50 Stunden Livestream, neun Monate Arbeit: Fred again.. und Latin Mafia setzen mit ihrem Mixtape ein menschliches Zeichen gegen KI.
Mexiko-Stadt (map) - Normalerweise begegnet uns ein Song erst dann, wenn er fertig produziert ist. Bei "9 months & 50 hours" sieht das anders aus: Fred again.. und Latin Mafia lassen die Entstehung ihrer Musik von den ersten Ideen bis zum fertigen Track mitlaufen. Man bekommt Umwege und Veränderungen ebenso mit wie die Momente, in denen aus einer vagen Idee langsam ein Song wird.
Gerade deshalb wirkt das Projekt wie eine Antwort auf eine Zeit, in der KI innerhalb weniger Sekunden fertige Songs ausspucken kann. Während Algorithmen nur das Ergebnis liefern, machen Fred again.. und Latin Mafia den Weg dorthin sichtbar und erinnern daran, dass Musik oft nicht in Perfektion, sondern im gemeinsamen Ausprobieren entsteht.
Die vier Musiker haben vor gut neun Monaten ein Set aufgenommen, in dem sie erstmals ausprobierten, was aus ihren unterschiedlichen Klangwelten entstehen kann. Unfassbar cineastisch, unter riesigen schwebenden Tüchern, toben sich die Jungs zu ihrer Musik aus.
Anknüpfend an diese 30-minütige Session setzten sich die Musiker neun Monate später, daher der Albumtitel, erneut zusammen, um ihr Mixtape fertigzustellen. Das Besondere: Sie machten aus ihrer Zusammenarbeit einen Livestream. Alles unter dem Motto: "Wir bleiben hier, bis es fertig ist". 50 Stunden dauerte es, bis das Album fertiggestellt war.
Schlafen, singen, weitermachen
Besonders schön zeigt sich dabei der Umgangston zwischen den Beteiligten. Fred spielt Emilio einen Song vor, der in Zusammenarbeit mit einem pakistanischen Sänger entstanden ist. Der noch ziemlich verschlafene Emilio lässt sich direkt darauf ein. Gemeinsam tüfteln sie weiter, probieren verschiedene Stimmlayer aus und schichten Vocals übereinander, bis der Track am Ende deutlich runder wirkt. Es fühlt sich weniger nach der Session zweier internationaler Acts an als nach Musikern, die einfach Bock haben, gemeinsam eine Idee weiterzudenken.
Genau solche Momente machen den Stream so interessant. Die Zuschauer bekommen nicht nur das Ergebnis zu sehen, sondern erleben, wie Ideen eingebracht, verändert und weiterentwickelt werden. Ein beiläufiger Satz, eine Melodie oder ein Sound kann plötzlich die Richtung eines ganzen Tracks verändern.
Man sieht Menschen müde werden, auf Stühlen stehen, weil ein Vocal offenbar genau aus dieser Position eingesungen werden muss, auf Sofas liegen und Ideen ausprobieren, die zunächst nach wenig aussehen. Kein geheim gehaltener Studioaufenthalt, keine sorgfältig kuratierte Dokumentation im Nachhinein. Stattdessen laufen die Kameras. Stundenlang.
Aus Chaos wird Klang
Dass daraus am Ende tatsächlich ausgesprochen gute Musik geworden ist, macht die Sache erst richtig interessant. Fred again.. bewegt sich seit Jahren zwischen Clubmusik und sehr persönlichen Momentaufnahmen. Seine elektronischen Produktionen verbinden treibende Beats, Synthesizer und eingängige Melodien mit Sprachsamples, Gesang und Erinnerungen aus dem echten Leben. Musik, die gleichzeitig nach Dancefloor und Tagebucheintrag klingen kann.
Latin Mafia ergänzen diesen Ansatz mit elektronischem Pop, lateinamerikanischen Einflüssen und experimentellen Sounds. Zwischen mehrstimmigen Vocals, warmen Synths und atmosphärischen Arrangements entsteht eine Klangwelt, die verspielt und gleichzeitig erstaunlich direkt wirkt. Auf "9 months & 50 hours" greifen diese beiden Handschriften nahtlos ineinander.
