Ein Hip Hop-Nerd pflügt durchs Genre und schreibt die Chronik einer Kultur anhand von Songs und Storys neu: anarchisch, subjektiv, strictly personal.
Heidelberg (dani) - Worum geht es wohl, wenn einer der profiliertesten Rap-Journalisten des Landes ein Buch schreibt? Man muss schon sagen, dass Kollege Jan Wehn mit seiner Themenwahl nicht gerade verblüfft: Natürlich geht es wieder um Deutschrap, entsprechend unmissverständlich betitelt er sein jüngstes Werk (Reclam Verlag, 381 Seiten, Hardcover, 32 Euro). Der Untertitel verspricht "Songs und Storys", die "Chronik einer Kultur".
Jetzt könnte man einwenden, der Mann habe die Chronik einer Kultur zusammen mit Davide Bortot doch längst niedergeschrieben und Songs und Storys aus gefühlt tausendundeinem Mund bereits 2019 gesammelt, ja, wir konnten euch hören. Macht er jetzt dasselbe nochmal? [Böhmermann-imitiert-Poschardt-Voice: on] Bitte nicht!
Strictly personal
Zum Glück lässt er das bleiben. Statt zum x-ten mal Deutschraps Genesis-Mythen aufzuwärmen, etwa die alte Mär von Torch, wie er im pittoresken Heidelberg seine Zuluking-Existenz fand, wählt Jan Wehn einen ganz anderen Ansatz. Er dröselt das Genre und seine Geschichte aus seiner ganz persönlichen Perspektive heraus auf. Ohne Rücksicht auf Chronologie oder den Kanon, auf den sich die sich immerfort gegenseitig wiederkäuende Berichterstattung irgendwann geeinigt hatte, marodiert hier einer, dessen Hip Hop-Nerdtum wahrlich außer Frage steht, durch mehrere Dekaden deutscher Rap-Geschichte und pickt sich hier und da heraus, worauf er gerade Bock hat.
Das (und nur das) packt er, um sich wenigstens ein wenig gegen den Vorwurf der totalen Beliebigkeit zu wappnen, in Kapitel, deren Themen er allerdings auch wieder strikt nach eigenem Gusto gewählt hat. Jan Wehn schreibt in kurzen, mühelos konsumierbaren Häppchen über gelungene erste Songs, die angeblich so schwierigen zweiten Alben oder beeindruckende Three-Track-Runs. Er blickt hier auf Storytelling, da auf Comebacks, dort auf oft missachtete B-Seiten, klopft Fortsetzungen auf ihre Qualität hin ab und stellt anhand zahlloser Beispiele die Frage in den Raum, ob EP oder Mixtape nicht vielleicht doch das überlegenere Format sein könnten.
Wehn juckts?
Klingt so anarchisch, wie es ist, und ich verstehe voll und ganz, wenn jemand sagt: Die Privatmeinung von irgendeiner Musikjourno-Made - wehn juckts? Nun, meiner Musikjourno-Maden-Privatmeinung nach ist radikale Subjektivität tatsächlich das einzige, das juckt. An Deutschrap interessierte Menschen kennen die zeitlichen Abläufe doch längst, genau wie die einschlägigen Werke. Neue Horizonte eröffnet dagegen, was einen Freak wie den Kollegen Wehn begeistert und warum, und was vor verstaubte Perlen einer wie er, der seit gefühlten hundert Jahren sein Ohr auf den Schienen der deutschen Rapgeschichte liegen hat, in seinem Erinnerungs-Schuhkarton im Schrank hortet.
Ich find' die Herangehensweise also super. Dass Jan Wehn schreiben kann, ist eh bekannt. Seine Begeisterung steckt an, auch wenn ich sie, bei allen Rapgöttern, beileibe nicht immer nachvollziehen kann. Wehns Faible für einen Sterbenslangweiler wie Shindy etwa wird mir wohl auf ewig unerklärlich bleiben. So oder so, tropft die Liebe zu Rap aber aus jeder der unfassbar stylish mit schwarzen Schnittkanten gestalteten Seiten dieses Buchs. Es macht Bock auf die Tracks, von denen es erzählt. Dass Wehn die Playlisten zu den Kapiteln zum unmittelbaren Nachhören direkt mitliefert: bester Service.
Sag die Wahrheit!
Tatsächlich stört mich an "Deutschrap" nur ein Aspekt. Der liegt natürlich einerseits schon im Konzept begründet, hängt andererseits aber auch am Autor: "Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich ohnehin nie wirklich als Journalist verstanden", schreibt er in der Vorrede über sich selbst. "Auch nicht als besonders kritische Stimme." Ersteres ist, mit Verlaub, Bullshit, aber zweiteres seh' ich genauso, bei aller Hochachtung. Wenn so jemand jetzt auch noch eine Liebeserklärung verfasst und dafür strikt pickt, was er mag: Klar reiht sich dann eine Lobhudelei an die nächste.
