10. August 2026
"Ich bin verdammt wütend"
Interview geführt von Emil DröllDeftones-Schlagzeuger Abe Cunningham spricht im Interview über "Private Music", den Social Media-Hype und die Setlist für Berlin. Außerdem lässt er ein paar Beleidigungen an die "Eros"-Leaker los.
Die Deftones erleben gerade einen außergewöhnlichen zweiten Frühling. Die Algorithmen sind den Kaliforniern hold: Über Social Media gewinnt die Band massenhaft junge Fans. Seit dem Release von "Private Music" touren sie durch ausverkaufte Arenen und spielen einen großen Teil des neuen Materials.
Abe Cunningham sitzt seit den Anfangstagen hinter dem Schlagzeug der Deftones und gehört damit zu den Musikern, die den charakteristischen Sound der Kalifornier über drei Jahrzehnte mitgeprägt haben. Im Interview spricht der Drummer über die überraschende neue Generation vor der Bühne, die Entstehung von "Private Music" und die besondere Energie, die momentan innerhalb der Band herrscht. Natürlich geht es auch um die anstehenden Shows in Wien und Berlin, sowie um ein Thema, bei dem Cunningham dann doch deutlich weniger entspannt bleibt.
Hi Abe, wie geht es dir? Wo bist du gerade?
Mir geht's gut. Ich bin gerade in meinem Studio. Bei mir zu Hause wird momentan alles auseinandergerissen, weil gebaut wird. Deshalb habe ich mich hierher zurückgezogen. Außerdem packe ich gerade meine Sachen, weil ich morgen früh nach Berlin fliege.
Hattest du seit der letzten Tour überhaupt Zeit, ein bisschen runterzufahren, oder bist du den ganzen Tag beschäftigt?
Nein, wir hatten tatsächlich zwei Monate frei. Das war wirklich schön. Wir versuchen mittlerweile, möglichst viel zu arbeiten und möglichst viel von der Welt zu sehen, ohne dabei auszubrennen. Früher haben wir uns viel stärker verausgabt. Heute versuchen wir, so viel wie möglich zu machen, ohne völlig fertig zu sein. Es ist einfach ein schöner Zustand. Wir fühlen uns wohl, haben Spaß und sind nicht mehr so ausgebrannt wie früher. Jetzt war es schön, wieder zu Hause zu sein, und inzwischen bin ich bereit, wieder loszulegen.
Wie bereitest du dich nach zwei Monaten Pause auf die Shows vor? Setzt du dich jeden Tag ans Schlagzeug?
Ich habe tatsächlich ein bisschen geübt. Wir sind aber noch ziemlich gut eingespielt von den letzten Shows vor der Pause. Wenn wir nach Berlin kommen, haben wir, glaube ich, fünf Tage Probe. Danach geht es nach Wien und anschließend wieder zurück nach Berlin für die Show.
Mental fühle ich mich jedenfalls gut vorbereitet. Wir haben zuletzt wirklich gut gespielt, die Stimmung in der Band ist gut. In Berlin werden wir ein bisschen Staub abschütteln und dann kann es losgehen.
Ihr wart Anfang des Jahres bereits auf einer großen Europatour. Jetzt kommen die Festivals und Open-Air-Shows. War diese zweite Runde von Anfang an geplant?
Es ist eigentlich immer unser Plan, im Sommer ein paar Festivals und Open-Air-Shows mitzunehmen, wenn es zeitlich möglich ist. Dieses Mal hat es einfach gut gepasst. Ich finde auch, dass es gut ist, zwischendurch ein bisschen Abstand zu haben. Wir waren ja erst vor nicht allzu langer Zeit hier, aber es ist schön, eine Pause dazwischen zu haben. Es ist schön, noch ein bisschen vom Spätsommer mitzunehmen und dann wieder weiterzumachen. Ein paar zusätzliche Shows sind dann noch dazugekommen, die ursprünglich gar nicht geplant waren. Insgesamt ist die Tour aber ziemlich kurz, vielleicht zweieinhalb Wochen.
"Er ist gerade auf dem Höhepunkt seines Schaffens."
Viele junge Menschen entdecken die Deftones gerade über Social Media neu. Leute Anfang 20, teilweise sogar Teenager, die vorher kaum Gitarrenmusik gehört haben. Spürst du diesen neuen Hype auch bei euren Konzerten?