Besonders die Stimmen von Milton und Emilio stehen im Mittelpunkt und treffen auf tiefe Bässe, harmonische Plucks, perkussive Elemente sowie Glitches und Stutter-Effekte. Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke des Mixtapes: Fred again.. und Latin Mafia lassen den kreativen Prozess wie kontrolliertes Chaos aussehen, während daraus Musik entsteht, die erstaunlich mühelos klingt.
Vom Studio ins ausverkaufte Stadion
Am Ende der 50 Stunden steht nicht nur ein fertiges Mixtape, sondern kurz darauf auch ein Stadionkonzert im Palacio de los Deportes in Mexiko-Stadt. Alle 35.000 Tickets waren innerhalb von weniger als 30 Minuten ausverkauft.
Noch beeindruckender wird es, wenn man sich vor Augen führt, was dort gespielt wird: Songs, deren Entstehung man wenige Tage zuvor noch im Livestream verfolgen konnte. Aus den Stimmen und Ideen, die zuvor in einem vergleichsweise kleinen Raum entstanden sind, wird plötzlich ein gemeinsames Erlebnis für Zehntausende Menschen.
@chuchopotts Fred Again • Latin Mafia Palacio de los deportes Te estoy correteando ?️✨ #latinmafia #fredagain ♬ sonido original - potts
Und genau hier zeigt sich, wie stark dieses Projekt funktioniert. Die Idee an sich ist natürlich nicht völlig revolutionär. Livestreams aus Studios und öffentliche Produktionsprozesse gab es bereits. Bei Fred again.. und Latin Mafia fügt sich jedoch vieles zusammen: musikalisches Talent, sympathische Musiker, ein außergewöhnliches Setting und eine Atmosphäre, die sich tatsächlich auf das Publikum überträgt.
Wer den Entstehungsprozess verfolgt hat, hört die Songs anschließend vermutlich anders. Man erinnert sich an bestimmte Momente, Sätze und Ideen. Aus einer Audiodatei wird eine Geschichte, an deren Entstehung man selbst teilhat.
Die vielleicht menschlichste Antwort auf KI-Musik
Wir befinden uns gerade in einer Phase, in der Musikproduktion eine merkwürdige Abkürzung nimmt. KI kann inzwischen in kürzester Zeit Songs generieren, die auf den ersten Blick erstaunlich überzeugend klingen. Ein Prompt genügt, und aus wenigen Worten kann ein Stück entstehen, das Rhythmus, Arrangement, Instrumentierung und Gesang simuliert. Das Problem daran ist nicht, dass eine Maschine einen Beat bauen kann. Das konnte Software schon lange. Die interessantere Frage lautet vielmehr: Was passiert mit der Bedeutung von Musik, wenn niemand mehr wissen muss, warum und wie sie entstanden ist?
"9 months & 50 hours" liefert darauf keine theoretische Antwort, sondern macht den Prozess selbst sichtbar: Man erlebt Umwege, verworfene Ideen, Müdigkeit, Begeisterung und die vielen kleinen Entscheidungen, aus denen am Ende ein fertiger Song entsteht.
Der Livestream wird damit fast zu einem Beweisstück. Er zeigt nicht nur, dass Menschen Musik machen können. Er zeigt, warum wir uns für diese Menschen und ihre Musik interessieren. 50 Stunden lang konnte man dabei zusehen. Und vielleicht ist das die beste Antwort, die Musiker derzeit auf die Frage nach der Zukunft menschlicher Musik geben können: nicht darüber reden, warum Menschen unverzichtbar sind, sondern sie einfach wieder sichtbar machen.

4 Kommentare mit 17 Antworten
Ich liebe alles daran.
