Ein bisschen Tom Petty, ein bisschen Dave Matthews, ein bisschen Chris Rea, etwas Lou Reed: Der "Akte X"-Star blickt in den Rückspiegel.
Berlin (dp) - Die meisten Besucher:innen im Berliner Metropol dürften an diesem Abend zunächst einen ganz bestimmten Mann vor Augen haben: Fox Mulder, der FBI-Agent aus der in den 90ern auf Sendung gegangenen Erfolgsserie "Akte X", der sich jahrzehntelang durch paranormale Fälle und die Herzen seiner Fans ermittelt hat. Andere kennen David Duchovny als Hank Moody aus "Californication" oder aus Filmen wie "Kalifornia", als Schriftsteller an der Seite von Brad Pitt.
Dass der mittlerweile 66-Jährige neben seiner Schauspielkarriere auch vier Studioalben veröffentlicht hat, dürfte dagegen weniger Menschen geläufig sein. Dabei ist Duchovnys gefälliger 90er-Rock durchaus charmant. Ein bisschen Tom Petty, ein bisschen Dave Matthews, ein bisschen Chris Rea – und eine ordentliche Portion amerikanischer Singer-Songwriter-Gemütlichkeit.
Der Blick zurück
Am Wochenende gastiert Duchovny im pittoresken Metropol. Mit dabei: eine Band, deren Mitglieder deutlich jünger sind als ihr Frontmann. Eine gute Entscheidung, denn sie bringt Schwung in die Arrangements und verleiht den Songs einen Druck, den Duchovny allein vermutlich nur schwer erzeugen könnte. Seine Musik ist schließlich weniger für musikalische Exzesse als für entspannte Roadtrips und den gelegentlichen Blick in den Rückspiegel gemacht.
Duchovny erzählt, dass er Regenwetter mag, schließlich sei er in New York aufgewachsen. Berlin beschert ihm reichlich Gelegenheit, sich heimisch zu fühlen. Und auch wenn es draußen unaufhörlich nieselt, haben die Menschen drinnen offenbar eine gute Zeit: Der Star geht immer wieder a den Bühnenrand, winkt ins Publikum und nimmt sich dabei auch Zeit für die Rollstuhlfahrer:innen. Duchovny versteckt sich nicht hinter seiner Prominenz, er scheint vielmehr den direkten Kontakt zu seinen Fans zu genießen.
"David, I love you!"
Beim Livesound ist es allerdings komplizierter. Duchovny singt mit einer Stimme, die sich ausgesprochen großzügig über ihre eigenen Grenzen hinwegsetzt. Die Töne sitzen nicht immer, und manche Melodie scheint eher eine unverbindliche Empfehlung als eine feste Vereinbarung zu sein. Bei "Running On A Feeling Gone" hilft das Publikum beim Singen aus.
Das macht Duchovny allerdings nicht unsympathisch. Im Gegenteil: Er scheint sich der begrenzten Möglichkeiten seiner Stimme durchaus bewusst zu sein, und Davids unverwechselbarer, sanfter Bariton trägt durch den Abend. Als eine Frau "David, I love you!" ruft, antwortet er prompt: "I love you too." Als weitere Liebesbekundungen folgen, verliert er kurz den Faden. "They told me they love me, so I lost all my shit", kommentiert er lachend.
"I love the losers"
Zwischen den eher gefälligen Rocknummern blitzen immer wieder Duchovnys andere Interessen auf. Vor "Catherine's Wheel" erklärt er, das Stück für seinen Sohn geschrieben zu haben. Es gehe um eine mittelalterliche Foltermethode, das Rädern. Da darf man sich schon kurz fragen, wie genau man von einem Familienmoment zu einem historischen Hinrichtungsinstrument gelangt. Duchovny scheint die Ambivalenz zu genießen. Die Musik bleibt angenehm zugänglich – auch wenn der thematische Ausflug ins Grausame nicht unbedingt zu den gemütlichen Gitarren passt.
Bei "Everyone Gets Lost" philosophiert Duchovny über Erfolg und Scheitern, und darüber, dass wir offenbar alle ein bisschen die Orientierung verloren haben. "I love the losers. Tired of winning", erklärt er, bevor der Song beginnt. Die Spitze in Richtung Donald Trump ist kaum zu überhören. Spätestens als das Publikum im Takt klatscht, wird aus der melancholischen Betrachtung menschlicher Verlorenheit ein gemeinschaftlicher Moment.
Auch "Laying On The Tracks“ gehört in diese Kategorie. Duchovny schrieb den Song im Umfeld des US-Wahlkampfs und lässt wenig Zweifel daran, was er von Trump hält. Die Formulierung vom "silly orange man" mit dem albernen Hut lässt keinen Interpretationsspielraum. Eine besonders raffinierte politische Abrechnung ist das musikalisch nicht, erfüllt aber ihren Zweck.
Melancolic Americana und Blue Öyster Cult
Deutlich nachdenklicher wird es bei "Born To Last". Hier geht es ums Älterwerden, um vergangene Träume und den Versuch, Verbindungen aufrechtzuerhalten, obwohl die Zeit längst ihre eigenen Entscheidungen getroffen hat. "Trying To Reach You" wird zur wiederkehrenden Sehnsucht nach Nähe. Duchovny ist kein großer Vokalist, aber er hat ein Gespür für diese Art von melancholischem Americana, bei dem die Gitarre ein bisschen wehmütig klingt und die Texte von den unvermeidlichen Blessuren des Lebens erzählen.
