laut.de-Kritik

Politisch, persönlich und ziemlich aufgeladen.

Review von

Wut ist ein ziemlich guter Antrieb. Zumindest für Mine. Auf ihrem siebten Album "Killer" schaut sie auf eine Welt, in der an jeder Ecke etwas schiefläuft: Rechtsruck, Ungleichheit, Selbstzweifel, kaputte Beziehungen, Zukunftsängste. "Überall hängt was schief und es riecht verbrannt", stellt sie in "Relativ" fest. Viel treffender lässt sich die Grundstimmung dieser 14 Songs kaum zusammenfassen.

Dabei ist "Killer" nicht einfach Mines großes politisches Statement. Im Gegenteil: Gerade die Verbindung von gesellschaftlicher Wut und privaten Abgründen macht die Platte interessant. In "Einig" geht es um Unsicherheit und Selbstzweifel, "Ohne Dich" funktioniert als Trennungssong, "Gegen die Wand" erzählt beklemmend von einer Frau, die in ihrer Wohnung ausharrt, während draußen der Ex-Partner wütet. Das Politische bleibt dadurch nicht abstrakt, sondern bekommt plötzlich eine ziemlich konkrete Adresse.

Treibende, oft dumpfe Beats treffen auf Synthesizer, Bässe, Streicher und Chöre. Mal klingt das nach Pop, mal nach Electro, dann wieder nach Hip-Hop oder Hyperpop. Gerade die elektronischen Elemente geben "Killer" eine neue Körperlichkeit. "Oxytocin" etwa schaltet auf Dancefloor und sexuelle Selbstbestimmung, während "Dunkel" mit seinem düsteren Beat und einem schief am Rhythmus entlang stolpernden Gesang eher nach musikalischem Weltuntergang klingt. Ein Chor und orchestrale Passagen sorgen an anderer Stelle für die ganz große Geste.

Und trotzdem hat "Killer" ein Problem: Es will ziemlich viel. Vielleicht manchmal zu viel. Zwischen persönlichen Krisen, feministischer Selbstermächtigung, Kapitalismuskritik und dem Zustand der Welt bleibt kaum ein Themenfeld liegen. Gerade "Relativ" fährt mit seinen großen politischen Bildern und anschwellenden Streichern ziemlich dick auf. Das kann mitreißen, wirkt auf mich an manchen Stellen aber auch überdramatisch.

Dennoch: Wenn Mine davon singt, dass die Welt "braun aussieht" und neu angestrichen werden soll, ist die Botschaft unmissverständlich und absolut notwendig.

Am Ende ist "Killer" deshalb weniger eine Abrechnung als ein ziemlich aufgewühltes Selbstporträt der Gegenwart. Mine macht aus Wut keine Parole, sondern Pop. Und wenn ihr dabei gelegentlich die Sicherungen durchbrennen, gehört das vielleicht sogar zum Konzept.

Trackliste

  1. 1. Dicht
  2. 2. Lichter aus
  3. 3. Einig
  4. 4. How
  5. 5. Bild von mir
  6. 6. Dunkel Intro
  7. 7. Dunkel
  8. 8. Relativ
  9. 9. Bis einer weint
  10. 10. Killer
  11. 11. Oxytocin
  12. 12. Gegen die Wand
  13. 13. Eat The Rich
  14. 14. Ohne Dich

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Mine

"Die Kunst steht immer an erster Stelle", sagt Sängerin Mine, die 2012 als 26-Jährige ihre Musikerkarriere startet. Zuvor besucht sie ein musikalisches …

3 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 12 Tagen

    Leider gefallen mir die jüngsten Mine-Alben immer weniger. Es ist gar nicht mal so, dass ich die Lieder schlecht finde. Aber im Vergleich zu den ersten beiden sehr starken Alben fällt auch dieses deutlich ab. Ihre eigentlich fantastische Stimme spielt hier kaum noch ihre Stärke ln aus. Und dann dieser elende Trend zu immer kürzeren Alben und Songs, die alle nur um die zwei Minuten lang bzw. kurz sind... Bevor sie sich entwickeln oder entfalten können, sind sie schon zuende. Mehr als zwei Punkte mag ich hier nicht geben.

