Regisseur Antoine Fuqua zeigt einen weichgespülten Werbeclip für das Franchise und inszeniert Michael als grundgütigen Messias.

Motown/Neverland (rnk) - 'Star' ist ein Begriff, der mittlerweile inflationär verwendet wird. Es bedarf nicht einmal eigenen Contents: Ein Setup aus PC und Webcam sowie ein einfaches Reaction-Video reichen schon aus, um sich eine Followerschaft aufzubauen und einen Werbepartner an Land zu ziehen. Um so erstaunlicher, dass diese junge Zielgruppe zwischen 15 und 25 Jahren bei "Michael"-Vorführungen deutlich überwiegt. Vielleicht weil sie das Glück hatte, den Niedergang von Michael Jackson nicht erleben zu müssen.

Die Magie der unfassbar erfolgreichen Achtziger-Jahre-Phase war spätestens in den Nullerjahren komplett verbraucht. Jackson, der in seiner Prime nahezu überirdisch wirkte, war nun plötzlich 'Wacko Jacko', der gruselige Zombie der Boulevardpresse, ein realitätsferner Freak ohne jegliche Bodenhaftung und im schlimmsten Falle sogar ein Pädophiler. Die ständigen Anschuldigungen, die zwar in Freisprüchen endeten, fügten dem Mythos zu diesem Zeitpunkt erhebliche Schäden zu. Dieser einst unfassbar präsente Performer war nur noch ein Schatten seiner selbst, eine verblassende Kindheitserinnerung.

Das Schlimme war auch, dass es Freude bereitete, sein Idol fallen zu sehen. Die Parodien machten mittlerweile mehr Spaß als das erschreckend schwache Album "Invincible". Madonna hatte Glück, dass sie mit "Ray Of Light" und "Music" ihrer Karriere wieder neues Leben einhauchen konnte, was Jacko nicht mehr gelang.

Die jungen Zuschauer knabbern fröhlich an ihren Nachos

Am 25. Juni 2009 verbreitete sich in Windeseile die Nachricht von seinem Tod. Die Timeline auf Facebook wurde mit YouTube-Clips nahezu geflutet, DJs nahmen in hippen Locations spontan wieder "Thriller" in die Playlist auf, was nur ein paar Jahre vorher noch uncool und lächerlich wirkte. Der Musiker Michael Jackson, noch immer einer der erfolgreichsten Solo-Künstler aller Zeiten, war letztendlich doch zu groß, um ihn wortlos aus der Musikgeschichte und den Erinnerungen zu löschen.

Auch die verstörende Doku "Leaving Neverland" löste nur eine kurzzeitige Empörung aus. Die Songs wurden kurzzeitig aus den Streaming-Diensten entfernt, waren aber schnell wieder verfügbar. Der Wunsch, sich mit seinen Songs die Kindheit zurückzuholen, überstrahlte immer noch die Schattenseite, während jüngere Generationen erst gar nicht vorbelastet aufwuchsen.

Die knabbern nun fröhlich an ihren Nachos, quasseln aufgedreht und erinnern lustigerweise an das Michael-GIF, das man bei Instagram häufiger in emotional aufgeladenen Kommentarspalten sieht. Für eine Sekunde kieksen sie noch "O M G, es geht los!", doch der Hauptfilm geht gar nicht los, dafür ein geschickt eingesetzter Teaser für den neuen Scary Movie-Film, der Jackson im Gegensatz zu früheren Teilen der Scary Movie-Reihe nicht direkt als freakigen Horror-Clown verunglimpft. Die Wayans-Brüder haben es, so kann man bereits aus dem kurzen Trailer schließen, eher auf politische Korrektheit und Woke-Culture abgesehen.

Die Geschichte von Michael kann natürlich nie ohne diese Jahre erzählt werden, die ihn maßgeblich prägten. Joe Jackson, der als Patriarch seinen Kindern jegliches Selbstbewusstsein entzog und sie zu seinen Marionetten umformte, ist männliche Toxizität in Person. Colman Domingo spielt den Unsympathen überzeugend, und doch wirkt er trotz seiner Gewaltätigkeit nur erschreckend tapsig. Es gibt zwei kurze Szenen, in denen er seinen Sohn verprügelt, aber dem jüngeren Kino-Publikum sollen wahrscheinlich weitere Szenen der körperlichen Misshandlungen erspart bleiben, aber stattdessen springt der Film in atemberaubendem Tempo fröhlich weiter, ohne den Figuren eine größere Tiefe zu geben.

