Erstmal lässt Rocky das Publikum warten. Was dann folgt, ist so absurd, dass man irgendwann aufhört, nach einer Erklärung zu suchen.

Berlin (dp) - Eine Stunde Verspätung muss man sich erst einmal leisten können. A$ap Rocky kann es offenbar. Während in der Berliner Uber Arena längst die Lichter ausgehen sollten und das Publikum auf den Mann wartet, der diesen Abend eigentlich bestreiten soll, passiert erst einmal: nichts. Eine Stunde lang. Für die Menschen vor der Bühne ist das irgendwann nicht mehr spannend, sondern schlicht nervig. Auch die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die so einen Abend über Stunden vorbereiten und am Laufen halten, haben vermutlich wenig Anlass, diese Form von Rockstar-Attitüde romantisch zu finden.

Als Rocky dann endlich auftaucht, macht er immerhin klar, dass Warten Teil seines Konzepts sein könnte. "Don't Be Dumb" lautet das Motto des Abends, und Rocky befindet sich zunächst auf der Flucht. Maskiert bewegt er sich durch das Publikum, während um ihn herum ein SWAT-Team für ordentlich Alarm sorgt. Später bei "RIOT" tanzt die Truppe tatsächlich eine Art Sirtaki. Das ist so absurd, dass man irgendwann aufhört, nach einer Erklärung zu suchen. Zwei Helikopter hängen über der Bühne, und nachdem er ausgiebig inmitten des Publikums gefeiert hat, wird Rocky darin beziehungsweise daran inszeniert, dazu dröhnen Rotoren und Sirenen. Rocky schwingt derweil in Miley Cyrus-Manier an einem Seil am Helikopter. Die Produktion gibt sich alle Mühe, aus einem Rapkonzert einen Actionfilm zu machen.

Nur Rocky selbst bleibt dabei zunächst erstaunlich schwer greifbar. Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern als Iro sitzt, die Kulisse arbeitet, die Effekte arbeiten, die Tänzer arbeiten. Er dagegen rappt über weite Strecken erstaunlich wenig selbst. Vieles kommt vom Band, während er dazu performt und das Publikum anfeuert. Bei einem Rapper dieser Größenordnung fällt das auf.

"Du kannst ja gar nix sehen, mit deiner Maske auf"

Fast eine Stunde dauert es, bis er die Maske endlich abnimmt, und schlagartig wird der Abend besser. Mit "PUNK ROCKY" kommt erstmals etwas Persönliches in die Show. Der Song erzählt von Einsamkeit, Liebeskummer und enttäuschtem Vertrauen. Rocky wirkt verletzlicher und einfach menschlich. Danach folgt "Sundress", und hier zeigt sich, wie viel diese Show gewinnen kann, wenn Rocky einfach selbst singt. Er klingt gut, das Publikum kennt den Song, die Halle zieht sofort mit. Ohne Maske bekommt die Performance eine ganz andere Energie.

Kurz danach zieht Rocky auch seine schwarze Jacke aus. Darunter funkelt es ordentlich: Diamanten, Schmuck, dazu die sorgfältig geflochtenen Cornrows. Bei Rihanna dürfte man in dieser Familie zwar nicht unbedingt von einer finanziellen Abhängigkeit sprechen, aber dass die Schmuckrechnung hier nicht aus der Portokasse bezahlt wird, ist offensichtlich.

Die Menschen springen und drängeln

Unterdessen wird der Moshpit unter dem Helikopter regelmäßig eingenebelt. Die Menschen springen und drängeln, während von oben Nebel herunterkommt. Der Effekt sieht von weitem vermutlich spektakulär aus. Wer unten steht, dürfte sich allerdings fragen, warum zur körperlichen Belastung eines Moshpits noch künstlicher Nebel kommen muss.

"Fashion Killa" widmet Rocky den "beautiful ladies". Das Publikum nimmt die Ansage dankbar an. Noch mehr Freude bereitet ihm allerdings ein BH, der ihm gereicht wird. Er hebt ihn hoch, grinst und macht damit weiter. Wenig später sind es zwei, dann drei, schließlich mindestens vier. Einer ist weiß, einer schwarz, einer hat Perlen-Träger. Rocky sammelt die Kleidungsstücke ein und trägt sie sogar noch durch den nächsten Song. Man kann sich durchaus fragen, ob wenigstens einer davon aus Rihannas Fenty-Kollektion stammt.