Wenn sich die Abfeierei auf über dreihundert Seiten erstreckt, führt mich das irgendwann echt hart nah an den kritischen Grad der Aussüßung. Man bekommt den Eindruck, Kollege Wehn mag einfach ALLES. Noch schlimmer: Es fühlt sich an, als wolle er eine*n in die Illusion hineinzerren, deutscher Hip Hop sei ein wundersamer Zaubergarten der feinsinnigen Beat- und Wortschmiedekunst. Sorry, aber: Um dieses Einhorn jauchzend mitzureiten, bin ich zu alt und habe einfach selbst zu lange ungesund viel Rap gehört.
Ich weiß, dass es unfassbar viel beschissene, fragwürdige, misogyne, homophobe, antisemitische oder schlicht strunzdumme Songs von beschissenen, fragwürdigen, misogynen, homophoben, antisemitischen oder schlicht strunzdummen Künstler*innen gibt. Auch unter den in diesem Buch abgefeierten. Problematische Inhalte hin und wider anzusprechen, wenigstens ab und an einen kritischen Ton einfließen zu lassen, hätte "Deutschrap" gut getan. Ja, schon klar: Dieses Buch soll eine Liebeserklärung darstellen. Aber gerade denen, die man liebt, sollte man nicht unentwegt Zucker in den Arsch blasen, sondern ihnen, wenn nötig, zwischendurch auch mal die Wahrheit sagen. Wer sollte es sonst tun? Wer, wenn nicht wir?
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4 Kommentare mit 10 Antworten
Würde ich sogar lesen, wenn's keine Liebeserklärung wäre und es sich das auch noch so plakativ ans Rever heftet. Das ist Einbahnstraßenschreibe.
Wenn Deutschrap eines wirklich braucht, ist es aufrichtige Kritik und eine Auseinandersetzung der verschiedenen Stilepochen
Rede!
Seit jeher großen Respekt vor Jan Wehns Knowledge und Nerdtum gehabt, aber dass er einfach jeden Scheiß feiert, macht es halt schwer, seiner Urteilskraft zu vertrauen.
Über ihn hinaus war das eh immer ein Problem von Deutschrap-Journalismus, dass die Rezeptionshaltung außer abfeiern kannten.
Von Wehn??
Der W.
Au W
https://www.youtube.com/watch?v=PqFmpd21gy…
Die für mich einzig relevante Frage bezüglich D-Rap ist: Wieso ist er im Vergleich zu Ami-Rap so viele tausende Mal schlechter?
Stellt euch mal ein Ranking mit den besten US-Rap-Acts vor und daneben jeweils einen ebenbürtigen, deutschsprachigen Künstler. Ab welchem Platz würde es diesen ebenbürtigen Act denn überhaupt geben? Ab Platz 80?
Wenn wir die besten US-Rapper mit jeweils einem ebenbürtigen deutschen Künstler vergleichen, sind die jeweils genauso gut, denn das bedeutet das Wort ebenbürtig ja: gleichwertig / mit gleichen Fähigkeiten ausgestattet. Also was genau ist deine Frage?
Also ich würde für meine Top-40 der US-Rapper für keinen Platz einen ebenbürtigen D-Rap-Act finden. Mein Lieblings-Artist aus DACH wäre also nur so gut wie Platz 41 meiner US-Liste.
Dieser Kommentar wurde vor 40 Minuten durch den Autor entfernt.
Zu der Frage, warum Deutschrap schlechter ist:. Da gibt es sicher nicht DEN einen Grund, sondern viele, die zusammmenwirken. 1. Das Leben und die Kultur in der USA ist anders als in Deutschland. Vor allem im Bezug auf deutschen Gangsta Rap, wirkt dieser oft recht recht kindisch (Ausnahmen bestätigen die Regel). 2. Die DACH Region ist klein im Ggs. zu den USA, welche vier Mal so viele Einwohner haben. Mehr Leute - mehr Talente. 3. Der "Ami-Rap-Bias": Viele Hörer assoziieren US-Rap automatisch mit Coolness und dem Ursprung des Genres, was die Wahrnehmung positiv beeinflusst, vielleicht ist es bei dir auch so? 4. In Deutschland wird Deutschrap aus Prinzip gern gehatet, wer auf sich hält, findet bei allem ein Haar in der Suppe. 5. Der Hörer kriegt, was er bestellt. Wenn sich Lelele gut verkauft, gibt es mehr Lelele. Kannst bestimmt noch weitere Gründe finden.
Easy. OG Keemo kommt locker in die Top 1% im nicht „schlecht“ sein, wobei schlecht mir ein subjektives Kriterium zu sein scheint, was die ganze Frage fragwürdig macht. Soll heißen: ich stimme bei der ersten Annahme nicht zu.
@CAPSLOCKFTW darauf genau zielten meine Punkte 3. und 4., ob die Grundannahme überhaupt stimmt, dass Deutsch-Rap "so viele tausende Mal schlechter" ist als Ami-Rap.
https://youtu.be/3Fz_UvJVEvg?is=Z8DlJwx4Qi…