Messias in Bonbon-Farben

Es braucht natürlich nicht viel Erklärung, um zu erkennen, was Joe Jackson für ein ekelhafter Mensch war. In seiner Welt geht es nur um Gewinner und Verlierer. Man erkennt bereits hier, warum Michael, der in den Augen seines Vaters nie gut genug war, später so sehr nach Perfektion strebte. "Michael" erzählt die Geschichte einer Emanzipation, doch blieb er immer in der Rolle eines Jungen gefangen, der sich nie akzeptieren konnte.

Allzu tiefgründig wird "Michael" ohnehin nicht. Der CGI-Bonbon-Look erinnert an Netflix-Produktionen, alles wird schnell abgearbeitet. Gerade für Musiknerds gibt es absolut nichts zu holen. Die Vision von "Thriller", alles bisher Dagewesene zu übertrumpfen und neu zu ordnen, wird nur kurz angerissen. Was wirklich von dieser Szene hängen bleibt, ist ein abermaliger Cameo-Auftritt von Mike Myers, der nun nach "Bohemian Rhapsody", dem bisher erfolgreichsten Musikbiopic, einen weiteren Rekordfilm in seinen Wikipedia-Eintrag eintragen darf. Auch "Bohemian Rhapsody" war ein reiner Unterhaltungsfilm, der sich um Fakten oder Schattenseiten wenig kümmerte.

"Rocketman" und "Better Man" behandeln die Abstürze ihrer Stars und geben ihnen damit eine tragische Menschlichkeit. "Michael" hingegen trägt bereits die unangenehme Messias-Inszenierung der späteren Jahre in sich. Er geht zu krebskranken Kindern ins Krankenhaus, predigt vor verfeindeten Gangstas in der Hood Barmherzigkeit, und der Allmächtige persönlich spricht zu und durch ihn. Das sind Momente, in denen man versteht, warum Jarvis Cocker bei den Brit Awards 1996 während Jacksons Auftritt auf die Bühne stürmte. Der stand an jenem Abend tatsächlich auf einer Hebebühne und ließ in einer lächerlichen Jesus-Inszenierung die Kinder, Kranken und Erschöpften zu sich kommen.

Die Frage, wie aus dem unsicheren Jacko plötzlich der Kontrollfreak wurde, der seinem Vater darin fast tragisch ähnelt, skizziert der Film nur grob. Michael ist in dem Film genauso, wie die Kinder ihn sich in den Achtzigern vorgestellt haben: ein Peter Pan, der zwischen uns Kindern und der merkwürdigen Erwachsenenwelt vermittelt. Die Manifestation und der Sieg des Guten, an den man im Kindesalter noch wirklich glaubt. "Michael" ist keines der Exposing-Videos, die in der YouTube-Welt so unfassbar angesagt sind.

Peter Pans Flug bricht abrupt ab

Wer die dunkle Seite Jacksons sehen will oder für sein Narrativ benötigt, kann sich natürlich auch die vielen Dokus anschauen und Artikel durchlesen. Angeblich sollte das letzte Drittel des Films die Missbrauchs-Vorwürfe thematisieren, musste aber aus juristischen Gründen wieder herausgenommen werden. Was auch etwas erklärt, warum der nicht einmal hochwertig aussehende Film am Ende durch Nachdrehs stattliche 150 Millionen Dollar kostete. So bricht "Michael" seltsam unrund mit einem Auftritt während der "Bad"-Tour ab. Ein zweiter Teil erscheint bei dem Erfolg des Films und der kryptischen Einblendung "Die Geschichte geht weiter" nicht komplett ausgeschlossen. Die zunehmende Isolation und Paranoia Jacksons, die nach dem unverschämten Erfolg von "Thriller" hereinbrach, wird nicht weiter behandelt. Jacko, der selbstbewusste Macher-Typ, triumphiert über alle.

So geht das Licht im Saal an. Draußen steht ein Grüppchen und zeigt sich von dem Film begeistert. Ihr Idol ist heute nicht gefallen, und es fällt schwer zu glauben, dass sie wirklich an den Details zur Zusammenarbeit mit John Landis bei dem "Thriller"-Musikvideo interessiert sind oder an Eddie Van Halens Solo, das damals sogar die Studioboxen zum Glühen brachte. Oder daran, wie Michael nach dem ersten Listening von "Thriller" schockiert war und sein Team, ähnlich wie Joe Jackson, zu weiteren Bearbeitungen aufforderte.

