laut.de-Kritik
Den Vorwurf mangelnder Vielseitigkeit kann man "Klepto" nicht machen.
Review von Christian Schmitz-LinnartzEs ist doch immer Dassselbe, machste ein vielseitiges Album, kommt irgendwoher der Vorwurf, Du hättest keine Identität. Auch dieses Argument lässt sich gut entkräften, wenn deutlich ist, dass jede einzelne Melodie, jeder einzelne Text und jedes einzelne Arrangement dir so unglaublich zwingend entsprungen ist, wie die Ekstase seinerzeit in Paris, als Grenouille sein Parfum freiließ.
'Identität' ist ein gutes Schlagwort, denn zunächst fragt man sich, ob der Albumtitel zu sehr Programm geworden ist, denn "Klepto" kommt von κλέπτειν (kléptein), altgriechisch für 'stehlen'. Der Muff Potter stiehlt nicht unbedingt oder klaut, vielmehr bedient er sich, und zwar beispielsweise an Hare Krishna-Sounds, Kula Shaker kommt in den Sinn.
"Wir bedienen uns bei den Besten, wir plündern Herzen, Lieder, Reserven und die Natur", singt Nagel. Was die Lieder betrifft, will man ihm zustimmen, und leider nicht wirklich gut, will man ergänzen, und so ist der Song zumindest im ersten Teil auch nicht "Ein Starkes Stück", entwickelt sich dann aber ziemlich genau zur Hälfte in eine spaßmachende treibende Klimax.
Ähnlich verhält es sich mit "Freaks & Geeks & Spinner", der erste Teil erinnert in Musik und besonders der Metrik des Sprechgesangs an "Sommer '89" von Kettcar, wobei der Text spannend ist; und so klngt die Nummer auch in der Eskalation in der zweiten Hälfte.
"Also bitte folgen Sie uns in unsere Kleptokratie"
"Engelstränen Im Abendlicht" erinnert stark an Herrenmagazin mit Nagel statt Deniz, "Und Die Nacht Brach Still Herein" ist Tomte mit Nagel statt Thees. Man orientiert sich vornehmlich an Hamburg, mal kommen einem Die Sterne in den Sinn, mal Blumfeld, doch selten Rheine, selten originär das, was Muff Potter einst ausmachte, und unvermeidlich ploppt der Satz "in Rheine, da ist doch nix los ..." von Horst Evers im Hirn auf.
Gut geklaut ist immer noch besser als schlecht selbst gemacht
Diese eklatante musikalische Nähe zu anderen Bands ginge ja irgendwie klar, wenn man "Klepto" als Album voller Hommagen versteht, denn gut geklaut immer noch besser ist als schlecht selbst gemacht. Dann hätte jedoch besser kommuniziert oder sich aus dem Albumkontext erschließen müssen, dass das Album eine Anthologie an Hommagen ist. Vielleicht unterließen sie es, dies zu kommunizieren, weil "Klepto" gerade da spannend und gut wird, wo sie ausbrechen aus dem klassischen Songschema, wo sie elaborieren, eskalieren, sich der Epik ergeben und ihnen die Länge und Struktur des Songs bumsegal ist.
Im Ergebnis bleibt dennoch zu sagen - und hier sollten mir selbst die eingefleischtesten Fans von Muff Potter zustimmen - neun neue Songs nach über vier Jahren, da geht mehr und vor allem besser.


5 Kommentare mit 12 Antworten
Da hat der müffelnde Robert auch seine Ruhe!
Verstehe die Kritik, finde die Rezi nur etwas eindimensional. Und so stark geklaut sind die Songs, die nicht explizit damit kokettieren, dann auch nicht, dass der einzige Aspekt sein sollte, über den im Wesentlichen gesprochen wird.
Andererseits prahlt der Rezensent in sozialen Medien durchaus damit, Albenbesprechungen nach einem "Zehn-Stunden-Arbeitstag einfach kurz in einem wegzuschreiben". Ist also auch ne Frage meiner Erwartungshaltung.
Zunächst mal danke für die Info, dass man in den sozialen Netzwerken scheinbar so viel von mir öffentlich sehen kann (oder kennen wir uns?)
So oder so finde ich es bedenklich, dass jemand die Zeit hat, mich Monate zurück zu recherchieren, um mich dann öffentlich an den Pranger zu stellen. Ich hätte nicht die Zeit, denn ich bin altmodisch und will mir mein Auskommen verdienen.
Es ist im übrigen einmal passiert, dass ich nach zehn Stunden eine Review "weggeschrieben" habe und selbst das war vielleicht auch nur Stimittel.
Du scheinst ja nicht viel zu arbeiten, wenn Du andere Leute derart stalken kannst. Ausgeglichener scheint Dich das aber nicht zu machen, wenn ich mal einen genauso gewagten Schluss ziehen darf.
"Du scheinst ja nicht viel zu arbeiten, wenn Du andere Leute derart stalken kannst."
Ja, Google Suchen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch.
Ansonsten, chill. Wenn du nicht möchtest dass man dein Social Media sieht, hab kein Social Media. Oder stell auf privat um.