Definitiv. Während des gesamten "Private Music"-Zyklus haben wir das gemerkt. Zunächst haben wir in den USA eine Arenatour gespielt. Wir haben natürlich schon vorher Arenen gespielt, aber noch nie eine komplette US-Arenatour. Und die war ausverkauft. Es war unglaublich. Wir sehen natürlich schon seit Jahren, dass ältere Fans ihre Kinder mitbringen. Aber dieses Mal war es wirklich etwas anderes. Da waren unglaublich viele sehr junge Leute, teilweise gerade einmal 14 oder 15 Jahre alt. Wir standen da und dachten: "Wow, was passiert hier gerade?" Das ist wirklich etwas Besonderes. Keiner von uns hätte jemals gedacht, dass so etwas einmal passieren würde. Wir sind schließlich schon ziemlich lange eine Band. Ich glaube, junge Leute suchen vielleicht gerade nach etwas, das nicht so perfekt ist. Nicht unbedingt klassischen Rock'n'Roll, aber etwas, das nicht komplett durchproduziert wirkt. Bei einer Rockshow ist es heiß, verschwitzt und laut. Wir spielen keine Tracks vom Band. Es ist wirklich live. Nichts gegen andere Arten von Musik, die das anders machen. Aber so funktionieren wir eben. Es ist unmittelbar und körperlich. Vielleicht haben die Leute einfach genug von Perfektion und wollen wieder eine rohe Rockshow sehen.
Auffällig ist auch eure Auswahl der Supportbands. In den vergangenen Jahren waren unter anderem Gojira dabei, zuletzt Denzel Curry, Turnstile oder Ecca Vandal. Wie entscheidet ihr, wer mit euch auf Tour geht?
Die Band hat definitiv das letzte Wort. Uns wird eine Liste mit Künstlern präsentiert, die zu diesem Zeitpunkt verfügbar sind, aber am Ende entscheiden wir. Wir mögen Abwechslung. Eine gute, ausgewogene Show sollte nicht den ganzen Abend aus ähnlichen Bands bestehen. Wir selbst haben solche Konzerte immer geliebt. Es ist schön, wenn die Leute neugierig bleiben und unterschiedliche Dinge entdecken können.
Gibt es momentan eine jüngere Band, die dich besonders begeistert?
Ich mag Ecca Vandal wirklich sehr. Wir haben gerade einige Shows mit ihr und ihrer Band gespielt. Wir veranstalten außerdem jedes Jahr unser eigenes Festival, Dia de los Deftones. Dort haben sie im vergangenen Jahr gespielt. Zuletzt waren wir auch gemeinsam in Australien. Sie haben dort alle Shows mit uns gespielt. Da ist einfach eine großartige Energie. Sie sind wunderbare Menschen und geben richtig Gas. Es macht Spaß, ihnen zuzusehen. Sie ist unglaublich präsent und die Band ist großartig. Und genau das möchte man, wenn man mit anderen Bands auf Tour geht: Man sollte sich verstehen und die gemeinsame Zeit genießen können.
Kommen wir zum neuen Album "Private Music". Chino sagte uns bereits 2020 während der Arbeiten an "Ohms", dass ihr beim gemeinsamen Schreiben wieder viel Spaß hattet und sich vieles wie in den frühen Tagen angefühlt habe. Hat sich dieses Gefühl bis "Private Music" gehalten?
Ja, sehr. In dieser Zeit hat sich allerdings auch sehr viel verändert. Wir haben mit einem neuen Bassisten gearbeitet. Und Chino ist mittlerweile, glaube ich, seit fast drei Jahren abstinent. Das war für ihn körperlich und emotional enorm wichtig und natürlich auch für unsere Band und die Art, wie wir miteinander arbeiten. Er ist gerade auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Er ist gesund und glücklich. Vor allem glücklich. Bei dieser Platte war es deshalb anders. Ich glaube, es war das erste Mal, dass wir Musik – gerade auch Gesang und Texte – gemeinsam geschrieben haben, während er nicht irgendwie betäubt war. Das ist wichtig. Es ist großartig, wo wir in unserem Leben gerade stehen. Und es ist schön, ihn so zu erleben. Es ist wirklich toll, Stabilität zu haben, anstatt ständig im Chaos zu stecken. Und damit will ich gar nicht mit dem Finger nur auf ihn zeigen. Wir alle hatten Phasen, in denen wir ziemlich durchgedreht sind. Es ist einfach eine andere Herangehensweise. Und es ist wunderschön. Wir sind sehr dankbar für das, was gerade mit unserer Band passiert. Es ist schön, lange genug zusammengeblieben zu sein, um wieder auf derselben Wellenlänge zu sein – nur eben als ältere und reifere Menschen. Die Band fühlt sich momentan sehr stabil an.
Ich finde, das merkt man auch auf dem Album. Sowohl musikalisch und visuell wirkt "Private Music" sehr eigenständig. Gab es für das Album ein Konzept oder habt ihr einfach zusammen Musik gemacht und geschaut, wohin es euch führt?
