Beim Auftritt von Poppy in Frankfurt schimmert zunächst Konzeptkunst durch, doch sobald "Bruised Sky" einsetzt, ist Schluss mit Grübeln.
Frankfurt (drö) - Dass sich Poppy ihren Headliner-Status längst verdient hat, zeigte sich schon im Vorfeld. Die Frankfurter Batschkapp meldet frühzeitig "ausverkauft", vor den Türen bildet sich pünktlich zur 18 Uhr-Öffnung eine Schlange, die eher nach Hype als nach Routine aussieht. Halb so wild: Der Einlass läuft reibungslos. Drinnen ist die Halle bereits gut gefüllt, Front of Stage ist dicht besetzt, der Balkon ebenfalls gut belegt – Frankfurt hat merklich Lust.
Den Auftakt übernehmen Fox Lake mit einer Ladung US-Beatdown, die keine Gefangenen macht. "Go 4 The Throat" prügeln sie ohne Umschweife in den Abend, die Setlist ist stark vom aktuellen Material geprägt. Sänger Nathan Johnson arbeitet sichtbar daran, die Crowd auf Betriebstemperatur zu bringen. Der erste Pit-Befehl verpufft noch im Raum, beim zweiten Mal zieht Frankfurt mit und lässt den Kreis bis zum Schluss der halben Stunde nicht mehr zugehen. "Dog Eat Dog" und "Freestyle" setzen die Highlights, dann ist Schluss: kurz, hart, effektiv.
Ocean Grove, die ich bislang eher als solide, aber etwas egalen Crossover-Act abgespeichert hatte, überraschen danach mit einer Performance, die vor Energie fast überkocht. Was auf Platte oft beliebig wirkt, gewinnt live plötzlich Profil. 40 Minuten lang liefern die Australier Spielfreude und Druck, dass selbst Skeptiker mitgerissen werden.
Sound wie ein Vorschlaghammer
Um Punkt 21 Uhr kippt die Stimmung: erhöhtes Drumset, glitzernder Mikroständer, dazu eine verzerrte Stimme aus den Boxen – irgendwas mit "House Of Poppy", Masken, Spiegeln, Identität. Konzeptkunst schimmert durch, doch sobald "Bruised Sky" einsetzt, ist Schluss mit Grübeln. Der Sound trifft wie ein Vorschlaghammer. Die Abmischung ist nahezu perfekt, vor allem Drums und Bass stehen brutal präsent im Raum und verleihen jedem Song zusätzliche Härte.
Zwischen den Tracks verschwindet Poppy immer wieder von der Bühne, während ihre maskierten Mitstreiter Interludes inszenieren. "Bloodmoney" drückt Industrial-Vibes durch die Wände, "Scary Mask" liefert gleich die inhaltliche Gebrauchsanweisung fürs Bühnenkonzept. Poppy fragt vereinzelt nach Circle Pits oder einer Wall of Death, das ist aber eigentlich überflüssig: Der Pit läuft ohnehin fast durchgehend, Crowdsurfer inklusive.
Kleine Risse in Oberfläche
Und dann diese Balance: Inszenierung trifft Persönlichkeit. Klar ist die Show durchgetaktet, folgt einem Konzept, aber genau das macht sie stark. Gleichzeitig blitzen immer wieder kleine, menschliche Momente durch. Ein Off-Kommentar über den Tontechniker, ein Fan, der schreiend nach einem Drumstick fragt und ihn bekommt. Kleine Risse in der perfekt designten Oberfläche.
Bei "The Cost Of Giving Up" zeigt sich die Crowd textsicher bis in die letzte Reihe, doch auch neue Tracks wie "Public Domain" werden abgefeiert. Immer wieder untermalen Nebelsäulen fast explosionsartig die Drum-Attacken, gelegentlich fliegt Konfetti. Die Gitarren bekommen live mehr Raum, streuen Soli ein, die den Studioversionen zusätzliche Kanten verleihen. Und Poppy selbst? Tanzt, schreit, singt, wirbelt über die Bühne.
Die Interludes kehren zurück, die verzerrte Stimme bleibt das verbindende Element. Stimmlich pendelt Poppy mühelos zwischen Klarheit und Screams. Der Fokus liegt an diesem Abend klar auf "Negative Spaces", sehr zur Freude des Publikums. "Have You Had Enough?" zündet als Energieschub, während "Crystallized" zum kollektiven Mitwippen einlädt.