Als Duchovny schließlich die Science-Fiction-Fans im Saal anspricht, erreicht die Stimmung einen kleinen Höhepunkt. "Help me to get into the science-fiction style", fordert er das Publikum auf. Alle klatschen, und dann kommt tatsächlich "Godzilla", der Klassiker von Blue Öyster Cult. Die Band verpasst ihm einen leicht verschrobenen, beinahe an Cake erinnernden Anstrich, was überraschend gut funktioniert.
Wenn aus dem Gewicht ein Anker wird
Bei "The Anchor" wird es wieder persönlich. Duchovny erzählt, dass sich Liebe und Familie manchmal wie eine Last anfühlen können. Doch irgendwann, wenn das Gewicht zum Anker wird, gibt es Halt statt zusätzlicher Belastung. Es ist eine hübsche Metapher für Verantwortung, Krisen und die Erkenntnis, dass einen ausgerechnet das, was einen zeitweise niederdrückt, später stabilisieren kann. Der Song gehört zu den Momenten, in denen sich Duchovnys musikalisches Projekt am besten erschließt: kleine Stories über das Leben, die Zeit und die Menschen.
Dass das Publikum nicht ausschließlich wegen der Musik gekommen ist, zeigt sich immer wieder. Die Begeisterung für den Mann auf der Bühne ist groß, die Zuneigung beinahe familiär. Duchovny wiederum wirkt sichtlich gerührt von der Aufmerksamkeit. Zwischen den Songs plaudert er, scherzt und sucht den Kontakt.
Mit fortschreitendem Abend wird die Band auch zunehmend munterer. Rotes Licht taucht die Bühne in eine rockigere Atmosphäre, die letzten gut dreißig Minuten drücken tatsächlich etwas mehr. Bei "When The Whistle Blows" wiederholt Duchovny seine Zeilen über das Nicht-loslassen-Können wiederholen, bis das "I can't" beinahe zum Mantra wird. Die Band schiebt ordentlich nach vorne, und für einen Augenblick scheint der Abend doch noch ein bisschen mehr Fahrt aufzunehmen. "If you know the song, I'd love you to sing along", bittet Duchovny vor "Hell Or Highwater", seiner ersten Single aus dem Jahr 2015. Und das Publikum lässt sich nicht zweimal bitten.
Ein Hauch von Hollywood
Im Zugabenblock gibt es "Perfect Day", Lou Reeds unsterbliche Hymne an einen Tag, der eigentlich gar nicht viel braucht, um perfekt zu sein. Die Wahl passt zum Abend: Nostalgie, Melancholie, ein Hauch von Hollywood. Und Lou Reed ist bekanntlich ebenfalls kein Sänger, den man wegen seiner makellosen Intonation verehrt.
Trotzdem, Duchovnys Songs sind solide, manchmal berührend, gelegentlich etwas beliebig. Aber der Mann besitzt Charme, Humor und eine spürbare Freude daran, mit seinem Publikum zusammen zu sein. Das Metropol erlebt erwartungsgemäß keinen großen Rockabend, sondern eine Begegnung mit einem Schauspieler, der sich einen lang gehegten musikalischen Traum erfüllt und dabei erstaunlich authentisch und leidenschaftlich wirkt.
Fox Mulder hätte für diese Darbietung vermutlich eine paranormale Erklärung gesucht. Die naheliegendere ist weniger mysteriös: David Duchovny hat einfach Spaß an seiner Musik. Und seine Fans haben Spaß, diese Leidenschaft mit ihm zu teilen.
Text und Fotos: Désirée Pezzetta.























1 Kommentar
er sagte ja ganz klar, "the anchor" sei ein song über responsibility. das macht die konzerte finde ich auch zu etwas besonderem. dass die texte eigentlich oft sehr feinfühlig sind und eine tiefe haben, die beim ersten hören vielleicht nicht gleich bewusst wird. oder auch etwas sehr dunkles gekleidet in upbeat musik wie "london". ich habe schon das gefühl, dass inzwischen viele menschen aufgrund der musik "wieder" kommen. aber ja, es sind immer auch so leute vom typ autogrammjäger da. ich hatte mir sogar ein zweites konzert dazu gebucht, weil das erste so eine tolle erfahrung war. ich war selbst fast überrascht, dass es einfach eine musikalisch geile konzerterfahrung war. die band ist inzwischen so eingespielt. und seine stimme (wenn er nicht gerade das publikum anlernen will und den ton nicht findet) ist richtig gut inzwischen, fand ich. zu "layin on the track" hat er übrigens schon oft jetzt bei den konzerten bisschen selbstkritisch gesagt, dass die beschreibung von trump darin ein sehr cheap shot sei und es ihm hauptsächlich um die anderen textzeilen vor allem das schauen auf den eigenen beitrag zu dem ganzen wahnsinn ginge "the part of me that turned away, I have to kill /// "your suffering is my suffering". glaube übrigens "born to last" ist auch ein song für eines seiner kinder. aber das darf ja jede*r selbst bestimmen ❤️.