Oft entstehen spannende Geschichten nicht auf den größten, sondern den kleinsten Bühnen: so auch beim Queens Of The Stone Age-Bassisten.
Berlin (dp) - Manchmal werden die Dimensionen eines Musikers in Quadratmetern gemessen, manchmal in Applaus und oft genug in Umsatz. Vor kaum zwei Wochen stand Michael Shuman noch als Bassist der Queens Of The Stone Age im Berliner Olympiastadion vor Zehntausenden.
Jetzt zwängt er sich mit seinem Soloprojekt GLU ins Mikropol, einen Club für gerade mal rund 200 Menschen. Und nicht mal der ist ausverkauft. Eine Humbling experience? Vielleicht. Im Interview im Frühjahr zeigte sich Shuman ohnehin erstaunlich nüchtern, was sein Soloprojekt betrifft. GLU Ding will eben Weile haben.
Schmachten vorne, tanzen hinten
Dabei hat Shuman einen veritablen Backkatalog aufgebaut und ist musikalisch mindestens genauso interessant wie seine Stammband. Das sehen auch die Zuschauer:innen so, die sich erstaunlich textsicher und feierfreudig bereits lange vor Konzertbeginn vor die Bühne drängen. Schmachten vorne, tanzen hinten, heißt die Devise heute.
Kurz nach 21 Uhr betritt der Kalifornier die Bühne. Keine große Inszenierung, kein Rockstar-Gehabe. Mr. Cool hängt sich die Gitarre um und legt ohne Umschweife mit los. Doch dann: technische Probleme! Und das bei der allerersten Show der Tour. Flugs kommt der Techniker und fixt die Probleme.
Erstaunlich gleichmütig nimmt GLU es hin und tut das, was er am besten kann: gute Musik machen und dabei so kühl wie ein Eisblock zu wirken. Von der ersten Minute an wirkt Shuman weniger wie das Nebenprojekt eines prominenten Bassisten, als wie ein vollkommen eigenständiges Projekt fernab des Rocks, was es auch tatsächlich ist.
One-Man-Show
Das Publikum bekommt einen Querschnitt seines Repertoires geboten. Auffällig ist, wie besonders die neueren Songs live an Schärfe gewinnen. Gerade das Material der "Pony Boy"-EP schiebt deutlich härter nach vorne als etwa die entspannteren Stücke der "My Demons"-Phase. GLU bleibt zwar tief im Groove verwurzelt, kratzt inzwischen aber hörbar öfter an der Kante.
"Tunnel Vision", Shumans Verarbeitung des Endes seiner früheren Band Mini Mansions, entwickelt im Club eine ganz eigene Dynamik: Man kann nur erahnen, wie das mit einer vollen Band klingen könnte. Aktuell kommt der Großteil der Musik noch vom Band, aber wer weiß, wie lange noch.
California Swagger
Dennoch funktioniert GLU nicht nur dann, wenn es laut wird. Gerade die entspannteren Songs leben von Shumans lässiger Ausstrahlung. Sein Charisma entsteht aus Gelassenheit. Ein kurzer Blick ins Publikum, ein schiefes Grinsen, ein trockenes "Thank you" – mehr braucht es oft nicht. Dieser kalifornische Swagger trägt selbst die zurückgenommenen Momente mühelos.
Auch das Duett mit Ex-Partnerin Lily James verliert in der Liveversion nichts an Charme. Natürlich übernimmt Shuman beide Gesangsparts selbst, doch statt nach Notlösung klingt das überraschend selbstverständlich. "Boogie Man" rollt mit federndem Groove durch den Raum, während das 90er-Jahre-Cover "Crush" endgültig beweist, dass Michael Shuman nicht nur harte Songs kann. Klingt gleichzeitig lässig und verletzlich – und dürfte an diesem Abend einigen Herzen den Rest gegeben haben.
Funk und Indiepop statt Wüstensound
Überhaupt zeigt sich, wie konsequent sich GLU vom Schatten der Queens Of The Stone Age emanzipiert. Natürlich lässt sich Shumans Herkunft nicht ausblenden: Die Vorliebe für schwere Grooves und trockene Riffs ist unverkennbar. Doch statt Wüstensound setzt GLU auf Funk, Indie, Pop und Alternativerock, ohne dabei beliebig zu wirken. Die Songs besitzen genug Eigenständigkeit, um nicht permanent Vergleiche mit seiner Hauptband herauszufordern.
Dass heute keine Menschenmassen vor der Bühne stehen, fühlt sich deshalb fast wie Luxus an. Wo sonst Sicherheitsgräben und Videowände Distanz schaffen, reichen im Mikropol wenige Schritte bis zur ersten Reihe. Michael Shuman wirkt hier greifbar, nahbar und vollkommen am richtigen Ort.
Vielleicht dauert es tatsächlich noch, bis GLU größere Hallen füllt. Nach diesem Auftritt spricht allerdings wenig dagegen, dass genau das irgendwann passieren könnte. Denn manchmal entstehen die spannendsten Geschichten eben nicht auf den größten Bühnen der Stadt, sondern auf den kleinsten.
Fotos/Text: Désirée Pezzetta.


































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