Platz 5: Some Girls
Nicht selten reagieren viele Menschen über 30 gleich, wenn sie mit neuer Musik in Kontakt kommen. Sie rümpfen die Nasen, faseln irgendwas von "Früher war alles besser", legen die Alben auf, die sie schon mit zwanzig gehört haben, und geben ein "Das war noch Musik!" von sich. Erst recht, wenn die neue Musikrichtung und ihre Anhänger:innen sie auch noch direkt angreifen.
Die Rolling Stones tun das nicht.
1978 waren sie im Grunde tot. Zumindest aus Sicht einer neuen Generation. Erstmals waren sie die Alte-Herren-Band, die für all das stand, von dem sich die Jugend gerade distanzieren wollte. Die Zeit wartet eben auf niemanden. Mit gerade einmal Mitte dreißig gaklten sie plötzlich als Dinosaurier. Alte, reiche Rockstars, die doch bitte endlich mit der Musik aufhören sollten. Ein Vorwurf, der sie von nun ab für immer begleiten sollte. Inzwischen regierten Disco und Punk an vollkommen unterschiedlichen Enden der Popkultur.
Anstatt sich jedoch beleidigt in ihre Höhle zu verkriechen und ihre olle Nummer bis in alle Ewigkeit weiterzuspielen, bedankten sich die Rolling Stones artig, pickten sich die für sie interessantesten Elemente der neuen Konkurrenz heraus und schufen daraus "Some Girls". Kein verzweifelter Versuch, noch einmal jung zu klingen, sondern eine Frischzellenkur aus eigener Kraft. Nach einigen orientierungs- und energielosen Jahren waren sie plötzlich wieder da.
Während Jagger zur treibenden Kraft dieser Erneuerung wurde, war bei Richards zeitweise fraglich, ob es für ihn überhaupt eine Zukunft mit den Stones geben würde. Nach seiner Verhaftung wegen Heroinbesitzes 1977 in Toronto stand eine mehrjährige Haftstrafe im Raum. Nur mit einem zeitlich begrenzten Visum konnte er überhaupt an den Aufnahmen in Frankreich teilnehmen. Am Ende kam er mit einer einjährigen Bewährungsstrafe und einem Benefizkonzert vergleichsweise glimpflich davon. Dennoch entstand "Some Girls" unter den Vorzeichen, möglicherweise das letzte Album der Band zu sein, was nochmals weitere Energien freisetzte.
Das Ergebnis ist eines der härtesten, rohesten, eingängigsten und selbstbewusstesten Alben ihrer Karriere, und trotz aller neuen Einflüsse ist es durch und durch Stones. Der Punk gibt ihnen die Agression der frühen Tage zurück, Disco den Groove, der es in den neben "Beast Of Burdon" wohl bekanntesten Track "Miss You" schafft. Nichts davon kopiert oder biedert sich an, die Briten assimilieren es in ihre DNA. Mit "Before The Make You Run", einem Song über Drogen, Polizei und ständige Flucht, schafft es Richards zum ersten Mal seit Jahren wieder ans Mikro zurück. Erstmals trumpft zudem Ronnie Wood als vollwertiges Bandmitglied auf. Nicht als Virtuse wie Mick Taylor, sondern mit seinem Zusammenspiel mit Richards.
Für die Playlist: "Beast Of Burden", "Shattered", "Miss You"
Für die Tonne: "Some Girls", "Lies"
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