    • Vor 12 Tagen

      Endlich schreibt mal jemand was zu den Songs, die noch nicht mal mehr drei Minuten dauern.Kein Intro, kein B-Teil, kein Luft holen sondern einfach gnadenlos durch und Schluss. Selbst die schönsten Songs oder Texte verlieren so massiv an Ästhetik. Spotify hin oder her, ich nehme jetzt mal an das es damit zu tun hat.. so macht auch eigentlich gute Musik einfach keinen Spaß mehr.

  • Vor 12 Tagen

    Irgendwo habe ich gelesen, dass Mine die deutsche Rosalía sein soll. Musikalisch passt das zu diesem Album auch ganz gut. Aber textlich finde ich Mine auf „Killer“ anstrengend - klingt nach dem Klischee einer Schwäbin, die nach Berlin zieht und dort ihre Großstadtneurosen pflegt. Obwohl Mine echt gut singen kann, ziehe ich Rosalías Spanisch, das ich nicht verstehe, bzw. ihren Sprachmix vor.

    • Vor 11 Tagen

      Liegt vielleicht echt auch an der Sprache aber zwischen Mine und Rosalía liegt mMn schon eine große Distanz allein was Produktion und Stimme angeht, weiß nicht wer da den Vergleich gezogen hat. Man hört auf jeden Fall auf dem Mine Album einige "Inspirationen" von Lux

  • Vor 11 Tagen

    Also der Gesang sitzt, die Texte sind größtenteils top und auch die Produktion ist durchweg gut. Mine released immer auf einem hohen Niveau, doch da ist dann der Knackpunkt für mich: Gemessen an ihrem eigenen Niveau fällt das Album zunächst dahingehend ab, dass mir viele Songs auf diesem Werk einfach sehr bekannt vorkamen. Die apokalyptischen Motive kamen schon auf "Hinüber" vor und die verspielten, fast schon experimentellen elektronischen Ansätze waren auf "Baum" schon da. Auch vieles, was Mine zum Thema Liebe zu sagen hat, ist jetzt nichts, was nicht schon auf vorherigen Songs zu hören war. Normalerweise störe ich mich nicht an solchen Dingen, aber irgendwie fällt es hier auf.

    Das andere Problem, was ihr hohes Niveau mit sich bringt ist die Tatsache, dass die Features hier einfach nicht für mich funktionieren. Mit ihrer Präsenz könnte sie jeden Song locker alleine tragen und die einzige Person, die ihr meiner Meinung nach je ebenbürtig war, war damals Sophie Hunger auf dem eben genannten Titeltrack zu "Hinüber". Eine Eleo ist auf "Bild von mir" immerhin eine gute Ergänzung, aber was LIONSTORM und NENDA auf ihren jeweiligen Songs sollen, ist mir schleierhaft. Beide klingen wie Fremdkörper, wie Personen, die während eines Konzerts eines klassischen Orchesters mit Holzstöcken auf Mülltonnen trommeln und die gesamte Stimmung killen. Das ist auch einer der tragenden Gründe, weshalb die zweite Hälfte für mich so stark von der ersten abfällt. Generell, auch alle anderen Alben betreffend, fand ich viele Features, vor allem die mit Rappern, komplett unnötig. Ihr musikalischer Ansatz ist generell nicht so kompatibel mit Hip-Hop wie sie sich das vorstellt, auch wenn sie Fan ist und sich vielleicht etwas Street Cred davon verspricht.

    Der feministische Song "Killer" klingt dann am Ende von der Botschaft auch eher pflichtschuldig, also unter ihrem Niveau produziert. Ebenso der Umstand, dass sie das ohnehin schon recht totzitierte "But I am a rich man"-Interview von Cher hier mit einbaut. Generell war ich die letzten Wochen auch ein wenig enttäuscht von ihr: Immer mal wieder wurde mir auf Instagram eine neue Facette von ihr gezeigt, nämlich die Mine, die Content Producerin ist. Und da war eben doch sehr niederschwelliger Slop dabei, wie das mitsprechen sexistischer Aussagen von Männern in Interview-Situationen. Auch wenn ich die Kritik an sich unterstütze, ist es am Ende doch unter ihrem Niveau.

    Aber: Das Album hat mich positiv überrascht, es ist definitiv nicht schlecht und einiges davon ist in meinen Playlisten gelandet. Aber wegen mir könnte sie beim nächsten Mal die Features weglassen und mal neue musikalische Wege erforschen.