28. November 2025

"Das war eine Neuerfindung des Fußballs"

Interview geführt von

König Boris spricht über seinen Verein, die Faszination für Fußball, wie er vom Punk zu Hip Hop kam und wo er einen Unterschied zwischen Songs und Buchschreiben sieht.

"Der König von St. Pauli" hieß ein mehrteiliges Fernsehdrama auf Sat.1. Die käsige Titelmelodie schrieb Bonnie Tyler und auch sonst ist diese Klischee-überladene Dieter-Wedel-Produktion längst in Vergessenheit geraten. Und trotzdem muss ich kurz daran denken, bevor ich mit Boris Lauterbach ein Interview führe. Nach dem Ende von Fettes Brot macht er solo als "Der König tanzt" weiter Musik, und fand nun die Zeit, um ein Buch über seinen Herzensclub St. Pauli zu schreiben. Die derzeitige sportliche Situation könnte viel schöner sein, aber Boris beantwortet die Fragen unaufgeregt und mit einer Tasse Tee. Nordisch By Nature eben. Kollege Kabelitz erwähnte schon im Interview von 2015 die Pünktlichkeit des Fettes-Brot-Mitglieds, auch heute ist er auf die Sekunde genau im Video-Call und erblickt einen Journo, der ihm erstmal den Rücken zudreht.

Ups, sorry. War gerade schnell Richtung Tür und wollte mir was zu trinken holen.

Oder wolltest du gerade schon vor dem Interview flüchten?

Nene, so schlimm wird es hoffentlich nicht! Du sitzt da jedenfalls genau wie ich mit einer Tasse Tee vor der Cam. Junge, ist das ein garstiges Wetter, oder?

Hier in Hamburg ist es auch nicht besser. 4 Grad und Regen. Januar und Februar sind auch nicht viel geiler und das zieht sich dann bis Frühling.

Aber immerhin kann man nun besser ohne Ablenkung arbeiten. Bei uns stehen auch wieder die Listen über beste Alben, Songs usw. an.

Listen sind aber auch schrecklich…

Wird die Redaktion gerade nicht gerne lesen, aber ich persönlich bin auch kein großer Fan. Solche Rankings haben eher was von Katalogisieren und plötzlich ist Musik wie so ein mathematischer Prozess.

Voll! Musik ist für mich etwas Fluides und Spontanes, da ändert sich das Einordnen oder Empfinden eigentlich täglich.

Oh ja, ich struggle auch eh immer, wenn ich spontan in einem Gespräch meine Top 3-Alben nennen soll. Aber gut, dann mache ich das doch mal genau so und frage dich direkt nach deinem Album des Jahres.

Poa, gute Frage. Warte, ich schau mal gerade in mein Handy. Ah hier, das Monster Florence-Album! Kennst du den?

Da muss ich passen, aber nehme ich dann auf den großen Stapel der Alben, in die ich reinhören muss. Aber richtig gut, dass du mit einem Pick kommst, den nicht alle kennen. Also nicht so etwas wie ...

Taylor Swift?

Genau. Ich bin jetzt kein Hater, aber warum gerade ihre Musik so ikonisch gefeiert wird, werde ich leider in diesem Leben nicht mehr verstehen.

Ihre Musik ist etwas gewöhnlich, oder?

Gut gesagt. Ich habe in etwa so eine emotionale Beziehung zu ihr wie zu der deutschen Nationalmannschaft. Hast du gestern das Spiel gegen die Slowakei geschaut?

Nee, also nicht live im TV. Ich habe das später nachgeschaut, aber bin auch mit der Nationalmannschaft nicht so verbunden wie mit meinem Club. Okay, wenn sie bei der WM wirklich schönen Fußball spielen und das auch eine sympathische Truppe ist, schaue ich eben mal ein paar Spiele an. Das geht mir aber bei Club-Mannschaften oder Champions League auch so. Das ist so ein Hochglanz-Level und verliert auch durch Kommerz seinen Reiz.

Kommerz dringt aber im professionellen Fußball überall ein. Siehst du da nicht auch bei St.Pauli die Gefahr? Ihr baut ja auch das Stadion aus und alles wird größer und professioneller?

