Es ist immer ein bisschen komisch, wenn Leute sagen: früher war ich Punk. Was heißt das denn genau? Haste mal ne Mark?
Mainz (jas) - Ist man schon Punk, wenn man gelangweilt an der Tankstelle oder auf der Domplatte abhängt? Ist es Punk, dass du Sex Pistols gehört hast oder dass du dir die Haare blau färbst? Ist es ein hipper Widerstand oder immer noch eine wütende Kampfansage? Wo warst du als Teenager?
Steckt nicht in jedem ein bisschen Punk? Wenn du deine Band gründest und einfach loslegst. Egal, ob du mit einer oder zwei Händen Schlagzeug spielst. Egal, wenn der Song weniger als zwei Minuten dauert, und total egal, wenn es rumpelt und kreischt. Hauptsache, die Message bewegt, man kommt zusammen und man kann sich mit den Menschen auf der Bühne identifizieren.
Punk bewegt(e) Generationen. Es war ein Ausbruch und ein Aufbruch des Widerstands. Seit 50 Jahren gibt es unzählige Songs, die einen nicht mehr loslassen. Lieder, die Erinnerungen wecken. Punklieder mit denen man aufgewachsen ist, an guten und an schlechten Tagen. Hymnen, die uns noch heute emotional abholen und ein Leben lang begleiten werden.
"Bored Teenagers" heißt das Punk-Mixtape zum Nachschlagen. Hier schreiben Autor:innen ihre Gedanken, Geschichten zu ihrem Lieblingssong. Viele kommen aus der Musikbranche oder haben ihre eigenen Bands gegründet. Herausgeber Jonas Engelmann schreibt über den titelgebenden Song "Bored Teenagers" von The Adverts. "Ich fühlte mich entfremdet, aber tut das nicht jeder Teenager?" hat TV Smith gegenüber Jon Savage den Song "Bored Teenagers" erklärt. Damals war es das Fernsehen, heute sind es die sozialen Medien, die die Jugendlichen formen und in eine Richtung bewegen. Aber nicht alle werden Punk.
Knarf Rellöm schreibt über The B-52’s "Dance This Mess Around". Er brauchte einige Anläufe, um diese schrille Band der 1970er Jahre zu verstehen. "Niemand klingt so wie die B-52's". Diese stimmliche Harmonie zwischen den Girls und dem Sänger. Eine große Tanzparty mit Humor, Love and Happiness. So kann Punk auch klingen. Die Verehrung von Bands wie die Sex Pistols verstand er dagegen gar nicht.
In der Single "Tied Up In Nottz" aus dem Jahr 2014 von Sleaford Mods hört man den Frust und die energiegeladene Wut auf die britische Regierung. Regisseurin Christine Franz schreibt über den Song, sie begleitete damals das Elektro-Motz-Punk Duo aus Nottingham auf Tour mit der Kamera. "Bored Teenagers" ist ein Nachschlagewerk, denn man liest es nicht unbedingt von vorne bis hinten. Man pickt sich einige Songs aus und liest gespannt den Text dazu. Sehr schön auch die Interpretation von Klaus Cornfield (Katze, Throw That Beat In The Garbage Can), der mit seiner Comic-Zeichenkunst den Song von Sham 69 "If The Kids Are United" in kleinen Bildern kreativ umsetzt. Da sieht man Szenen aus der Riot-Zone: Vom Steinwurf über Polizei-Randale, bis Prügeleien mit rivalisierenden Gruppen ist alles dabei.
Punk ist DIY, Kunst, Revolte, Rauswurf und Aufruhr. Nicht die Klappe halten, sondern laut sein. "Bored Teenagers" würde ich meinen Neffen und Nichten schenken. "Punk Rock ist nicht tot". Billy Childish und die Medway Szene fehlen mir allerdings hier schmerzlich. Oder habe ich da was übersehen? Bei 372 Seiten Buchumfang, kann einem da vielleicht was durch die Lappen gehen. Auf jeden Fall geht es nicht ohne Thee Headcoatees und Billys The Headcoates, aber da wird es vielleicht noch eine Fortsetzung geben ...























































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