Möwengeschrei und Hubschraubergeräusche

Die Bühne ist übrigens ein Kriegsschiff. Möwengeschrei und Hubschraubergeräusche lassen kurz die Frage aufkommen, ob Rocky vielleicht von Alcatraz fliehen will oder am Ende doch nur ein Berliner Fischbrötchen gegen die Möwen verteidigen muss. Stattdessen steht da ein Panzer. Dahinter ein Hubschrauberlandeplatz. Rocky hat aus seiner Tourproduktion eine kleine militärische Parallelwelt gebaut. "I fucking love Berlin", ruft er zwischendurch random in die Menge. Das Publikum liebt ihn offensichtlich ebenfalls, denn bei den nächsten Songs wird es laut. "Next song is a fucking classic, can't wait to perform it here for you. Let's fucking go", kündigt er an. Danach geht es mit "LVL" weiter, später mit "Wassup". Es sind die Momente, in denen sich zeigt, wie viel Material Rocky eigentlich besitzt. Die Leute kennen die Songs, sie reagieren sofort, und Rocky muss gar nicht viel tun, um die Halle auf seiner Seite zu haben.

Bei "L$D" wird es ruhiger. Rocky widmet den Song den Verliebten und sitzt dabei auf dem Panzer. Romantisch. Hier singt er wieder selbst, und wieder funktioniert es besser als die aufwendigen Actionsequenzen. Für einen Augenblick reicht ein Mann auf einer Kulisse, ein bekanntes Lied und eine Halle voller Fans. Das ist tatsächlich ein schöner Moment.

Ein A$AP Rocky braucht kein TamTam

Danach kommen "Demons" und die letzten großen Nummern. Für "Sandman" holt Rocky eine weibliche Zuschauerin auf die Bühne, die den Song gemeinsam mit ihm performt. Für sie ist das vermutlich der Moment ihres Lebens. Für das Publikum ist es ein sympathischer Zug eines Konzerts, das ansonsten sehr stark davon lebt, möglichst viel gleichzeitig passieren zu lassen.
Denn an Material mangelt es Rocky wirklich nicht. SWAT-Team, Sirtaki, Panzer, Helikopter, Nebel, Möwen, Schmuck, BHs, Masken, Cornrows und eine ganze Armada an Bühnenrequisiten: Die Show hat genug Einfälle für mehrere Konzerte. Was ihr fehlt, ist an manchen Stellen die Konzentration auf den Künstler selbst. Denn wenn Rocky die Maske abnimmt und "Sundress" singt, oder bei "L$D" auf dem Panzer sitzt, wenn "PUNK ROCKY" plötzlich persönlich wird, braucht es all das nicht. Dann funktioniert der Abend auch ohne Hubschrauber. A$AP Rocky braucht kein TamTam, das für ihn die Aufmerksamkeit erzeugt.

Um so ärgerlicher ist die einstündige Verspätung. Sie wirkt angesichts einer Show, in der ohnehin so viel vom Band kommt und über die Inszenierung läuft, besonders unnötig. Ein Künstler darf eine große Show abliefern. Er darf sich verkleiden, fliegen, einen Panzer auf die Bühne stellen und sich vier BHs umhängen. Aber eine Stunde auf ein Publikum warten zu lassen, das bereits bezahlt hat und sich auf einen pünktlichen Konzertabend eingestellt hat, ist keine besonders glamouröse Form von Rockstar-Sein.

A$AP Rocky hat in Berlin also durchaus seine starken Momente. "Sundress", "L$D" und die wenigen Stellen, an denen er wirklich selbst singt und rappt, gehören dazu. Seine Hits funktionieren ohnehin. Die Arena kennt sie und feiert sie. Die Produktion ist aufwendig bis zum Anschlag. Nur muss man sich am Ende fragen, wie viel davon A$AP Rocky eigentlich braucht.

Der Helikopter kann schließlich nicht rappen. Der Panzer auch nicht. Rocky könnte es schon.

Fotos

Uber Arena Berlin, 2026 Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt.

Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Die Sturmhaube mit pinken Lockenwicklern sitzt., Uber Arena Berlin, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta)

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