Boris: Haha, das wünschen die sich! Das wird aber bestimmt noch eine Zeit lang dauern, bis das wirklich Realtität wird.

Und über sämtliche Instanzen und Petitionen. Du bist ja als Fan nun auch Teil einer Genossenschaft. Ich finde das Konzept schon großartig, muss ich mal sagen.

Es ist vor allem auch sehr schlau. So ein alternatives Finanzierungs-Modell finde ich auch super. Aber nochmal kurz zu der Frage, ob ich eine Kommerzialisierung des Vereins sehe: Nee, also von dem Hochglanz-Kram der großen Vereine sind wir dann doch noch ein gutes Stück entfernt.

Die Frage ist, ähnlich wie bei einer Indie-Band, ob man das auch wirklich möchte. Da freut man sich ja ebenfalls über den wachsenden Erfolg, aber dann genießt man sie eben nicht mehr mit ein paar Leuten im familiären Club, sondern plötzlich in einer Mehrzweckhalle.

Ja klar, das ist schon ein zweischneidiges Schwert. Ich habe das ja als Musiker selbst erlebt wie so ein Sprung von den Clubs in die Arenen vonstatten geht. Das findest du aber eigentlich auch gut, wenn deine Musik immer mehr Fans anspricht. Wir haben als Band aber auch immer versucht, unsere Musik in kleinere Hallen zu bringen.

Auch vor unseren letzten Abschiedskonzerten haben wir zwei Warm-Up-Shows in der Hamburger Markthalle gespielt. Bei St. Pauli möchte man natürlich auch den sportlichen Erfolg sehen, aber zu den eigenen Bedingungen. Das ist dann so ein Ritt auf der Rasierklinge und da muss man eben kreativ werden. Da kommen dann Sachen wie die Genossenschaft bei raus, was auch Geld generiert, ohne dass man sein Stadion nach einer Schlachterei oder einem Finanzdienstleister benennen muss.

Oder nach einem Chemie-Konzern. Ich sehe auch gerade, dass die Webcam etwas verrutscht ist und du noch gar nicht diesen wunderschönen Leverkusen-Schal sehen konntest. Ja gut, viele Argumente habe ich auch auf meiner Seite, was Coolness angeht, aber ich durfte auch damit jahrelang Spott und Ablehnung erfahren.

Ach, der Verein sucht dich aus und nicht umgekehrt. Ich kann mich aber in dich hinein fühlen und verstehe, dass es nicht einfach ist.

Allerdings, und gerade für euch Pauli-Fans bin ich mit einem Konzern im Rücken natürlich ein Dorn im Auge. Teil der Popkultur werden wir im positiven Sinne bestimmt nicht. Das finde ich ja bei deinem Verein so interessant, und so wirklich kommt mir gerade auch kein anderer Verein in den Sinn, der auch so eine Symbiose mit Musik eingeht.

Das ist auch einer der Gründe, warum ich sofort von diesem Verein fasziniert war. Das war für mich wie eine Neuerfindung des Fußballs! Auf so Kram wie Merchandise wurde größtenteils verzichtet, die Shirts noch selber gedruckt, auch die Fahnen selber gebastelt. Und da gab es ja nicht nur die üblichen Vereinsfahnen, sondern auch immer Fahnen mit einer politischen Message drauf. Das alles zusammen hat mich als 15-Jährigen nachhaltig beeindruckt.

Aber gibt es nicht auch die Bedenken, dass bei dem ganzen Drumherum der Fußball nicht mehr genug im Fokus steht und Leute sich gerne mit dieser Attitüde schmücken, aber am Schluss gar kein Interesse am eigentlichen Event auf dem Platz zeigen?

Klar, das ist ja so ein Klischee oder häufig vorgebrachter Kritikpunkt. Es ist auch nicht so, dass wir jedermanns Liebling sind. Bei viel Zuneigung kommt natürlich auch genau so viel Hass dazu. Ich bin häufig im Stadion, man bemerkt eigentlich wenig von diesen Negativ-Vorurteilen. Also zumindest in unserem Block und drumherum sind alle sehr emotional mit dem Fußballsport an sich verbunden. Die gehen da nicht für ihr Coolness-Punkte-Konto hin, aber es mag sicherlich auch einen geringen Prozentsatz geben, der das nur als Kulisse für seine Inszenierung nutzt, aber das macht wirklich einen ganz kleinen Teil des Publikums aus.