Hätte laut.de eine Fediversum-Einbindung wäre das alles nie passiert!
Ich musste für diese Erkenntnis deinen Namen in eine Suchmaschine eingeben, den ersten Treffer anklicken und verifizieren, dass es die richtige Person ist. Dabei war ein Link zu einer von dir verfassten Besprechung auf lautt.de ziemlich hilfreich. Wenn du das als unter einem Klarnamen publizierender Journalist mit öffentlichem Profil als Stalking empfindest, tut mir das Leid. Das war nicht meine Absicht.
Die Zeit, um die ich meinen Arbeitgeber damit etwa betrogen habe: 3 Minuten inklusive Verfassen des Texts hier. Fände es eher bedenklich, wenn diese Zeit niemand aufzubringen im Stande wäre.
Fänds ziemlich cool, wenn ich nicht viel arbeiten müsste. Wenngleich ich 10-Stunden-Tage vermeide, würde ich diese Einschätzung aber leider nur bedingt teilen.
Und vielleicht noch kurz zur Sache, bevor ich entweder meine Pause beende oder im Bademantel schaumweinschlürfend über meine Ländereien wache:
Findest du meinen Kommentar denn wirklich so anprangernd und unausgeglichen? Der erste Absatz beinhaltet eine kurze Kritik deiner Kritik, die ich selbst als halbwegs differenziert sehe ("Verstehe, wie du zu dem Urteil kommst, Kritik am starken Fokus auf angeblichen Inspirationsquellen). Der zweite Absatz ist zugegebenermaßen bewusst spitz formuliert. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass in der Plattenkritik besonders viel zur Musik oder den Texten übrig bleibt, wenn man den "Klepto"-Aspekt streicht. Das ist aus meiner Sicht keine super starke Rezension, aber am Ende ist es dein Text und deine Entscheidung. Mit Leserkritik wirst du aber leben müssen. Die war bei aller Ironie gar nicht so böse gemeint, wie ich es aus deiner Antwort herauslese.
Sehr unsouveräne Reaktion, ma sagen.
Endlich mal was Neues auf Laut.de. Rezensent vs. Leser, bitte mehr davon. Leser vs. Matteo wäre auch fein.
Das wurde doch mit der Wudo-Saga schon längst anteasert. Halte ich auch für etwas vielversprechener als den Puschelgeddon-Arc.
"Fediversum-Einbindung"
Was das?
"Puschelgeddon-Arc"
Kann man nicht besser ausdrücken. Ist wirklich ein Ver(w)irrung apokalyptischen Ausmaßes
Die Wertung passt für mich. Als sehr großer Fan der Band, fühlt sich das Album wie ein gut eingelaufener Turnschuh an, obwohl da auch einiges neues ausprobiert wird. Leider geht nicht jedes Experiment auf. Ein paar Blindgänger sind auf dem Album und Nagels Gesang sowie die Produktion klangen schonmal mehr on Point.
Die Rezi ist abermals ein absoluter Fiebertraum, schon allein die Zwischenüberschriften im Text. Nach der Megaloh-, der Bleiches- und dieser Kritik gebe ich so langsam die Hoffnung auf, von dem Autoren noch etwas Gehaltvolles über Musik zu lesen. Die Einleitungen sind immer länger als der Teil zum Album, Songs werden in Halbsätzen beurteilt und Meinungen feilgeboten wie Schlangenöl.
Ey, die Produktion ist mir auch aufgefallen. Das ist alles breiiger, als es sein müsste. Da wäre mehr Punch drin gewesen.
Der Rezensent bemüht sich doch merklich um Originalität, was erst einmal zu begrüßen ist. Klar, er springt in den Metaphern, als hätte er eine ganze Eichhörnchen-Familie verschluckt, und manch Vergleich dient nicht der Genauigkeit, sondern will uns schulterklopfend mitteilen, dass der Rezensent ganz tolle Ideen hat. Auch fallen die Eichhörnchen ziemlich schnell vom Baum, denn die Rezi ist ja schon zu Ende, bevor wir genau erfahren, was denn da zu hören ist. Ungefähr erfahren wir es schon, es ist ja alles verdichtet und merklich informationsverstopft in einzelnen Sätzen, so als hätte der Rezensent keine Lust gehabt, zu einem Gedanken noch einen zweiten Satz zu schreiben und ihn zu vertiefen. So haben wir hier viel Namedropping und viel Hin-und-Her-Hopping, sodass die Aufforderung wohl darin liegt, sich das Album doch einfach selbst anzuhören
.
Bei genauem hinhören gibts auf der Platte sowohl musikalisch, als auch textlich mächtig was zu entdecken. Dass da nie wieder "Bordsteinkantengeschichten" kommen ist ja eh klar. Für mich weiterhin eine der besten deutschsprachigen Bands. Lieber alle vier Jahre 11 Muff Potter Songs, als wöchentlich fast ausschließlich deutschsprachigen Schmutz von den immer gleichen Spotify-Männer-Rap-Statisten.
100% Zustimmung
Diese Muffel rezensieren, aber nicht die neue Wa22ermann.