Bei uns funktioniert es eigentlich immer so. Niemand kommt mit komplett fertigen Songs in den Proberaum. Wir schreiben zunächst alleine und treffen uns dann, um gemeinsam zu jammen und zu sehen, was passiert. Dieses Mal war allerdings besonders, dass wir den Schreibprozess in verschiedene Abschnitte und Orte aufgeteilt haben. Wir waren gut erholt und hatten richtig Lust, wieder gemeinsam etwas zu erschaffen. Wir waren zunächst an einem Ort, an dem wir normalerweise arbeiten. Dann sind wir für ungefähr eine Woche nach Joshua Tree in die Wüste gefahren. Danach waren wir in Malibu an der Küste. Dort haben wir in zwei verschiedenen Sessions auf dem Gelände gewohnt, gejammt, aufgenommen und geschrieben. Diese unterschiedlichen Orte haben definitiv etwas beigetragen. Die Wüste ist ein ganz besonderer Ort und hat eine unglaubliche Energie. Dasselbe gilt für das Meer und die Küste. Diese Umgebung hat etwas Magisches in die Musik gebracht. Außerdem haben wir uns bewusst Zeit gelassen: eine Woche oder anderthalb Wochen arbeiten, dann zwei Wochen nach Hause, anschließend wieder zusammenkommen und weiterschreiben. Das hat lange gedauert, war aber Teil des Plans. Normalerweise kommen wir zusammen und versuchen, so schnell wie möglich ein Album fertigzustellen.
Dieses Mal haben wir alles stärker auseinandergezogen. Und das hat sich gut angefühlt.
"Scheiß auf diese Arschlöcher."
Gab es am Schlagzeug etwas auf dem Album, das für dich besonders herausfordernd war? Chino zum Beispiel hat "My Mind Is a Mountain" als einen deiner Höhepunkte hervorgehoben.
Beim Schlagzeug fühle ich mich mittlerweile einfach wohl. Ich glaube, mit dem Alter und dadurch, dass man besser weiß, wer man ist und was man mit seinem Instrument machen möchte, verändert sich vieles. Als jüngerer Musiker versucht man häufig noch, andere Leute und deren Sounds zu imitieren. Das gehört zum Lernen und zur Entwicklung dazu. Dieses Mal habe ich mich einfach wohl gefühlt, als Mensch und als Schlagzeuger. Ich musste vieles nicht mehr hinterfragen. Die Musik ist nicht unbedingt kompliziert, aber ich versuche, dass sie sich gut anfühlt. Und hoffentlich tanzen die Leute dazu!
Du hast vor einigen Jahren gesagt, dass du dich selbst nicht wirklich als Metal-Drummer siehst. Gilt das immer noch?
Ja. Die Deftones waren immer eine Band mit sehr schweren Gitarren. Stephens Gitarre war das Fundament der Band. Gleichzeitig wollten wir immer Schlagzeug, das richtig groovt. Ich liebe Metal. Wirklich. Ich höre Metal (zeigt mir sein Judas Priest Shirt). Aber ich bin eben kein Metal-Drummer im klassischen Sinne. Ich bin einfach ein Musikliebhaber und höre alles Mögliche. Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was uns anders macht. Unsere Musik ist nicht so geradlinig. Jeder von uns bringt unterschiedliche Dinge mit. Es ist ein großer Schmelztiegel. Wir werfen alles zusammen und schauen, was dabei herauskommt. Aber nein: Ich bin kein Metal-Drummer. Ich weiß selbst nicht, was ich bin.
Hat Stephen das mittlerweile akzeptiert oder zieht er dich deswegen immer noch auf?
Das ist ein Witz, der für immer weitergehen wird. Aber weißt du was, Stephen? Finde dich damit ab! Aber wir lieben uns. Wirklich.
Es war auch immer schon schwer, die Deftones in ein Genre zu quetschen: Die frühen Nu Metal-Tage über Alternative bis hin zu experimentellerem Rock. Wie würdest du eure Musik heute selbst kategorisieren?
Rock'n'Roll!
Ich denke nicht allzu viel in diesen Kategorien. Wir sind einfach wir selbst. Wir waren schon ganz am Anfang nicht nur eine Sache.
Schon auf "Adrenaline" gab es kleine Elemente, die wir später weiterentwickelt haben. Natürlich waren wir damals jünger und die Platte klingt auch so. Wir waren ziemlich aggressiv. Aber es gab schon diese ruhigen, ätherischen und räumlichen Elemente. Auf "Around The Fur" haben wir das weiter ausgebaut. Und mit "White Pony" hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, dass wir uns wirklich wohl damit fühlen, diese Dinge noch weiter auszudehnen, ohne dabei Stephens schwere Gitarren aus den Augen zu verlieren. Wir sind einfach gewachsen. Wir mussten das auch. Es liegt in der menschlichen Natur, Dinge kategorisieren zu wollen, weil man sie dann leichter versteht: "Das ist Nu Metal", "Das ist dies", "Das ist das". Wir wollten aber immer Musik machen, die uns selbst glücklich macht. Deshalb versuchen wir, uns nicht zu sehr von irgendwelchen Kategorien beeinflussen zu lassen. Wir sind einfach die Deftones.