"Die Welt außerhalb des Internets ist nicht so schwarz-weiß und so hasserfüllt"

Ich kenne einen St. Pauli-Fan, der seit 2003 kein Heimspiel, egal ob Grippe oder nicht, verpasst hat. Ich könnte auch ein paar Sachen erzählen, aber jetzt mal insgesamt gesagt: Diese Fußball-Liebe kannst du keinem, der gar nichts mit dem Sport oder Vereinskultur am Hut hat, vernünftig erklären.

Das ist für Außenstehende wirklich absolut schwer nachzuvollziehen, deswegen möchte ich mit meinem Buch solchen Leuten die Faszination dieses Sports näher bringen. Das muss man eben wirklich vor Ort erleben. Wenn einen diese Stimmung und diese allumfassende Emotionalität erfasst.

Es ist schon Wahnsinn, was Fußball mit einem macht und was man für eine Typveränderung erlebt. Ich bin privat eigentlich eher introvertiert und rational, aber plötzlich haust du in dieser Anspannung Dinge raus oder umarmst plötzlich einen Fremden, obwohl du Menschen sonst eher auf Abstand hältst.

(lacht) Stichwort Impulskontrolle - nicht jedem gelingt das gut. Ich finde aber auch angemessen, mal im Stadion die Luft raus zu lassen und verbal zu pöbeln. Das mache ich dann ja auch mit großer Freude. Ganz früher saßen wir noch in der Reihe Null, also direkt am Spielfeldrand, und die Schiris konnten unsere Schimpftiraden dann im Gegensatz zu den oberen Rängen wirklich hören. Das war ganz hervorragend.

Sehr gut, ich hatte leider früher immer eine Karte weit oben und komme derzeit leider auch wegen der Entfernung von meiner Stadt zu Leverkusen nicht mehr so häufig in den Genuss eines Heimspiels. Auswärtsfahrten habe ich nicht so viele unternommen, aber finde es mitreißend, wie du deine Auswärtsfahrten in dem Buch beschreibst. Es geht auch nicht um Fußball, sondern zumindest in den jungen Jahren auch um Adrenalin und etwas Abenteuer.

Ja! Es tut sich allgemein so ein ganzes Universum auf, wenn man tiefer in das Thema Fußball-Fan einsteigt. Da passiert neben dem Spiel ja noch viel mehr und geht weiter darüber hinaus.

Konntest du die anderen Brote auch dafür begeistern, oder haben deine Bandmitglieder dich dafür eher ratlos angeschaut?

Die sind zwar etwas später eingestiegen, aber wurden dann auch komplett infiziert und stehen nun eine Reihe hinter mir im Stadion. Unsere Gruppe besteht lose aus zehn Leuten.

Habt ihr eigentlich nie probiert, eine Zusammenarbeit mit dem Verein aufzunehmen und zum Beispiel eine Tor-Hymne zu schreiben?

Auf gar keinen Fall! Das gilt es tunlichst zu vermeiden! Da verbrennt man sich ganz schnell die Finger dran. Es gibt auch viele abschreckende Beispiele und wenig gute. Es sind ja die Fans, die die Initiative ergreifen und das aussuchen. Bochum ist ein gutes Beispiel: Das Lied wurde von Grönemeyer nicht mit der Absicht geschrieben, dass es eine Fußball-Hymne wird. Wir Brote hatten einfach das Glück, dass die St. Pauli-Fans aus unserem Song "Schwule Mädchen" einen Schlachtruf gedichtet haben. Wir hatten mit der Entstehung überhaupt nichts zu tun und waren im Stadion auch erstmal überrascht, haben uns dann aber geehrt gefühlt. So soll das ja eigentlich sein, und nicht, indem man sich da aufdrängt.

Wir haben aber natürlich auch Songs über Fußball geschrieben. "Fußball ist immer noch wichtig" wirst du vielleicht kennen, aber das wurde jetzt nicht für den Verein geschrieben. Das sieht man schon daran, dass Carsten Friedrichs von Superpunk an dem Song beteiligt war, und der ist glühender HSV-Fan und das wäre natürlich allein aus dem Grund nicht möglich gewesen.