Poppy dreht sich wie ein Kreisel
"Time Will Tell" sitzt bereits erstaunlich sicher, doch der Sieger des Abends ist "V.A.N" mit Blastbeats, die live noch einmal deutlich heftiger scheppern. Mit "They're All Around Us" scheint zunächst Schluss zu sein, die Band legt noch einmal alles rein. Poppy dreht sich wie ein Kreisel, wechselt Stimmen, liefert eine makellose Performance. Die Zugabe-Rufe sind entsprechend laut und werden erhört. Mit "New Way Out" setzen sie den Schlusspunkt.
Nach etwas über einer Stunde ist Feierabend, angesichts von drei Bands ein verschmerzbarer Wermutstropfen. Unterm Strich zeigt Poppy in der restlos ausverkauften Batschkapp eindrucksvoll, wie man Genres nicht nur mischt, sondern zur Explosion bringt. Musikalisch ist das eine Glanzleistung, performativ ohnehin. Von den alten YouTube-Exzentriken ist hier kaum noch etwas übrig und live ist das genau die richtige Entscheidung.
(Foto aus Köln: Adamross Williams)

1 Kommentar mit 10 Antworten
Sind wir denn alle grundsätzlich außerhalb einer Iszenierung? Ist Persönlichkeit denn eine Zusammenfassung aus Iszenierung und festem Charakter? Das Leben ist (auch) ein Schauspiel, die Menschen mögen das Drama. Es gehört dazu, das Leben ist eine imaginäre Bühne.
Ich muss endlich mal das Antiwieselskript von Caps installieren, sonst killt mich der cringe noch.
Das ist wirklich das Spannende bei einer Künstlerin wie Poppy eine ist! Wie viel Poppy steckt denn da eigentlich drin? Und wie viel davon ist die Poppy, die die Öffentlichkeit kennt und liebt? Und ja - wie viel Wiesel ist in Deinen Kommentaren zu finden? Und wie viel Wiesel in meinen, wenn ich Dir antworte? Ist das nur ein inszeniertes Wiesel, oder schon Lost? Puh... Mir wird ganz schwindelig. Es ist unfassbar, was Kultur alles mit uns als Mensch macht...
Schwingo... Sieh es vielleicht mal so: Wiesel könnte ein guter ironischer Korrekturfaktor sein. Seine Beiträge zeigen uns ganz klar, dass von Kabelitz über Yannik, Capsi und Skywise, Horsti und Pedro, Ragism und Wiesel so ziemlich alle Beiträge ziemlicher Mumpitz sind. Der Nachhall irgendeines Tropfens, der durch irgendeine Höhle reflektiert. Angesichts der zwar teils begreifbaren, aber nie komplett erfassbaren realen Welt als auch der Welt der Kultur sind unsere Äußerungen kümmerliche kleine Fürze.
Und es macht wesentlich mehr Freude, sich hier zu beteiligen, wenn man den ganzen Zirkus hier nicht so ernst nimmt. Wenn Wiesel einen feuilletonistischen, pseudo-deepen Cringe-Beitrag verfasst, der direkt ausm Spiegel, der Süddeutschen oder der Frankfurter kommen könnte, ist das für mich eine wertvolle Erinnerung daran, das hier nicht für so wichtig zu halten. Ich wundere mich also immer, was für negative Reaktionen er auslöst. Ich vermute, viele sind eher abgestoßen vom Horror, der Sinnlosigkeit des Kommentierens ins Gesicht zu blicken. Ich kann diesen Horror aber auch umarmen, und eine gute Zeit haben
Sich an die Begebenheiten vor Ort anzupassen, würde einer zu inszenierten Darstellung vorbeugen
@Puschel:
Ich glaub das kann Wiesel aber nicht.
Genau so ist es, Ragi - "Horror" ist das perfekte Wort. Und zwar ALLE Kommentare. Auch bzw. insbesondere die, die im realen Leben stattfinden
Gute Parodie des wieseligen Duktus, Ragismo.
Nicht aufgeben, Schwingi. Immer weiter, immer weiter
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Danke, gilt auch für dich. Nicht aufgeben, der Button zur Accountlöschung ist ganz nah!
Das hat doch jetzt mit dem Resultat nichts zu tun. Ich weigere mich, auf der Tribüne Platz zu nehmen!