleibt ein kleines Rätsel. Das Debüt "Krach" überzeugte mit seiner rohen Härte und seiner unbekümmerten Frische, "Müde" suchte danach hörbar nach neuen Möglichkeiten und fand sie nicht immer. Auf "Es Kann Sein Dass Alles Endet" wirkte die Band plötzlich sortiert, melodischer und souveräner, ohne ihren Schmutz zu verlieren. Höchste Zeit also, dass wir uns einmischen. Ausgerechnet "Schau Nicht So" ist nun allerdings wieder ein Suchalbum.

Schon das Cover sieht aus, als hätte es jemand während einer langweiligen Schulstunde zusammengebastelt. Pennälerhaft, trotzig, Mittelfinger – aber das gehört seit jeher zur Leftovers-Ästhetik. Interessanter ist, dass die Band darunter inzwischen stärker nach sich selbst klingt. "Schau Nicht So" ist österreichischer als seine Vorgänger, Dialekt und Herkunft scheinen öfters durch. Gleichzeitig steckt die Platte in einem reizvollen Widerspruch: Leftovers merken, dass sie erwachsen werden, und reagieren darauf, indem sie sich wieder gemeinsam in einen Raum stellen und Krach machen. Die Stücke wurden als Band entwickelt und live eingespielt. Eigentlich die perfekte Methode für Musiker, die feststellen, dass man der eigenen Jugend nicht entkommt, indem man sie wegproduziert.

Leftovers gehören ohnehin zu diesen unverschämt selbstverständlichen Bands, bei denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie morgens aufwachen und an ihrer Existenzberechtigung zweifeln. Die Nerven haben das, Ibrahim Lässing hat es, The Screenshots ebenfalls. Eine hohe Veröffentlichungsfrequenz hilft bei dieser Aura enorm: machen, raus damit, nächstes Ding. Man verzeiht solchen Bands deshalb auch, wenn nicht alles funktioniert. Und auf "Schau Nicht So" funktioniert einiges nicht.

Am wenigsten interessant sind Leftovers nämlich immer dann, wenn sie Punk spielen wollen. "Kiwara" ist eine ziemlich flache Slime-Scheißerei, die vielleicht im Ösiland noch jemanden beeindruckt. Nördlich der Alpen haben Bands seit Jahrzehnten bewiesen, dass man für ein bisschen Bullenhass wenigstens einen guten Song mitbringen sollte. Auch "Nasenbrecher" besitzt weniger Riechkolbengefahr, als der Titel verspricht. Der Druck der frühen Leftovers ist ein Stück weit verschwunden. Vielleicht liegt es am Sound, vielleicht daran, dass die Band heute schlicht besser spielt.

Viel spannender werden Leftovers, sobald hinter ihrer Coolness etwas kaputtgeht. "Egal Wohin" besitzt dieses Flehende, das ihnen hervorragend steht. "Joint" handelt ohnehin eher von Abgrenzung als von Kiffen und zeigt, wie viel besser die Band inzwischen mit Melodien umgehen kann. Und auch der Titeltrack erzählt eigentlich die ganze Geschichte dieser Platte. Ein sehr stimmungsvoller Song über die Verzweiflung eines rebellierenden Post-Teenagers, dem das eigene Aufbegehren langsam ein bisschen peinlich wird. Genau darin sind Leftovers stark: Herzschmerz steht ihnen besser als Assipunk.

Das Problem ist, dass sie inzwischen gleichzeitig sehr viele Bands sein möchten. Punkclowns, österreichische Punkspitze, Hoffnungsträger deutschsprachiger Gitarrenmusik, Poppunker mit Mainstreamoption und nebenbei noch Feuilletonkrachlieblinge. Ein demonstrativ künstlerisches "Interlude" macht dieses Dilemma eher sichtbar, als dass es etwas löst. Noch besitzen Leftovers nicht die Kapazität, all diese Rollen gleichzeitig auszufüllen. Ihr ausgezeichnetes Melodiegespür und ihre saucoole Attitüde tragen sie ziemlich weit und kaschieren dabei auch Songwritingmängel. Aber je deutlicher der Anspruch wird, eben nicht nur Punk zu machen, desto mehr fallen unfertige Ideen auf. "Absturz" hätte beispielsweise am Ende tatsächlich einen Absturz vertragen statt einer halbwegs ordentlichen Landung. Und "Loser" steht so nah bei Nirvana, dass die eigene Handschrift kurz hinter der Vorlage verschwindet.

Dann passieren "Es Geht Schon" und "Das Letzte Lied", und man möchte nach Wien fahren, die Saubuam und -mädels am Schopf packen und fragen, was vorher eigentlich das gschissene Problem gewesen ist. Plötzlich nimmt sich die Band Zeit. Ideen werden nicht nur kurz präsentiert, sondern entwickelt. Akustikgitarre, gegeneinander singende Stimmen, Rücknahmen, neue Ausbrüche – hier greifen handwerkliches Können, Komplexitätswillen und eigener Stil endlich ineinander, und alles hört sich glasklar nach dieser Band an. "Das Letzte Lied" führt diesen Gedanken noch weiter: schief, weinerlich, gefühlvoll und gleichzeitig laut genug, um nicht in Befindlichkeitspop zu kippen.

Genau dafür braucht man Leftovers. Punk können Ersatzkopf, Pisse und Team Scheisse deutlich besser. Aber Leftovers können Grunge und das ist ein seltener Perk. Umso ärgerlicher, dass "Schau Nicht So" diese Stärke erst ganz am Ende vollständig ausspielt. Nach "Müde" ist es ihr zweites Suchalbum. Das ist legitim und immer noch ziemlich gut. Nur zeichnet sich diesmal keine neue Richtung ab. Man hört stattdessen sehr deutlich, was diese Band alles könnte.

Trackliste

  1. 1. Kiwara
  2. 2. Egal Wohin
  3. 3. Joint
  4. 4. Loser
  5. 5. Schau Nicht So
  6. 6. Nasenbrecher
  7. 7. Interlude
  8. 8. Absturz
  9. 9. Erwachsen
  10. 10. Es Geht Schon
  11. 11. Das Letzte Lied

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