Das verbindende Element steht aber eigentlich über solchen Rivalitäten. Wir haben gemeinsam dieses Hobby, und es funktioniert trotz immer höherer Preise und Kommerzialisierung immer noch als Kitt zwischen den Menschen. Okay, wenn ich an die Premiere League und die Preise denke, ist es vielleicht auch kein Argument mehr.

Du kannst immer mit Fußball einen Smalltalk beginnen und es fühlt sich auch nicht eklig an. Aber England zerstört gerade erfolgreich die Fußball-Kultur. Ich war vor Jahren in Liverpool, und das fühlte sich im Stadion alles ganz merkwürdig an. Das ist eher ein Touristen-Spot als ein wirkliches Fußball-Stadion. Die Preise sind so hoch, dass man eben nur noch so eine Klientel anzieht, die nicht besonders förderlich für die Stimmung ist.

Aber mit dem Kitt gebe ich dir ansonsten vollkommen recht. Genau das Thema hatte ich noch vor Kurzem mit ein paar Leuten. Gerade in der heutigen Zeit, wo wir allgemein aber auch besonders im Internet nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander reden, finde ich das wholesome und auch beruhigend, wenn du im Stadion nette Gespräche mit einem random Fremden am Bierstand oder wo auch immer hast und dann noch mal für dich einordnen kannst: die Welt außerhalb des Internets ist nicht dieses Schwarz-weiß-Denken und so hasserfüllt, wie man das in den sozialen Netzwerken immer wieder erlebt. Im realen Leben läuft das Gespräch, auch bei unterschiedlichen Meinungen, differenzierter ab.

Knut Friedemann, ein früherer Stadionsprecher von euch, hat mit "Song 2" von Blur wahrscheinlich eine der geilsten Torhymnen zu euch gebracht, aber er war dann auch der Meinung, dass man bei den Amateuren die Onkelz spielen muss.

An der Band scheiden sich die Geister, aber wenn das stimmt, bin ich ihm für "Song 2" trotzdem zu Dank verpflichtet. Das ist für mich eine der besten Torhymnen überhaupt, wobei ich auch die vom VfB Stuttgart (Pennywise - "Bro Hymn") sehr mag. Es ist auch interessant, wie Fußball und Popkultur miteinander verflochten sind, obwohl man das erstmal gar nicht so vermutet. Wenn du schon länger im Fußball unterwegs bist, fällt dir das natürlich immer mehr auf und es wird präsenter.

"Kool Savas hat uns zu Schwule Mädchen angespornt"

Ich überlege gerade, wer alles noch in eurer St. Pauli-Gruppe mit drin ist. Bela B. ist ja eh klar ...

Bela ist natürlich dabei, Marcus Wiebusch auch, Aki Bosse treffe ich wie Johannes Oerding auch oft im Stadion an.

Wir hatten ja schon das Thema Typ-Änderung im Stadion. Lernst du deine Musik-Freunde da auch plötzlich von einer ganz anderen Seite kennen?

Ich habe ihre dunkelsten Seiten schon vorher kennen gelernt, und wir sind im Stadion dann auch eher verteilt, ich habe da nicht alle immer in Beobachtung. Unsere Gruppe erkennt man gut an den Fahnen mit den Süßigkeiten-Motiven. Unser Block wurde ja mal spöttisch der "Kuchen-Block" genannt, weil da die Business-Seats sind. An diesen Fahnen erkennt man, dass wir am Start sind.

Grundsätzlich ist mir bei deinem Buch aufgefallen, dass du Situationen unfassbar präzise und detailreich beschreibst. Da bin ich echt neidisch, weil ich manchmal schon zwei Wochen später überlegen muss, wie genau das Wetter an dem Tag war. 30 Jahre später hätte ich da erst recht keine Ahnung mehr von.

