23. März 2026
"Das war harte Arbeit, andauernd diese Riffs"
Interview geführt von Ben Schiwek"News From Planet Zombie" klingt vom Titel her wie ein Horror-Film, musikalisch aber nach typisch verfrickelter Wärme und neuer Spielfreude. Wieder mehr live, weniger am Rechner sitzen, das wollten The Notwist erreichen. Und das scheint Weilheims tollsten Indie-Buben [ich kenne zugegebenermaßen keine anderen Weilheimer Indie-Buben, aber auch abseits davon sind The Notwist hierzulande schwer zu übertreffen] gut getan zu haben.
Via Zoom sitzen mir Markus, Micha und Cico, umgeben von Musikequipment, gemeinsam in einem Raum gegenüber. Auf eine Art ist das symbolisch, denn gemeinsam und gleichzeitig in einem Raum aufzunehmen war für das neue Notwist-Album neu und essenziell, das betonen sie im Gespräch immer wieder. Aber nicht nur das Kollektive steckt in "News From Planet Zombie", sondern auch Beobachtungen dessen, was aktuell auf der Welt passiert – und gar ein kleiner Teil der Härte ihrer ganz frühen Tage?
Das Album blickt auch auf die aktuelle Gesellschaftslage und Politik, teilweise noch direkter und expliziter als zuvor. War das eine bewusste Entscheidung?
Markus: Bewusst ist immer schwer zu sagen ... aber ja, auf jeden Fall. Das kann man nicht ausklammern, und momentan sind es einfach so extreme Situationen überall, dass das natürlich mit einfließt. Ich will es nie zu explizit machen, das ist ja meistens dann zwei Monate später schon wieder nicht mehr aktuell. Aber im Großen und Ganzen sind Sachen, die halt momentan passieren, da auf jeden Fall angesprochen.
Wie geht man solche aktuellen, globalen Gesellschaftsprobleme in Texten an, ohne zu vereinfacht oder vage zu bleiben? Ihr seid ja keine Polit-Punk-Band oder Conscious-Rapper, die sich 1000 Zeilen Zeit nehmen, um das Thema aufzudröseln.
Markus: Musik und Kunst allgemein haben die Möglichkeit, Sachen auf eine andere Art und Weise auszudrücken, die emotionaler und unterbewusster funktioniert und die man dann versteht. Eine Art, Gefühle auszudrücken, die die Leute dann als ihre eigenen wiedererkennen. Bei mir war es dieses ständige, momentane Schwanken: Auf der einen Seite unglaubliche Wut und Ärger über Politiker, darüber, wie Menschen so unglaublich handeln können und ohne auf andere Menschen zu achten, solche Entscheidungen treffen können. Also diese Wut und das Gefühl von Ohnmacht.
Und gleichermaßen gibt es auch sehr viele positive Sachen, direkt in unserem Umfeld und im Privaten, aber auch global. Die zu sehen ist wichtig, auch weiterhin zu sehen und nicht vollkommen zu verzweifeln. Und das in Bilder und Worte und Lieder zu fassen und eine Form zu finden, um das auszudrücken, das war, was viele Stücke angetrieben hat. Manche Stücke kamen dadurch sehr einfach, weil ich gemerkt habe: Irgendetwas muss ich jetzt ausdrücken, das muss als Ventil raus.
"Vertigo Days" entstand ja damals noch während Covid und auch mit den ganzen Gästen ziemlich remote. Jetzt habt ihr viel mit allen Involvierten im Studio musiziert, oder?
Micha: Genau, erst haben wir im Schwere Reiter [Spielstätte in München] geprobt und dann im Import Export [Kulturzentrum nebenan] aufgenommen. Das war auch die Idee, dass alle in einem Raum gleichzeitig spielen und man den Moment festhält. Durch das Zusammenspielen wollten wir einfach eine andere Dynamik und einen anderen Ausdruck in die Platte bekommen. Die letzte Platte entstand, wie du meintest, Corona-bedingt nur am Rechner. Also so, wie du und wir jetzt reden, haben wir mit allen möglichen Leuten auf der Welt kommuniziert und Spuren hin und her geschickt.
Dieses Mal wollten wir das komplett vermeiden. Wir hatten so angefangen und haben dann gemerkt, dass das für uns momentan überhaupt nicht passt und dass wir einfach gerne mit den Leuten im Raum stehen und spielen. Dann hat sich das so ergeben, dass wir eine Woche ins Import Export konnten. Wir haben uns so vorbereitet, dass wir es schaffen, in einer Woche eine Platte aufzunehmen. Alle Leute, mit denen wir gerne hier zusammen Musik machen, haben wir eingeladen und involviert. Für uns war das etwas komplett Neues und Besonderes.