Schöne Tücher, aber dann doch auch recht generische Musik.
ich denke problem ist nicht ki aber problem ist kapitalismus
Danke Elmo, ohne den Anreiz viel gewinnen zu können würde niemand mit Suno Müllmusik zu diesem Zweck machen, und auch weniger human slop würde generiert werden ohne Kapitalismus, daher stimme ich dir 100% zu.
ja bruder ich finde manchmal komisch wie du bist gegen impf pflicht und sagst lauterbach ist ein trottel aber bei thema kapitalismus du hast wisdom ohne ende
Ich denke, wenn die AfD die Schulpflicht abschafft, ist der Kapitalismus aufgrund fehlender Zertifikate sowieso endlich im Arsch.
Ist es überhaupt schonmal passiert, dass jemand mit dem typischen Suno-Slop was nennenswertes verdient hat? Um theoreitsch einen Euro auf Spotify zu verdienen, benötigt man zwischen 250 und 370 Streams, allerdings schüttet Spotify das Geld erst dann aus, wenn ein Song innerhalb von 12 Monaten 1.000 Streams erreicht hat, in dem Fall irgendwas zwischen 2 und 3 Euro, bzw. 20 cent ungefähr pro Monat.
Ab September ändert Suno übrigens die Spielregeln. User ohne Bezahl-Account dürfen 7 Songs runterladen, insgesamt, nicht pro Monat. Pro-User stehen 20, Premier-Kunden 60 Downloads pro Monat zur Verfügung. Weitere Downloads können gegen Gebühr dazu gekauft werden.
In diversen Gruppen ist das Geheule jetzt groß, von Leuten, die jammern, dass sie 6.000 "Songs" erstellt haben, und es niemals schaffen, die alle bis September runterzuladen. Als jemand, dem 20 Downloads pro Monat bisher locker gereicht haben sage ich: Es trifft genau die Richtigen.
Auf deine Frage, Ja:
https://www.justice.gov/usao-sdny/pr/north…
Aber das hat er möglicherweise nicht mit Suno gemacht, vielleicht eher mit sowas: https://github.com/ace-step/ACE-Step-1.5
Okay, das war aber wohl ein kompletter Betrug, da er die Songs von Bots, die er selbst eingerichtet hatte, hat streamen lassen. Auf legalem Weg - Songs basteln -> Hochladen -> Hoffen, dass diese von echten Menschen gestreamt werden - dürfte es kaum möglich sein, mit KI-Massenware ausreichend Kohle zu erwirtschaften. Ist aber eh nur noch ein Streit um des Kaisers Bart, da viele Streaminganbieter dem jetzt weitgehend einen Riegel vorschieben.
"Ist es überhaupt schonmal passiert, dass jemand mit dem typischen Suno-Slop was nennenswertes verdient hat?"
Aus mir noch immer etwas schleierhaften Gründen wurde mir vor ein paar Tagen Material der "Band" Eichenblut ausgespielt. Das ist miserabler KI-Rechtsrock, inkl. Stereotypen "Mitgliedern. Sie blonde Frau mit Idealmaßen und er Vikinger mit Muskeln. Wenn du das in den sozialen Medien auscheckst, feiern das Leute und stellen Fragen wie "Wo kann man euch live sehen?". Ich fühle mich seitdem aus verschiedenen Gründen unwohl.
„Aus mir noch immer etwas schleierhaften Gründen wurde mir vor ein paar Tagen Material der "Band" Eichenblut ausgespielt.“
Wahrscheinlich war der Grund, dass jemand dafür bezahlt hat, dass dir das präsentiert wird. Werbung funktioniert, Lügen funktionieren.
Also eine der größeren "Bands", die in einem solchen Zusammenhang genannt werden, sind The Velvet Sundown. Die haben schon recht ordentliche Zahlen, wobei da auch Bot-Verdachte im Raum steheb
https://de.wikipedia.org/wiki/The_Velvet_S…
"Es erschienen drei Alben innert dreier Monate, die Songs wurden auf Spotify monatlich 1,5-Millionenfach abgespielt. Der Musik-Dozent Martin Villiger attestierte der Musik jenes «Mittelmass», welches KI sehr gut kreieren könne. In Schweden, Norwegen und Großbritannien schafften es Songs in die Musikcharts"
Wenn man versucht den Wiki-Artikel auf englisch zu stellen, wird man übrigens direkt zu AI-Slop weitergeleitet.