Haha, das wäre wirklich schön, wenn ich so ein fotografisches Gedächtnis hätte! Das habe ich mühevoll rekonstruiert. Was natürlich gut ist, dass bei man bei den ganzen Erlebnissen ja immer Leute dabei hatte und die einem immer aushelfen konnten. Ich habe gerade viel mit meinem Kumpel Dorian, der ja im Buch oft erwähnt wird, darüber gesprochen: die haben mich dann bei der ein oder anderen Stelle, wo mich mein Gedächtnis betrogen hat, korrigiert. Das bleibt über so einen langen Zeitraum natürlich nicht aus, aber manche Situationen haben sich da einfach eingebrannt, da wusste ich noch alle Details. Also zum Beispiel gibt es im Buch eine Szene, wo der eine Typ seinem Nebenmann auf den Oberschenkel pinkelt. Das hat sich sehr eingebrannt, haha.

Um nicht zu sagen "eingesickert". Was du auch beschreibst, ist ja das Flash 2000-Festival, und dass ein gewisser Newcomer namens Kool Savas euch auf dem Kieker hatte. Du beschreibst in dem Buch, dass du irgendwie keine Ahnung hattest, was genau "dieser Vogel" von euch genau wollte. Ich denke 25 Jahre später ist das nicht mehr so schlimm?

Boris: Ach wenn wir uns heutzutage auf verschiedenen Events über den Weg laufen, grüßen wir uns kurz und sagen Hallo. So häufig kreuzen sich die Wege aber auch nicht, und das ist nun wirklich sehr lange her. Ich finde, das kann man rückblickend auch sportlich sehen. Das hat uns damals genervt, aber das hat uns ja auch wiederum angespornt. "Schwule Mädchen" wäre als Reaktion darauf sonst gar nicht entstanden.

Das "Schwule Mädchen"-Video hat ja auch so eine Punk-Atmosphäre. Eigentlich liest sich deine Sozialisation zwischen Fußball-Kneipen wie dem Osborne und viel Bier schon eher wie der perfekte Einstieg in den Punk und gar nicht so sehr nach einer späteren Hip Hop-Sache.

Ich bin durch Punk sozialisiert worden und habe auch so mit 15 und 16 in einer Punk-Band gespielt, aber dann kamen die Beastie Boys und das hat alles verändert. Die haben ja diese beiden Welten miteinander verbunden. Run DMC waren ja genau so drauf und haben viel Gitarren verwendet. Das hat mich sehr fasziniert und war für mich komplett neu. Daraus ist dann wie bei Fußball ein weiteres, neues Universum entstanden. Man muss ja auch sagen, dass Punk damals auch schon anfing, diesen Reiz des Neuen und Aufregenden zu verlieren. Punk war dann eher was für die Älteren, und plötzlich war da mit Hip Hop eine Jugendkultur, mit der man dann wirklich noch anecken konnte und man von den Leuten irritiert angeschaut wurde.

Aber das war ja vor allem bei Savas oder bei den Berlinern so. Die wollten euch ja provozieren und mit dem härteren Style auch eine Abgrenzung schaffen. Hat euch das wirklich so überrascht, dass ausgerechnet die Brote so ein Feindbild wurden?

Klar. Unser Hebel bei Fettes Brot war ja immer Humor, also nicht weil wir das als Konzept so im Kopf hatten, sondern weil wir als Typen schon so drauf waren. Das war so unsere Motivation, und diese Berlin-Sache verfolgte da einen ganz anderen Ansatz. Ich kann oder konnte natürlich schon verstehen, dass die dann einen anderen Blick auf uns hatten. Ich kann auch aus deren Sicht nachvollziehen, dass die uns scheiße fanden. Aber wie gesagt, aus der Sache ist dann eben auch "Schwule Mädchen" oder "Da draußen" entstanden. Da ist also nun fein, aber wir hatten den Eindruck, dass man uns zu oberflächlich betrachtet und wir ja auch eine politische Submessage in unseren Songs hatten. Das hat man vielleicht nicht sofort gesehen oder wahrgenommen. Wir wollten halt Unterhaltung und Haltung miteinander kombinieren.

Stichwort Unterhaltung. Ihr habt auch auf St. Pauli immer gegen so einen Kram wie Maskottchen gewehrt. Leider hat es den armen Wumbo wirklich hart erwischt. Der erste und wirklich letzte ernsthafte Versuch, auch am Millerntor diese Art der Kommerzialisierung einzuführen.

