laut.de-Kritik
Malen-Nach-Zahlen von Rembrandt.
Review von Franz MauererJohnny Marr kann als Gitarrist von The Smiths dem Reputations- und Referenzkäfig seiner Band kaum entkommen. Man wird immer an ihn als Teil dieses Quartetts denken, obwohl er längst eine eigene künstlerische Identität aufgebaut hat. Das mag für Marr beschwerlich sein, "The Age Of Everything" zeigt aber, dass er nach so vielen Jahren Solo-Karriere manchmal inzwischen zu sehr nach Johnny Marr klingt.
"Spin" ist dafür das abschreckende Beispiel. Ein bisschen Flirren, ein bisschen Jangle, der gewohnt geschmackvolle Bass, Marrs routinierter Sprechgesang – fertig ist der späte Marr-Song aus dem Baukasten. Der titelgebende Spin findet höchstens in jenem kurzen Moment des Einschlafens statt, in dem man plötzlich wegsackt. Selbst Marrs Gitarre, normalerweise ja durchaus in der Lage, eine mittelmäßige Komposition im Alleingang gesellschaftsfähig zu machen, kann diese fade Indienummer nicht retten. Weite Teile erinnern sogar an eine erheblich schwächere Version von Franz Ferdinands exzellentem "Feel The Love Go". Kein Plagiatsvorwurf an Marr und seinen langjährigen Mitstreiter James Doviak, aber wenn sich der Vergleich einmal aufdrängt, bekommt man ihn kaum noch aus dem Kopf.
Das ist umso ärgerlicher, weil "Beyond The Rain" unmittelbar danach zeigt, wie wenig es eigentlich bräuchte. Ein griffiger Bass, mehr Zug, Frauenstimmen im Refrain und plötzlich steht da wieder dieser unfassbar coole Typ mit der Gitarre. Das ist der verfickte Johnny Marr! Der Mann sollte auftreten, als hätte er größere Eier als sämtliche Gallagher-Brüder zusammen. "Beyond The Rain" besitzt diese lässige Grandezza zumindest zeitweise und wirkt nach dem verschlafenen Opener beinahe wie eine Wiederbelebungsmaßnahme. Auch "It's Time" startet ausgezeichnet. Die Gitarre scharwenzelt tatsächlich einmal so herum, wie man es aus sehr alten Zeiten kennt. Marr ist kein Morrissey, muss keiner sein und war als Sänger ohnehin weniger limitiert als sein Ruf - wenn er es sich selbst zumutete. Nur die "Wooohooo"-Chöre müsste ihm mit 62 wirklich langsam jemand austreiben. Schlimmer noch: Auch "It's Time" beginnt seine anfängliche Energie bald wieder abzutragen und verwandelt sich sukzessive in einen recht gewöhnlichen Rocksong.
Damit ist das zentrale Problem von "The Age Of Everything" bereits beschrieben. Marr hat noch immer gute Ideen, er scheint ihnen bloß nicht mehr zu trauen. "How Come" beginnt hübsch akustisch, macht daraus anschließend aber einen Indiepoprocker mittleren Tempos, der nirgendwo unangenehm auffallen könnte und im Kaufhaus ebenso zuverlässig unbemerkt bliebe. "Ophelia" eröffnet mit einer blitzenden, präzisen Gitarrenfigur, die sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bis zum Refrain darf sie sogar bleiben. Dann wird sie natürlich weggeräumt, damit Platz ist für einen jener Marrschen Non-Refrains, in denen vor allem auffällt, dass gerade nichts passiert. Der ganze Song kennt letztlich zwei Zustände: Gitarrenfigur an, Gitarrenfigur aus. "That Feeling" treibt dieses Prinzip ins Absurde. Ein derart ereignisloses Stück könnte eigentlich nur dadurch bemerkenswert werden, dass man unmittelbar danach vergessen hat, es gehört zu haben. Das ist nicht bloß routiniert. Routine kann sexy sein. Das hier ist genügsam. Ein Rembrandt seines Fachs malt nach Zahlen und rahmt das Ergebnis anschließend mit professionellem Standard-Schmückwerk.
Dass Marr als Sänger daran gelegentlich mit absäuft, macht die Sache nicht einfacher. Seine Stimme besitzt eine angenehme Coolness. Aber Marr fordert sich oft zu wenig und verfällt in einen Elder-Statesman-Sprechsingsang, der Dynamik benötigt, um nicht selbst zum Teil der Tapete zu werden. "Spin" legt das schonungslos offen. Umso aufschlussreicher ist "In And Out Of Love". Das langsamere, emotionalere Stück zwingt ihn plötzlich, Töne etwas länger stehen zu lassen und vor allem in den Strophen tatsächlich aus sich herauszukommen. Sofort wird Marr greifbarer, menschlicher, näher. So könnte ein Alterswerk dieses Mannes aussehen: nicht revolutionär, nicht verzweifelt jugendlich, sondern getragen von Persönlichkeit und dem Vertrauen darauf, dass Ausdruck interessanter ist als Coolness-Simulation.
"Just Once More" besitzt sogar eine Bassline zum schmachtenden Niederknien. Natürlich sabotiert das Stück sein anfängliches Versprechen selbst. In der Mitte wartet ein ganzer Weiher von Refrains, durch den der Song watet, ohne irgendwo anzukommen. "Fire With Fire" scheint zunächst wenigstens die Geschwindigkeitsbegrenzung des Albums aufgehoben zu haben. Ha! Natürlich wird auch diese herrlich schmissige Anfangsstimmung wieder heruntergeregelt. Heizung auf drei, die Umdrehungen selbst für einen Diesel bedenklich niedrig. Diese Scheibe behandelt ihre Ideen, als wären sie etwas Gefährliches. Sobald ein Song droht, aufregend zu werden, greift Marr zum Regler.
Erst "All In A Life" lässt diese Vorsicht wenigstens teilweise hinter sich. Ein vorsichtiger Drone und elektronische Texturen zu Beginn passen erstaunlich gut zu Marrs Ästhetik. Zwar verschwinden auch sie bald wieder im Arrangement beziehungsweise gehen in einen erneut sehr gelungenen Bass über. Doch diesmal passiert danach tatsächlich etwas. Der Song besitzt Brüche, verschiedene Ebenen und eine Entwicklung. Nicht jedes einzelne Versatzstück wäre für sich besonders bemerkenswert, aber plötzlich werden sie gegeneinander gestellt, statt lediglich sauber hintereinander abgearbeitet. Und wenn zum Ende die Frauenstimme zusätzliches Drama hereinträgt, erwacht man tatsächlich noch einmal aus dem Marrschen Schlummer.


Noch keine Kommentare