29. Juni 2026

"Ich fühlte mich wie eine Hochstaplerin"

Interview geführt von

Die Britin spricht im Interview über persönlichem Wandel, kreative Freiheit und den Umstand, dass Komponist*innen oft auf ein Podest gestellt werden.

Auf ihrem fünften Album "Liminal" erkundet die Komponistin und Pianistin Poppy Ackroyd die Zwischenräume von Verlust, Neubeginn und Veränderung. Inspiriert von ihrer neuen Heimat am Rand eines alten Waldes, verbindet sie Klavier und Violine zu einer ebenso reduzierten wie vielschichtigen Klangwelt.

Du hast gerade dein fünftes Album "Liminal" veröffentlicht. Herzlichen Glückwunsch! Das Cover zeigt eine neblige Landschaft mit Baumkronen. Die Natur scheintm mehr als nur eine Kulisse zu sein. War sie eher eine Inspiration, ein Spiegel oder eine Art Co-Autorin?

Danke! Das Cover-Artwork ist ein Foto, das ich von meinem Studiofenster aus gemacht habe, als das Tal draußen komplett neblig war. Das passiert hier ziemlich oft, aber das war ein besonders nebliger Morgen. Ich hatte das Gefühl, dass der Nebel selbst viele liminale Eigenschaften hatte und die Stimmung des Albums perfekt einfing. Dies ist das erste Mal, dass ich vollständig von der Natur umgeben lebe. Mein Studio ist Teil meines Hauses, das an der Seite eines Tals liegt und an einen alten Wald grenzt.

Ich schlafe ein, während ich den Eulen zuhöre. Unser Garten ist voller Wildtiere, darunter Rehe und Igel. Es ist idyllisch und auch belebend. Ich fühle mich auf eine besondere Weise davon genährt und bin ein anderer Mensch, seit ich hier lebe. Ich dachte immer, ich müsste im Zentrum einer Stadt leben, um mich lebendig zu fühlen. Ich bin direkt im Zentrum von London aufgewachsen – fünf Minuten zu Fuß von der Tower Bridge entfernt – aber es stellt sich heraus, dass diese Lebensweise nicht so gut zu mir passt, wie ich dachte. Die Schönheit der Hügel rund um meinen jetzigen Wohnort und die ruhige, entspannte Atmosphäre der Gegend haben die Stimmung des Albums auf jeden Fall beeinflusst.

Der Titel "Liminal" gibt einen Einblick in ein Album, das neue Grenzen auslotet. Gibt es Grenzen, die du bei der Entstehung dieses Werks überschritten hast?

In den letzten Jahren bin ich zweimal umgezogen und habe mich in einem neuen Teil des Vereinigten Königreichs niedergelassen. Ich habe meinen Vater und meine Schwiegermutter verloren und habe mein zweites Kind bekommen – neben anderen großen Herausforderungen, über die ich nicht sprechen möchte. Solche Erfahrungen verändern einen. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie früher. Für dieses Album habe ich zwar dieselbe musikalische Sprache verwendet wie auf meinen vorherigen Veröffentlichungen, aber aus irgendeinem Grund fühlte es sich dieses Mal anders an.

"Ich nutze ein Instrument in seiner Gesamtheit"

Diesmal hast du ausschließlich mit Klavier und Violine gearbeitet. Bedeutet Reduktion für dich eine bewusstere Wahrnehmung?

Eigentlich habe ich schon immer so gearbeitet. Für dieses Album habe ich die Violine wieder zurückgeholt, nachdem ich auf meinem letzten Album "Pause" ausschließlich mit dem Klavier gearbeitet hatte. Ich finde es ungemein hilfreich, mit Einschränkungen zu arbeiten. Ich lasse die Musik einfach in jede Richtung gehen, die sie einschlagen möchte, und dennoch behält sie immer einen inneren Zusammenhalt. Mit diesen Instrumenten und den vielen unterschiedlichen Klängen, die sich ihnen entlocken lassen, gibt es unzählige Möglichkeiten. Es gibt noch so viel zu entdecken, und ich habe das Gefühl, bisher nur an der Oberfläche gekratzt zu haben.

Du behandelst deine Instrumente auf sehr körperliche Weise – du zupfst, streichst und klopfst sie an. Ist dieser Ansatz für dich eher ein Experiment oder eine Art Dialog mit dem Instrument? Und welche neuen Arten, Instrumente zu nutzen, hast du auf "Liminal" ausprobiert?