Ja, der wurde sofort abgelehnt und mit Bier beworfen. Es gab ja mal einen Aprilscherz mit einem Maskottchen namens "Zecki". Das fand ich unfassbar lustig, aber grundsätzlich überkommt mich immer eine Fremdscham bei diesen kuscheligen Tieren. Ich stelle mir immer die Frage, wer sich so etwas ausdenkt.

Allerdings. Warte, ich zeige dir mal kurz das Leverkusen-Maskottchen Brian The Lion. Also schön geht auch anders.

Oh, der hat auch ein Piercing! Das soll ein Löwe sein, oder? Aber sieht aus, als ob einer von den Simpsons den gezeichnet hat. Ich empfinde auch keinen Hass gegenüber anderen Maskottchen, aber ich bin froh, dass wir so etwas nicht haben.

Hass ist eh ein starkes Wort. In dem Buch beschreibst du auch Szenen, in denen ihr mit gewalttätigen Gruppierungen konfrontiert werdet. So etwas erinnert mich an deine Schilderung von den Exzessen in der Kneipe "Osborne" und auch an das "Schwule Mädchen"-Video.

Haha, aber da kommt ja Hass nicht wirklich drin vor. Wir treten da nur mal die Scheibe ein, und das ist wirklich nicht auf dem Level, was damals stattfand. Gewalt im Fußball ist ja so eine Reflektion der Gesellschaft. Das findet man in jungen Jahren auch noch etwas aufregend, das sorgt für Adrenalin-Kicks, aber ich habe das immer abgelehnt. Ich habe Gewalt schon immer scheiße gefunden. Jemand aggressiv anzugehen, nur weil er einem anderen Verein angehört, ist dumm. Du lernst zum Glück über die Jahre, wie du so etwas bei Auswärtsfahrten umgehen kannst.

In solchen Situationen bin ich der erste, der sofort abhaut, schon bei der entferntesten Ahnung von Aggression.

Das ist absolut in Ordnung, dass du abhaust. Bevor ich in etwas reingezogen werde, ist das sicherlich die bessere Lösung. Bevor ich mich prügeln müsste, laufe ich auch lieber schnell weg.

Es gab nun auch um Hans Albers eine Kontroverse: "Das Herz von St. Pauli" ist ja für sich genommen ein schöner Song.

Ja, ich finde den auch sehr schön und schade, dass er nicht mehr gesungen wird. Aber nach allem, was da rauskam, ist das auch vergiftet und nicht mehr tragbar. Da wird man auch etwas sentimental, wenn man von dem Song, der einen länger begleitete, Abschied nehmen muss, aber andererseits war der ja auch nicht von Anfang an dabei und war vor zwanzig Jahren noch gar nicht im Repertoire. Es wird aber zum Glück in der Geschäftsführung gar nicht versucht, dem Verein krampfhaft eine neue Hymne aufzuoktroyieren, sondern da ist nun eben aktuell eine Leerstelle und somit genug Platz, damit sich etwas Neues entwickeln kann.

Bist du jetzt durch das Buch eigentlich auf den Geschmack gekommen und planst weitere Projekte?

Ich habe eine Menge Respekt vor dem Buch schreiben bekommen. Ich bin da auch sehr diszipliniert rangegangen, weil ich am Anfang selbst nicht wusste, wieviel Zeit ich dafür nun benötige. Ich habe mich täglich hingesetzt und so zwei bis vier Stunden geschrieben. Es war bei diesem Buch nur so eine abstrakte Vorstellung, die in meinem Kopf schwirrte, und nun weiß ich, dass ich auch ein Buch schreiben kann. Also ja, ich kann mir schon vorstellen, das mit anderen Themen mal zu wiederholen.

Würdest auch eine große Brote-Biografie schreiben?

Puh, weiß nicht, ob das alle wirklich wollen. So ein Buch ist ein langer Prozess, und bei unserer Bandgeschichte muss man sich dafür auch genügend Zeit nehmen. Dieses Buch hat ein Jahr in Anspruch genommen, und alle müssten auch zur gleichen Zeit richtig Bock drauf haben. Das ist derzeit kein Thema, aber total ausschließen kann ich das auch nicht. Ich hätte gerade eher Lust auf so etwas wie einen Roman. Es ist interessant, dass ich als Musiker die Texte nach Verwertbarkeit für Songs beurteilt habe, und nun auch die Gedanken abklopfe, ob das nicht für ein Buch taugen könnte. Da hat sich mein Horizont wirklich nochmal erweitert.

