laut.de-Kritik
Wenn Musik in ihre Einzelteile zerfällt.
Review von Toni HennigAb Mitte der 2000er-Jahre waren Faust wegen Kommunikations- und Soloproblemen sowie künstlerischen Differenzen so zerstritten, dass sich zwei verschiedene Versionen der Band parallel formierten. Jeder der einzelnen, noch lebenden Urmitglieder hatte eine andere Vorstellung davon, was den Sound der Formation im Kern ausmacht. 55 Jahre nach dem wegweisenden Debütalbum "Faust" haben sich die Musiker auf einen gemeinsamen Kompromiss geeinigt und in bester Kiss-Manier (alleine oder mit Gästen) vier individuelle, voneinander getrennte Alben aufgenommen, die nun parallel erscheinen.
Dabei betonen die einzelnen Mitglieder völlig unterschiedliche Aspekte der Musik. Jean-Hervé Pérons "MOI" stellt ein gemeinschaftliches Werk dar, das Musique concrète, Spoken Word, Avant-Pop, Jazz und von Fluxus inspirierte Experimente in Einklang bringt. Gunther Wüsthoff besinnt sich auf "Fliegen Lernen" auf das Kollektivdenken, das die Anfangsjahre von Faust geprägt hat und vereint in seinen rhythmisch variablen, genreübergreifenden Stücken Witz, Groove und Experimentierfreude. Zappi Diermaiers "Gugaruz" entstand mit Schneider TM und verbindet Percussions mit elektronischer Bearbeitung, Studioexperimenten und dekonstruktiven Ansätzen.
"Ungebunden (curated by Hans-Joachim Irmler)", um das es in dieser Besprechung gehen soll, bildet ein Soloalbum, das aus Elektronik, Orgel-Drones und spontanen Ideen besteht. Hier steht der reine, pure Klang im Vordergrund. Dronige, repetitive Mellotronschwaden legen sich in "Gefallen" wie ein melancholischer Schleier über den Track, während unregelmäßige Drumschläge, kurze, zaghaft gespielte Klaviermelodien und dunkle Orgelklänge kontinuierlich die Spannung aufrecht halten. Ab der Mitte gesellen sich Feedbackeffekte hinzu, so dass sich der Sound zunehmend in eine Noise-Richtung verschiebt. Am Ende klingt die Nummer spacig und experimentell aus. Auf jeden Fall kommt in den gut neunzehn Minuten kaum Langeweile auf.
"Zerfallen Teil I" schraubt sich mit verspulten Keyboardtönen und Delay-Effekten, unterbrochen von Störgeräuschen, nach und nach in die Höhe, um zum Schluss mit knarzenden, wellenartigen Sounds und doomigen Drums in "Zerfallen Teil II" überzuleiten, das zu Beginn einen eher jazz-inspirierten, rhythmischen Ansatz besitzt, so dass schon fast Bohren Und Der Club Of Gore in den Sinn kommen. Die zweite Hälfte gestaltet sich mit auf- und abklingenden psychedelische Motiven sowie verzerrte Klängen jedoch unstrukturierter.
Den Schlusspunkt setzt "Auseinandergefallen", das zu Beginn mit pulsierenden Wellengeräuschen und knisternden Tönen an die rhythmische Dynamik von "It's A Rainy Day Sunshine Girl" vom 1972er-Album "So Far" denken lässt, mit verträumter Elektronik und einem dichten Rauschen jedoch gegen Ende hin musikalisch, wie auch die Tracks zuvor, in seine Einzelteile zerfällt.
Jedenfalls steht das Stück so ziemlich exemplarisch für das größte Problem der Platte, nämlich dass die Musik ohne das Zutun der restlichen Mitglieder geradezu nackt und skelettartig anmutet. Einerseits erweist es sich als durchaus interessant, wie die Stücke ihrer eigenen, inneren Logik folgen. Andererseits wäre es spannend zu hören gewesen, wie so einige Ideen im Kollektiv geklungen hätten.


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