In den Händen von windigen Geschäftsleuten

"Michael" umgeht diese Wünsche von Film- und Musik-Nerds, wahrscheinlich auch wieder juristischen Streitigkeiten geschuldet. So bekommt das Kinopublikum in Umrissen eine toxische Vater-Sohn-Dynamik, aber wenig vom musikalischen Genie Jacksons und seinem kongenialen Partner Quincy Jones mit. Jüngere Menschen können so nur erahnen, was "Thriller" für ein Erdbeben in der Musikwelt verursachte. Die Fans tauchen nur als kreischende Masse auf, in langweiligen Zeitlupenfahrten, die sich ständig wie KI-generiert wiederholen. Auch bleibt der Film stets auf amerikanischem Boden, dabei erfasste Jackomania die Menschen auch weltweit. Jacksons Auftritt an der Berliner Mauer versetzte 1988 den DDR-Staatsicherheit in Panik, so sehr fürchtete man die Reaktionen der ostdeutschen Fans. So parken die Nachlassverwalter McClain und Branca, der sich zudem noch selbstgefällig in den Film hineinschreibt, den Film in der Safety-Zone.

Michaels Tochter Paris bezeichnete den Film als "zuckerglasierte Version". Seine Lieblings-Schwester Janet wollte mit dem Projekt und den Umtrieben der geschäftstüchtigen Familie erst gar nicht in Zusammenhang stehen. Nach Schätzungen liegen die Einnahmen der Estate Company im Milliardenbereich; dank des Mega-Erfolgs kommen nun weitere Einnahmen dazu. Bereits zum Ende hatte Jacko die Kontrolle über sein kreatives Werk und seine Eigenständigkeit verloren. Der Film möchte eine Befreiung zeigen, dabei war Michael schon längst wieder in den Händen von windigen Geschäftsleuten und der Erzählung des Boulevards gefangen. Eine Tragik, die uns der Erbauungs- und Erlösungsfilm "Michael" nicht mehr zeigt und die viele auch gerne aus ihrem Gedächtnis streichen wollen. So baut der Film behutsam das Narrativ wieder auf, leider nicht das des musikalischen Genies, des hyperehrgeizigen Kreativmenschen, des inspirierenden Idols, sondern das einer blassen, stets freundlich lächelnden Werbefigur, eines Hologramms im Franchise.

Die Mittelmäßigkeit des Films hätte Jacko selbst niemals akzeptiert

Positiv bleibt anzumerken, dass sowohl der Kinder-Darsteller Juliano Valdi wie auch Jaafar Jackson ihre Rollen überzeugend spielen. Auch wenn Jafaar eben genau diese paar Prozent mehr fehlen, die sein berühmter Onkel aus jeder Perfomance rausholte. Das Getriebene, der innerliche Zwang, stets der Beste der Besten zu sein, geht der luftig-leichten Interpretation ab.

Dabei war das alles so viel mehr, als ein weichgespülter Kinofilm uns zeigt. Auch wenn der Film wenig Eindruck hinterlässt, geht man natürlich sofort danach in die Streaming-App und möchte bei "Human Nature" Tränen vergießen oder heimlich, wenn gerade keiner hinschaut, den ikonischen Tanz aus "Thriller" nachmachen. Nur ein paar Sekunden reichen, damit diese magische Zauberformel wieder wirkt: der pompöse Fanfarenbeginn, dieser unfassbare Groove. Und während Songs heute niemals die Aufmerksamkeitsspanne überschreiten dürfen, gibt es genau in der Mitte den Spoken Word-Part von Horror-Ikone Vincent Price. Ein perfektes Pop-Meisterwerk, ein visueller Geniestreich.

Über Jackson in seiner Prime kann man nur in Superlativen reden - er war praktisch das Superlativ des Superstars. "Michael" ist handwerklich und erzählerisch nur Durchschnitt, was Jackson, der für Musikvideos nur Hollywood-Größen wie Landis oder Scorsese zuließ, so in seiner Hochphase niemals akzeptiert hätte. Und trotzdem können die Kritiker wie bei "Bohemian Rhapsody" nur kritisch einordnen, der Strahlkraft des immer noch größten Pop-Künstlers kann der Film nichts anhaben. Allein der Trailer zu "Michael" übertrumpfte die Klickzahlen von Taylor Swifts "Eras"-Konzertfilm-Ankündigung. Vierundvierzig Jahre nach dem Release von "Thriller" und 16 Jahre nach Jacksons Tod ein wahrhaft großes Statement.

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