Du kommst aus einem Genre, in dem viel Lyrik und Storytelling verwendet wird. Also war Rap doch eine gute Übung für das Schreiben?

Ja, das ist auch das Schöne daran. Wenn plötzlich im Gehirn die Funken anfangen zu knallen, aber klar, das muss natürlich auch für den Leser noch nachvollziehbar sein und am Ende muss man wieder auf eine Bahn kommen. Was die Verbindung von Song schreiben und Buch angeht, bin ich mir gerade unsicher. Das ist natürlich schon in einer Art miteinander verwandt, aber Songtexte schreiben geht für gewöhnlich schneller und ist auch assoziativer. Du kannst manchmal schon mit zwei Worten ein Bild erschaffen und das geht in einem Buch natürlich nicht. Da musst du länger und detaillierter etwas beschreiben und ausführen.

Ich überlege gerade, ob das Buch auch eine Leere nach dem Ende der Brote ausgefüllt hat?

Also es ist ja so, dass man bei diesem Beruf, den ich seit langer Zeit ausübe, nicht durch irgendeinen Chef seine Aufgaben bekommt und sich da immer wieder selber erschaffen muss. Das war schon bei Fettes Brot so, dass wir kein Briefing bekommen haben, wie nun ein neues Album aussehen soll. Nach dem Abschied war es jetzt nicht so, dass ich überhaupt nicht wusste, wie es nun weiter gehen soll. Es ist eben wichtig, dass man seinen Beruf immer wieder neu erfindet. Und man hat natürlich auch mal hart überlegt, ob es nicht doch einen Job gibt, in dem alles für dich schon geregelt wird.

Aber eigentlich ist daraus nie eine wirklich ernsthafte Option entstanden, und ich bin mit dem Weg, den ich seitdem eingeschlagen habe, auch sehr zufrieden. Ich war ja sonst auch nicht untätig und habe ein Solo-Album heraus gebracht, nun das Buch und dazu kommt übrigens noch ein Solo-Track. Es gibt ja zu jedem Blockbuster auch so eine Titel-Melodie, warum nicht zu einem Buch? Das ist ja auch nicht so gewöhnlich. "Stadtrand" heißt der Track und für alle, die überhaupt nichts mit dem Fußball zu tun haben: Es ist ein Song über meine Jugend in Pinneberg und streift auch ein paar Themen, die im Buch vorkommen.

Ist dann auch noch abseits vom Song etwas Größeres drumherum geplant? Eine Lese-Tour zum Beispiel oder gibt es da nur einen größeren Event mit ein paar Gästen?

Ende November gibt es eine große Lesung im Stadion im Ballsaal, die zum Glück auch gut voll ist, und es werden auch ein oder zwei Gäste kommen. Das ist aber weniger so ein Stars in der Manege-Abend, sondern steht im Bezug zu dem Buch. Da gibt es auch noch Bild- und Filmmaterial dazu. Es gab auch schon Einladungen für Lesungen.

Auch zum Doppelpass? Das würde ich dir aber ehrlich gesagt nicht wünschen. Den kann man auch nur zum Aufwachen am Sonntag so 15 Minuten lang ertragen, dieses unerträgliche Stammtisch-Gesülze.

Hahaha, schön wär's! Ich schaue das aber nicht so regelmäßig und vermute, dass die mich auch nicht einladen werden. Aber das geht ja auch alles gerade erst los, und da gibt es schon so Dinge wie Podcasts. Der Unterschied zur Musik ist ja auch, dass so eine Buchverwertung hinten raus viel langfristiger ist. Wobei, "Verwertung". Das klingt nun auch nach so einem Marketing-Sprech. Worauf ich hinaus wollte ist, dass eine Platte relativ schnell an Aktualität verliert, das schätze ich bei dem Buch eher anders ein.

Ist das dann auch wie bei einer Platte, dass man von der endgültigen Fertigstellung bis zur Veröffentlichung noch Monate warten muss?