Wenn ihr nur eine Woche im Studio fürs Arrangieren und Aufnehmen hat, sind dann viele spontane Ideen und Kanten dringeblieben, die man einfach so stehen lassen hat?
Micha: Auf alle Fälle. Da geht es ja dann einfach nur darum, dass es zusammen funktioniert. Beim Livespielen oder gemeinsamem Aufnehmen geht es mehr um das Gesamte als um jeden Einzelnen. Wenn ich einen Fehler gespielt habe, aber das Lied total super war, dann ist der Fehler ein Teil des Lieds und bleibt einfach so. Jede:r hatte dann mal eine Stelle, wo er/sie sich gedacht hat: "Das hätte ich irgendwie besser machen können." Aber im Endeffekt geht es nur darum, wie es zusammen schwingt.
Das ist etwas, das sehr wichtig ist und das wir live immer erleben, aber das wir noch nie auf einer Platte festgehalten haben. Deshalb war es jetzt der genau richtige Weg für uns. Auch mal mit wirklich fertigen Kompositionen, die wir mit allen zusammen noch ausarbeiten, das war auch das erste Mal. Sonst haben wir immer über Jahre gebastelt und 100.000 Spuren aufgenommen und dann wieder fast alle weggelassen – ein ewiges Hin- und Herschieben. Diesmal war es einfach wirklich zusammen.
Interessant, dass du das sagst, dass die Songs schon fertig geschrieben waren. Den Eindruck hatte ich nämlich auch, dass es die instrumentale Vielfalt von "Vertigo Days" beibehält, aber noch Song-fokussierter ist. Auch mit anderen Genres, Indie-Rock, Folk und sowas, ist das auch aus dem Spielen entstanden?
Markus: Das war schon auch eine Idee, so eine Platte jetzt zu machen. Nach "Vertigo Days", wo wir viel collagenmäßig rumexperimentiert haben, was man mit Liedern machen kann und wie man die ineinander überblenden kann, war jetzt die Lust da, eine Song-Platte zu machen. Wo bei elf Liedern einfach jedes für sich ein Stück ist und eine Band das dann spielt. So eine klassische Indie-Platte! Wobei das bei uns dann doch auch immer wieder ein bisschen anders wird, als wir wollen, aber im Großen und Ganzen war das die Idee.
"Das war harte Arbeit, andauernd diese Riffs"
Bei den rockigeren Songs dachte ich daran, dass ihr in letzter Zeit eine Reihe an Konzerten gespielt habt, wo ihr den ganz frühen Notwist-Tagen gehuldigt habt. Hatte das einen Einfluss? Die Sachen von damals waren ja viel härter.
Markus: Ja, das hat einfach Spaß gemacht und vor allem war das erstmal so etwas Antiquiertes. Wir haben das erstmal gemacht, um unser Festival Alien Disco zu finanzieren, und dann haben wir Einladungen bekommen, das nochmal in anderen Städten zu machen. Da sagten wir deutlich: "Das ist jetzt eine Ausnahme, wir spielen das nochmal, aber es ist nicht Notwist, wie wir das jetzt sehen." Aber dann haben wir gemerkt, dass doch viele Stücke total gut ins Jetzt passen, gerade in dieser Situation, wo viel Wut im Spiel ist und man immer wieder so fassungslos ist. Das dann als Ausdruck zu haben, war total gut. Deswegen ist es definitiv auch in die neue Platte geflossen.
Das war bestimmt interessant, sich da nochmal reinzudenken in diese damalige Zeit und wie ihr damals Musik gemacht habt.
Markus: Einerseits das, andererseits war es überraschend, wie sehr dann vieles immer noch oder wieder passt.
Wahrscheinlich musstet ihr euch auch nochmal musikalisch darauf einstellen, zum Beispiel singst du ja mittlerweile anders als damals.
Markus: Es war vor allem das Spielen. Das war schwierig, denn es geht halt die ganze Zeit durch. Das war harte Arbeit, keine Pause und andauernd diese Riffs. Aber das macht auch total Spaß!
Hört ihr auch noch viel Musik in der Richtung, Hardcore und Alternative-Rock der 90er?
Markus: Ja, immer wieder, und viele neue Sachen, also alles durcheinander. Aus der Zeit höre ich gerne Pavement, Yo La Tengo, Sonic Youth natürlich. Aber es gibt auch neue Bands, die total cool sind: Hot Face aus England haben das Gleiche gemacht wie wir, die haben ihre Platte live in Abbey Road aufgenommen. Einmal nur sie und einmal mit Publikum, und daraus haben sie dann die Platte gemacht. Es gibt viele super coole Bands, die teilweise auch nach 90er- oder 80er-Indie-Punk und so klingen. Oder die neue Orielles-Platte, die ist auch bisschen Sonic-Youth-mäßig, die finde ich total toll.