Ich bin von einem sehr sparsamen Yorkshire-Mann erzogen worden, der der Sohn eines Metzgers war. Bei uns wurde nach dem Prinzip "nose to tail" gegessen – also möglichst jeder Teil des Tieres verwertet und nichts verschwendet. Ich glaube, das hat meinen Umgang mit vielen Dingen geprägt. Ich nutze ein Instrument in seiner Gesamtheit und liebe es, wie dadurch eine wunderschöne Klangwelt entsteht: Viele der Klänge sind zwar kaum noch als die ursprünglichen Instrumente erkennbar oder wirken ungewöhnlich, aber sie fühlen sich dennoch alle miteinander verbunden an. Bei "Liminal" habe ich auf der Aufnahmeseite sehr schnell gearbeitet. Alle Schichten und rhythmischen Texturen stammen aus Improvisationen, die ich anschließend durchgesehen, ausgewählt und arrangiert habe, um verschiedene Beats und Polyrhythmen beziehungsweise sich überlagernde Rhythmen zu schaffen.

Das Album entstand in einer Phase persönlicher Veränderungen. Wie viel davon spiegelt sich direkt in der Musik wider und wie viel bleibt bewusst verborgen?

Ich glaube nicht, dass ich wirklich etwas verborgen habe. Das Schreiben war die größte Freiheit, die ich jemals beim Komponieren empfunden habe. Das Schöne an instrumentaler Musik ist jedoch, dass man alles ausdrücken kann, was man möchte, und sie trotzdem auf gewisse Weise abstrakt bleibt. Die Hörerinnen und Hörer können sie so interpretieren, wie sie es möchten. Das ist sehr befreiend.

"Meine Musik soll sich organisch anfühlen"

Du hast immer an der Schnittstelle zwischen klassischer Ausbildung und einer sehr eigenständigen musikalischen Sprache gearbeitet. Wann wurde dir klar, dass du nicht nur klassische Musik interpretieren, sondern daraus etwas Eigenes entwickeln willst?

Als ich mein Masterstudium im Fach Klavierperformance absolvierte, begann ich zum ersten Mal mit lebenden Komponistinnen und Komponisten zusammenzuarbeiten und spielte ausschließlich zeitgenössisches klassisches Repertoire. Ich traf die Komponierenden persönlich, hörte die Geschichten hinter ihren Werken und liebte es, dass sie mir genau erklären konnten, wie jedes Stück aufgeführt werden sollte. Plötzlich wurde mir bewusst, dass auch ich selbst viel zu sagen hatte, und ich dachte, ich sollte vielleicht versuchen zu komponieren und sehen, was daraus wird.

Lange Zeit fühlte ich mich wie eine Hochstaplerin, denn in der klassischen Tradition werden Komponistinnen und Komponisten oft auf ein Podest gestellt. Als Interpretin kommt einem häufig gar nicht in den Sinn, dass man selbst ebenfalls Musik schreiben könnte. Auch heute fühlt es sich manchmal noch ungewohnt an, mich sowohl als Komponistin als auch als Instrumentalistin zu bezeichnen.

Was ist die größte Inspirationsquelle deiner Arbeit?

Die Natur, die Kunst, Geschichten, Menschen und meine Kinder.

Deine Veröffentlichungen wirken oft wie klar definierte Kapitel. Betrachtest du Alben eher als eigenständige Werke oder als Meilensteine in einem längeren Prozess?

Ich denke beides. Sie sind alle sehr in sich geschlossene Werke – es gibt immer ein Thema und ein Ziel für jedes Album –, aber ich denke auch darüber nach, wie die einzelnen Projekte zusammenpassen und wohin mich die gesamte Reise führt. 

Wie wichtig war dein Label One Little Independent für dich als künstlerischer Rahmen für dieses Album, und gab es Aspekte, die für dich bei der Arbeit an "Liminal" besonders nützlich waren?

Sie sind wirklich das wunderbarste Label und hätten mich bei der Produktion dieses Albums nicht mehr unterstützen können. OLI hat viele Künstlerinnen im Programm und versteht die Balance und die Schwierigkeiten, Mutter zu sein und Musik zu machen oder auf Tour zu gehen, voll und ganz. Sie sind auch bestrebt, alles, was du kreativ tun möchtest, möglich zu machen. Zu wissen, dass sie hinter mir stehen und mich voll unterstützen, ist eine unglaublich tolle Sache.

Klassische und neoklassische Musik hat oft einen melancholischen Unterton, der den Hörer ganz sanft berührt und sogar Gänsehaut verursacht. Wenn du deinen Sound mit einer Situation oder einem Gefühl beschreiben müsstest, wie fühlt er sich für dich an?

Jemand sagte einmal, meine Musik fühle sich an wie Wasser, und das hat mir wirklich gefallen. Man sagte, sie sei ständig in Bewegung, fließe und verändere sich auf subtile Weise, und genau das versuche ich zu erreichen. Ich möchte, dass sie sich organisch und zeitlos anfühlt.

Und wie soll deine musikalische Zukunft aussehen? Sind neue Projekte geplant?

Nach den letzten Jahren fühle ich mich wie ein anderer Mensch und ich bin wirklich gespannt darauf, was ich als Nächstes machen werde. Ich habe für dieses Jahr eine sehr aufregende persönliche Zusammenarbeit geplant sowie einige Projekte, die mit dem liminalen Material zusammenhängen und neue Live-Show-Pläne. 

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