Ich war im August fertig und nun ist es im November erschienen. Beim Album kommt noch viel mehr dazu. Mastering, das Mixing. Okay, das Lektorat muss bei einem Buch auch nochmal ran, und von der Anfrage beim Verlag bis eben jetzt zur Veröffentlichung waren es auch insgesamt rund zwei Jahre.

Hat dich denn der Verein selbst auch unterstützt oder halten die sich daraus?

Nee, die wissen das auch, und ich darf ja die Lesung im Stadion halten. Das wird also alles wohlwollend begleitet, aber die müssen natürlich auch etwas Neutralität bewahren. Also die helfen da nicht großartig beim Verkauf des Buches. Das ist ja auch kein Buch, in dem investigativ was über den Verein erklärt oder aufgedeckt wird, sondern das Buch hat auch einen starken, persönlichen Touch, und mit dem Privatleben hat der Verein auch gar nichts zu tun. Die müssen da auch nichts befürchten, ich schreibe über so Dinge wie zunehmende Professionalisierung auch komplett wertfrei. Das ist ja auch angenehm, dass Dinge reibungsloser funktionieren. Ich bin auch kein krasser Nostalgiker, der immer zurück schaut und das Früher verklärt. Es ist eben nur wichtig, dass irgendwie die Seele und der Geist bewahrt bleiben, aber da sehe ich bei St. Pauli auch nicht, dass da was Gegenteiliges läuft und die ein gutes Gespür dafür haben.

Tatsächlich finde ich auch interessant, wie das Jackson Irvine-Ding zwar ein Thema wurde, es aber nicht komplett eskaliert ist. So von außen habe ich das Gefühl, dass es im Stadion selbst gar nicht so ein großes Thema war, oder?
Sehe ich auch so. Du hast immer mal eine Kontroverse um den Verein rum. Das ist aber keine neue Sache und kommt überall immer mal wieder vor. Und auch da muss man wieder feststellen: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Online-Aufregungskultur und der tatsächlichen Stimmung im Stadion.

Dein Kumpel Dorian kommt wirklich häufig in dem Buch vor. War der damit eigentlich fein oder war er da zunächst weniger von begeistert? Es kann natürlich auch sein, dass er seinen Moment des Ruhmes nun ausgiebig genießt.

Also das ist für ihn schon ungewohnt, plötzlich so ein Thema in einem Buch zu sein, und den Weg hat er ja nicht von sich aus gewählt. Ich habe ihn während des Schreibprozesses auch immer wieder gefragt, ob ich die Erlebnisse so ins Buch schreiben darf. Der war damit aber cool und hat nur gesagt "Jaja, mach mal." Er war dann aber doch etwas nervös, als er das fertige Buch in den Händen hielt. Er kommt aber in dem Buch auch gut weg, finde ich.

Jedenfalls mehr als Wumbo. Ich möchte zum Abschluss noch mal die Gelegenheit ergreifen, um für ihn einzustehen und Gerechtigkeit für ihn einzufordern. Ich finde, es ist ihm ein großes Unrecht angetan worden, und er sitzt da heute noch in einer Kneipe und nagt an diesem Trauma.

(lacht) Ja, aber ich weiß nicht, ob ich das unbedingt sein muss, der Wumbo nun wiederbelebt. Irgendwie muss ich das jetzt doch nochmal genauer nachlesen. War der nicht sogar aus einem Freizeitpark geliehen worden? Ist auf jeden Fall eine lustige Anekdote.

Gut dabei belassen wir es. Ich weiß nicht, vielleicht habe ich auch einfach ein Herz für Kuscheltiere. Mach es gut!

Danke! Dir einen schönen Tag!

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1 Kommentar

  • Vor einer Sekunde

    "Stichwort Impulskontrolle - nicht jedem gelingt das gut. Ich finde aber auch angemessen, mal im Stadion die Luft raus zu lassen und verbal zu pöbeln. Das mache ich dann ja auch mit großer Freude."

    Ja, dafür ist ein Station irgendwie auch da. Dampf ablassen, den Alltag hinter sich lassen in einem halbwegs geordneten Rahmen. Hinterher geben sich alle wieder die Hand und gut is'. Der Schiri macht im Übrigen auch nur seinen Job.