Deswegen, ich habe eine Begeisterung für alles Mögliche. Das ist auch die Zeit, momentan passiert das viel. Auch bei ganz jungen Bands hört man öfter welche, die so wie eine Band aus den 90ern klingen, oder alles verschwimmt. Deswegen ist das bei uns jetzt weniger ein Rückbesinnen als wieder ein Nach-vorne-Gucken. Es wird alles eins und ist alles ein musikalisches Stilmittel. Kein romantisches Retro-Ding, sondern eine Ausdrucksform, die gerade wieder gepasst hat.
Konntet ihr euch damals dann irgendwann nicht mehr damit identifizieren? Habt ihr euren Musikgeschmack expandiert oder war der schon immer so breit aufgestellt? Wie kam dieser Switch?
Micha: Ich glaube, das ist immer nur über das Interesse. Wir hören Musik ganz normal wie Musikhörer und haben Sachen, die uns gefallen. Und was einem gefällt, fließt dann ja immer wieder in das ein, was man selber in seiner Band unterbringen möchte. Und bei uns waren das schon immer extrem viele unterschiedliche Musikrichtungen. Es geht um Musik generell, es ist egal, was für eine Richtung. Wenn man das Bedürfnis hat, nicht immer wieder die gleiche Platte zu machen, versucht man sowieso: "Was haben wir noch nicht gemacht? Was kann man ausprobieren? Das finde ich gerade so toll!" Und so kommunizieren wir immer, bevor wir Platten aufnehmen, was uns interessiert und was wir auf der Platte wollen. Und dann entdecken wir vorm Aufnehmen auch immer total viel Neues, dadurch was Cico hört, was Markus hört oder was ich gehört habe. Das spielt man sich vor und das ist der Einfluss. So war das ganz früher auch.
Die ersten drei Platten haben sich ja so extrem unterschieden von dem, was dann an Einflüssen dazukam. Insofern geht das dann immer weiter. Wir stehen immer zu allem, was wir machen. Das ist, was wir machen wollen, weil's immer ein ehrliches Statement ist. Die Sachen, die man früher gemacht hat, sind nicht Vergangenheit, sondern etwas, auf das man zurückgreifen kann. Die Stücke jetzt kommen mir teilweise wie Stücke von den ganz alten Platten vor, aber irgendwie ist es ja unser Gefühl, das immer noch da ist und das man noch einfließen lassen kann.
"Alle zusammen sind das Stück"
Wenn ich jetzt die neue Platte oder "Vertigo Days" mit "Shrink" oder "Neon Golden" vergleiche, zeichnet eine ganz bestimmte Mischung den Notwist-Sound aus: Ich habe es immer wahrgenommen als eine kühle, distanzierte Art, und so eine warme Emotionalität. Das war immer ein ganz klarer Kontrast, der in der Musik vereint war. Die neuen Platten, finde ich, klingen noch wärmer. Wenn ihr das auch so wahrnehmt, entstand dieser Wandel zu mehr Wärme aus musikalischer Präferenz, oder daraus, dass ihr euch nicht mehr so disconnected fühlt wie damals?
Markus: Also bei der neuen Platte ist es definitiv auch so gewollt, weil wir da zusammen als Band spielen. Und das ist automatisch nicht dieses oft so Konstruierte, vielleicht Kalte, Elektronische, was dann im Studio entstehen kann. Stattdessen ist es ein Organismus, der zusammen diese Stücke erlebt. Bei "Shrink" und "Neon Golden" war es die Faszination für Elektronik, dieser Kontrast, den wir total spannend fanden: Einerseits diese sehr kalte, maschinenhafte, Science-Fiction-mäßige Elektronik als eine ganz andere Welt zu haben, und das zu kombinieren mit so folkigen oder Indie-Pop-mäßigen Sachen. Und den Kontrast auch so extrem auszuarbeiten, war dann oft eine Idee. "Chemicals" war eines der ersten Stücke, wo wir versuchten, quasi zwei Stücke übereinander zu blenden.
Jetzt gibt es bei Notwist immer viel verschiedenes musikalisches Vokabular. Und da war dieses Mal das Interesse, wirklich zusammen zu spielen. Die elektronischen Sachen können oft das Tolle sein, aber im Zusammenspiel auch das Limitierende. Da muss man auf einen Sequencer spielen oder hat schon eine ganz bestimmte Struktur. Dieses Mal war es sehr schön, einfach aufeinander zu reagieren, ohne Elemente, zu denen man spielen muss, sondern miteinander zu spielen. Bei der nächsten Platte kann es schon wieder ganz anders sein. Aber nach all der Zeit, wo wir im Studio in jedes Detail gegangen sind, mussten wir das machen, da war das einfach eine extreme Befreiung.