Weiteres Gedöns (nicht Suno-spezifisch):
"That month in the Netherlands, the AI-generated far-right anti-immigrant protest song "Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC" (We say no, no, no to an asylum shelter) peaked at No. 5 on the Dutch Single Top 100.[131]"
https://pitchfork.com/story/so-is-fenix-fl…
https://www.nme.com/news/music/tyga-hits-b…
Auch schön:
https://www.nme.com/news/music/boy-george-…
Auch in de nederland si d wir nach wie vor mehr:
In antwoord op het succes van het radicaalrechtse lied ontstond een online tegenbeweging waarbij werd opgeroepen het nummer "Vrijheid, gelijkheid, zusterschap" van Sophie Straat zoveel mogelijk te streamen in de hoop de notering van "Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC" in te halen.[11] Er ontstond een strijd tussen deze twee nummers die in het voordeel van Sophie Straat uitviel, haar nummer stond kortstondig op nummer 1 in de Spotify Top 50,[12][13][14] terwijl "Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC" niet verder is gekomen dan een tweede plaats.
Als Antwort auf den Erfolg des rechtsextremen Liedes entstand eine Online-Gegenbewegung, die dazu aufrief, Sophie Straats Titel „Vrijheid, gelijkheid, zusterschap“ möglichst häufig zu streamen, um den Eintritt von „Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC“ in die Charts zu verhindern.[11] Es entwickelte sich ein Wettkampf zwischen beiden Titeln, der zugunsten von Sophie Straat ausfiel: Ihr Lied stieg kurzfristig auf Platz 1 der Spotify Top 50 auf,[12][13][14], während „Wij zeggen nee, nee, nee, tegen een AZC“ sich nicht über Platz 2 hinaussteigern konnte.
"Aus mir noch immer etwas schleierhaften Gründen wurde mir vor ein paar Tagen Material der "Band" Eichenblut ausgespielt. Das ist miserabler KI-Rechtsrock, inkl. Stereotypen "Mitgliedern. Sie blonde Frau mit Idealmaßen und er Vikinger mit Muskeln. Wenn du das in den sozialen Medien auscheckst, feiern das Leute und stellen Fragen wie "Wo kann man euch live sehen?"."
Die Zielgruppe für Rechtsrock ist halt idR auch geschissen dumm, wie man jeden Tag vor allem auf Facebook verfolgen kann.
Die ganzen notgeilen Incel-Böcke die mit Ü40 in ihrer siffigen Plattenbauwohnung hocken schreiben unter die ganzen KI-Videos irgendwelcher leicht bekleideter Weibsen auch immer, dass sie die gerne kennenlernen möchten, und wie toll sie sind.
"Kunst" von einer "Künstlichen Intelligenz" macht die Kunst kaputt! Hab bereits zahlreiche Petitionen unterschrieben, die sich für einen Erhalt von menschgemachter Kunst einsetzten...
Aktuellstes Beispiel: Deutsche Synchronsprecher! Unfassbar, dass Netflix (und sicher auch andere) mit dem Gedanken spielen diese durch KI zu ersetzen.. In so einer Welt will ICH nicht mehr leben!!
Wo ist die Menschlichkeit? Das Herz und die Seele bleibt im kapitalistischen System auf der Straße.. Denkt mal drüber nach..!!
Danke, Siggi, das gibt einen wirklich zu denken.
Naja, Menschen können sehr grausam sein. Kann die KI das aus eigener Ethik heraus auch? Denk mal darüber nach, Siggi.
KI wird garantiert das nächste große Ding werden, welches man in Deutschland in 10 Jahren als "absolutes Neuland" bezeichnen wird.