laut.de-Kritik

Noch einmal so wütend wie mit Anfang Zwanzig.

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Die Musik von The Notwist war noch nie für ausgemachte Frohnaturen gedacht, aber ein Albumtitel wie "News From Planet Zombie" klingt schon sehr düster – wie das letzte Protokoll einer Gesellschaft, die nur noch durch Impulssteuerung und abseits jeder Rationalität existiert. Die Dauersynchronisation mit der Welt spuckt minütlich Eilmeldungen aus, fast keine davon ist mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden.

Sicherlich auch ein Grund, warum die Musik von The Notwist auf dem zehnten Album plötzlich fast so wütend ausfällt wie auf "12", dem noch stark im Hardcore-Punk verwurzelten Werk von 1995. Genau wie damals wollten die Weilheimer den Sound von "News From Planet Zombie" möglichst nahe am Live-Klang: roh, direkt und unverfälscht. Die Zeit der sanften Experimente und Verklausulierungen, wie sie noch auf dem Vorgänger "Vertigo Days" im Vordergrund standen, weicht nun einer wiederentdeckten Form der Klarheit, ob in den Lyrics oder der Musik.

Näher am Menschen und der Menschlichkeit, sogar so konsequent, dass sich die Band in der Live-Besetzung um Theresa Loibl, Max Punktezahl, Karl Ivar Refseth und Andi Haberl für die Aufnahme im Münchener Kulturzentrum Import/Export einfand. Sicherlich auch eine Reaktion auf die Umstände zu "Vertigo Days", das während der Corona-Pandemie im Lockdown entstand. So hallt der Ton immer etwas nach, bleibt unbearbeitet und unperfekt.

Die Nähe von Menschen kann auch klaustrophobisch wirken. "X-Ray" vermittelt mit seinen lauten Drums, dem Alarmton-Vibe der Orgel und dem unscharfen Feedbacklärm eine ähnlich kalte und bedrohliche Stimmung wie bei Radiohead. Die Weilheimer starteten einst im Punk und kehren dorthin für einen kurzen Moment zurück. Noch einmal wie mit Anfang Zwanzig, noch einmal mit dieser Wut. Waren die letzten Alben auch leise Art-Rock-Schönheiten, setzt dieser neu entdeckte Zorn, diese Energie, wieder etwas frei, was zuletzt verloren ging. Markus Achers Stimme bleibt trotz der Unruhe um sich herum stets sanftmütig, als ob er inmitten der hektischen Unruhe die letzte Zuflucht anbieten möchte.

"News From Planet Zombie" hat mehrere dieser grollenden Momente, in denen The Notwist ihre Kontrolle abgeben, weil die Emotionen raus müssen. "The Turning" beginnt fast noch schüchtern, etwas zaudernd, wiederholt ein Post-Punk-Riff und zum Ende bricht es doch heraus. Die genaue Umsetzung dessen, wie es auch Menschen ergeht, die noch irgendwie auf die zunehmende Radikalisierung mit stoischer Gelassenheit reagieren, bei denen die Grenze des Aushaltbaren aber doch erreicht scheint. Diese zunehmende Verdichtung von Emotionen ist sicherlich nicht neu und ein altbekanntes Muster bei The Notwist, aber bisher blieb diese dunkle Sache möglichst im Hintergrund.

Sie waren stets Deutschlands freundliches Gesicht in der Welt, das man nicht für harten Metal-Klang, Provokation oder stumpfes Spiel mit teutonischen Klischees wahrnahm. Das ändert sich auch auf "News From Planet Zombie" nicht gewaltig, aber so viel Trotz und Traurigkeit wie in "Silver Lines" gab es länger nicht mehr. Weilheims Fantasiewelt hat Risse bekommen, etwas Unangenehmes kam hinzu. Auch Achers Stimme, die vorher noch wie ein Ruhepol wirkte, bricht nun ein - erschöpft und kraftlos.

Zum Glück sind es eben einzelne Risse, die man noch ausbessern und reparieren kann. "Who We Used To Be" ist wieder eine dieser warmen Folk-Electronic-Inseln, die man an der Band sehr schätzt. Nachdenklich, auch mal traurig klingt das Album - die Hoffnung verschwindet trotzdem nicht komplett: "Where we cannot go / our dreams will show and how we used to be". Ein schmerzhafter Blick in die Vergangenheit, wer man einmal war und dass man dieses Gute auch jederzeit abrufen kann. Keine Ahnung, ob Zombies noch träumen, aber vielleicht existiert auch dort noch eine Sehnsucht nach einer verlorenen Identität, eine Erinnerung an eine Zeit, die mehr als die Summe der Abgründe und unheilvollen News-Berichte war.

Egal was mit uns oder dem Planeten nach einer möglichen Zombie-Apokalypse noch passiert, irgendeine Form von Leben findet weiterhin statt. Die Natur führt ihren Rhythmus auch ohne uns weiter und wenn man möchte, kann man sich auch in ihr verlieren. Wie in einem Fluss. "By this river / We found a language / That can spell 'You and me' / Like this river / We keep An image / Only we can see / Endlessly" drückt in der Tat die Hoffnung aus, dass wir vielleicht doch irgendwann wieder zu einer gemeinsamen Sprache finden, irgendwo in einem neuen Utopia. Wir Menschen sind in der Mehrzahl ein chaotischer, unausstehlicher und zerstörerischer Haufen, aber wir erschaffen auch schöne Dinge. "News From Planet Zombie" gehört auf jeden Fall dazu, ebenso wie die zwei wirklich schönen Cover-Songs von Neil Youngs "Red Sun" und "How The Story Ends" von den Lovers.

Trackliste

  1. 1. Teeth
  2. 2. X-Ray
  3. 3. Propeller
  4. 4. Red Sun
  5. 5. The Turning
  6. 6. Snow
  7. 7. Silver Lines
  8. 8. Who We Used To Be
  9. 9. How The Story Ends
  10. 10. Projectors
  11. 11. Like This River

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