Es ist also das Kollektive, was den Sound ausmacht?
Markus: Das Kollektive und auch das Intuitive. Im Vergleich zu "Vertigo Days" sind da viel weniger Details und Schichten, sondern es konzentriert sich sehr auf das Stück. Gleichermaßen ist es aber zumindest jetzt aus unserer Sicht viel intensiver und emotionaler geworden. Wie wir die Stücke einfangen konnten, ist etwas Besonderes, was wir so bei Notwist selten hatten. Es gab immer wieder Stücke, die wir so aufgenommen haben, aber nie die ganze Platte so. Es ist uns immer wichtig, dass die Idee zählt und nicht die Technik, wie man das macht. Aber bei der Platte ist es sehr toll, weil alle zusammen das Stück sind.
Habt ihr einen bestimmten Song von der Platte im Kopf, der etwas hat, das es so vorher noch nicht bei The Notwist gab?
Markus: Für mich sind es einige. "The Turning" hat so einen langen Bogen. Das Stück und der Text und alles greifen ineinander. Für uns war das im Vorfeld auch ein längerer Prozess, das zu finden, weil wir das erst zusammen improvisiert haben und dann kamen Text und die Form dazu. Aber auch "Projectors", was ja musikalisch ganz anders ist, als was wir normalerweise machen. Da mussten wir eine Form finden, wie das wieder zu Notwist passt. "Like This River" finde ich auch sehr ungewöhnlich. Ich finde einige Stücke für uns, vielleicht im Kleinen, sehr neu oder anders.
Und die zwei Cover-Songs ["Red Sun" von Neil Young und "How The Story Ends" von Lovers], die auf dem Album gelandet sind, wie kam es zu denen? Wie passen die thematisch und musikalisch in das Album, und warum sind es ausgerechnet diese beiden Songs?
Cico: Die Auswahl kam vor allen Dingen daraus zustande, dass das Neil-Young-Stück in einem Theaterstück vorkam, wo wir die Musik gemacht haben. Es war wirklich reingeschrieben: "Da kommt 'Red Sun' von Neil Young", und wir hatten den Auftrag, eine Coverversion zu machen. Das war bestimmt ein, zwei Jahre vor den ganzen Aufnahmen für die Platte und wir waren sehr zufrieden, wie das geworden war. Irgendwann gab es die Idee, das auf die Platte mit drauf zu tun, und noch so ein Gegengewicht zu haben. Also erstens, dass der Fokus nicht nur auf dieser einen Coverversion liegt, sondern dass es auch eine andere gibt, und außerdem auch eine, die nicht von einem Rock-Giganten, sondern einer kleinen Indie-Band kommt.
Ich glaube, bei beiden Stücken und Künstlern verbinden wir persönlich auch viel damit und mögen es einfach sehr. Und diese Gegensätzlichkeit in den Texten hat auch eine Rolle gespielt: Bei Neil Young dieses sehr Romantische und dann auf der anderen Seite von den Lovers dieses Harsche und Harte. Das war eine gute Kombination.
"How The Story Ends" ist ja eigentlich ein Trennungs- oder Liebeslied. Inwiefern passt das zu den anderen Songs auf dem Album, die eher aufs größere Bild schauen?
Markus: Bei der Platte schwankt das zwischen sehr persönlichen, auch Beziehungen betreffende Sachen, und generellen, politischen Sachen, die drumherum passieren. In diesem Spannungsfeld spielt sich das ab. Wenn man die zwei Coverversionen anguckt: Das Neil-Young-Stück ist ein sehr romantisches Liebeslied und das Lovers-Stück ein desillusioniertes Trennungs-Stück, wo wirklich gar nichts mehr da ist. Das ist ein sehr schönes Gegenstück. Aber das kommt ja nach "Who We Used To Be", worin es auch darum geht, wie sich Sachen verändern. Da geht es auch um die Beziehung zueinander und dass Sachen irgendwann nicht mehr so sind, wie sie mal waren, sowohl in der Pandemie als auch generell. Insofern ist schon viel Persönliches drin und da hat der wütende Text von "How The Story Ends" gut reingepasst.
Beim Song "Propeller" musste ich dran denken, dass ihr ja auch den Song "Propeller 9" aus der "Neon-Golden"-Ära habt. Der hat aber nichts damit zu tun?
Markus: Nee, das war irgendwie ein cooles Wort. Dann hatten wir das und dann ist es uns auch aufgefallen: "Moment, da gab es ja schon mal einen!" Aber egal, hat gut gepasst, weil es ja auch immer wieder so eine Science-Fiction-filmische Ebene auf der Platte gibt. Auch nach "X-Ray" und so, rein assoziativ.
Stimmt! Danke für eure Antworten!


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