Wenn wir gerade über frühere Alben sprechen: In den vergangenen Wochen ist erneut Material von "Eros" geleakt. Ich weiß, dieses Album ist für die Band ein sehr persönliches Kapitel. Wie fühlt es sich an, wenn diese Aufnahmen ohne eure Zustimmung im Netz auftauchen?
Ich bin verdammt wütend. Scheiß auf diese Arschlöcher. Diese Platte war nie dafür bestimmt, veröffentlicht zu werden. Sie war nicht fertig. Sie war niemals fertig. Wir haben die Arbeiten daran eingestellt, weil Chi einen schrecklichen Unfall hatte. Wir haben sie nie beendet. Ich verstehe, dass die Leute neugierig sind. Und natürlich war es das letzte Album, auf dem er gespielt hat. Das verstehe ich alles. Aber diese Platte war verdammt noch mal nicht fertig. Und ich bin verdammt sauer darüber.
Kann man überhaupt noch etwas dagegen tun? Oder gilt einmal online, immer online?
Man kann natürlich den ganzen Tag versuchen, Dinge entfernen zu lassen. Es gibt auch Teams, die danach suchen und versuchen, das Material aus dem Netz zu bekommen. Aber sobald es draußen ist, kannst du den Scheiß nicht mehr stoppen. Das ist das Internet. Es ist einfach beschissen. Es ist respektlos. Es ist Bullshit. Und ich möchte noch eines sagen: Diese Musik sollte gehört werden, wenn sie bereit dafür gewesen wäre und nicht auf halbfertigem Stand. Mit beschissenen Vocals, bei denen teilweise noch Wörter und Silben ausprobiert wurden.
Das ist einfach scheiße.
Wenn jemand die Deftones zum ersten Mal hört, welchen Song würdest du dieser Person vorspielen?
Das ist eine tolle Frage. Vielleicht "Feiticeira" von "White Pony". An den denke ich ziemlich oft. Natürlich ist "Change" ein Song, der ziemlich gut zusammenfasst, wofür wir stehen. Das war irgendwann unser großer Song und enthält irgendwie all diese verschiedenen Elemente in einem Stück. Also wahrscheinlich diese beiden.
Ihr habt auf "Private Music" viele neue Songs, die ihr bereits live spielt. Gibt es einen Song, den du besonders gerne spielen möchtest, der bisher aber noch nicht in der Setlist steht?
Das Interessante ist, dass wir bei unserer letzten Tour bereits neun der elf Songs des Albums gespielt haben. Das ist ziemlich verrückt, denn normalerweise haben wir natürlich auch eine Menge älteres Material, das wir unterbringen müssen. Eine Setlist zusammenzustellen, ist deshalb schwierig. Wir haben so viel Musik. Man möchte möglichst alle glücklich machen, aber das kann man natürlich nicht. Wir haben also schon sehr viel von der neuen Platte gespielt. Und glücklicherweise kam das live sehr gut an. Das ist für uns aufregend, weil wir natürlich noch jede Menge anderes Material haben. Aber wir spielen diese neuen Songs wirklich gerne.
Ich werde mir die Show in Berlin ansehen, hast du dafür schon einen Spoiler? Wird es dieselbe Setlist wie Anfang des Jahres?
Wir werden Spaß haben. Und nein, sie wird anders sein. Wir werden sie definitiv verändern. Wir haben fünf oder sechs Tage Probe, wenn wir in Berlin sind. Deshalb wollen wir ein paar andere Dinge ausprobieren, auch Songs, die wir schon eine Weile nicht mehr gespielt haben. Und natürlich werden wir den Rest wieder auffrischen.
Abe, danke dir für deine Zeit. Ich freue mich jedenfalls sehr darauf, euch in Berlin live zu sehen.
Wenn du mich siehst, komm auf ein Bier vorbei. Ich liebe Berlin. Es ist eine unglaubliche Stadt. Und falls ich wegen des "Eros"-Themas ein bisschen zu wütend geworden bin: Das war nicht persönlich gemeint. Aber du hast gefragt und ich bin wirklich verdammt sauer über das alles. Trotzdem danke für das schöne Interview. Ich muss jetzt Wäsche machen und meinen Koffer packen.


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