6. Februar 2026

"Ist es normal? Nein. Ist es cool? Ja!"

Interview geführt von

Seit ihrem Auftritt bei Jimmy Fallon zählt die junge Britin zu den großen Soul-/Pop-Hoffnungen des Jahres. Ein Zoom-Interview über Idole, Outfits und Zukunftspläne.

Neun Uhr Ortszeit in Los Angeles. Bevor die Studioarbeit ruft, nimmt sich Sienna Spiro eine Stunde lang Zeit, um vier Medienschaffenden aus Deutschland nacheinander Rede und Antwort zu stehen. Schließlich dürfen wir uns als eines von drei Ländern auf dem europäischen Festland freuen, im Mai Teil ihrer "The Visitor"-Tour zu sein. Die Kantine Köln ist selbstverständlich seit Langem ausverkauft.

Die 20-jährige Britin, deren Songs an Idole ihrer Kindheit wie Etta James und Marvin Gaye angelehnt sind, genießt ihren aktuellen Erfolg in vollen Zügen. Daran herrscht im Laufe des Gesprächs kein Zweifel. Die Begeisterung, die ihr seit dem Auftritt mit "Die On This Hill" in Jimmy Fallons "Tonight Show" weltweit entgegenschlägt, weiß sie offenbar gut einzuschätzen.

Sienna, du bist derzeit in L.A., arbeitest du dort an deinem neuen Album?

Nicht unbedingt an einem Album. Ich mache einfach Musik, lasse mich inspirieren. Konkrete Pläne für ein Album gibt es noch nicht.

Vor kurzem bist du in der "Tonight Show" vor schätzungsweise einer Million TV-Zuschauern aufgetreten. Wie hat sich dein Leben seit diesem Auftritt verändert?

Ich weiß nicht, ehrlich gesagt war allein der Auftritt an sich schon eine verrückte Erfahrung. Dort aufzutreten war ein lebenslanger Traum von mir. Ich bin mit Jimmy Fallon aufgewachsen, seit ich ein kleines Mädchen war. Ich habe all diese Auftritte und meine Lieblingskünstler dort gesehen – das allein fühlte sich schon wahnsinnig an. Aber zu sehen, wie die Leute eine Verbindung zu meinem Song aufbauen, ist einfach verrückt und toll. Ich bin wirklich dankbar, dass ich das machen durfte.

Man sieht dich oft im Style der 60er Jahre, der Pop-Ära von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood, die ich persönlich großartig finde ...

Ich auch!

Bei Jimmy Fallon hast du zum Beispiel eine Art schwarzweißes Remake der damaligen Papierkleider getragen, bedruckt mit TV-Moderator Johnny Carson, eine Anspielung auf jene Zeit, die das US-Late-Night-Fernsehen geprägt hat. Man hat dich auch schon mal in einem Kleid bedruckt mit den vier Beatles-Köpfen gesehen. Wie entdeckst du diese Outfits?

Das Beatles-Kleid ist ein echtes Erinnerungsstück. Ich hatte es schon ewig auf meinem Zettel mit Outfits, die ich unbedingt mal tragen möchte. Meine Stylistin Edie ist fantastisch, sie hat es gefunden. Das war für den Auftritt in der BBC Live Lounge, was für jeden Briten einfach eine ikonische Sache ist. Wahrscheinlich für jeden, aber ich bin eben mit der BBC aufgewachsen. Das Johnny-Carson-Kleid ist Teil einer größeren Sache, die ich Ende des Jahres enthüllen werde. Ich habe das Kleid zusammen mit Edie entworfen und wir wollten etwas Besonderes für diesen Auftritt kreieren.

Ist es mittlerweile eigentlich schon normal für dich, dass sich viele Designer bei dir melden und du aus einem Pool von Ideen schöpfen kannst?

Ist es normal? Nein. Ist es cool? Ja! Es hat sich so viel verändert. Mein ganzes Leben hat sich verändert, um ehrlich zu sein. Das ist ein Teil davon.

"Ich bin sehr offen, erzähle jedem alles"

Du hast den Auftritt bei Jimmy Fallon im Januar als überwältigenden Augenblick bezeichnet. Davon gab es in den letzten zwei Jahren schätzungsweise einige - kannst du uns von anderen magischen Momenten erzählen?

Als ich letztes Jahr mit Sam Smith bei seiner Residency in New York singen durfte. Das war der schönste Moment meines Lebens, ich konnte es kaum fassen. Ich musste weinen. Und natürlich die Reaktion auf "Die On This Hill" - dass der Song gerade auf Platz 8 steht, ist einfach verrückt. Das sind die Dinge, die mir spontan einfallen, aber es gab noch viele mehr.

"Die On This Hill" hatte für mich schon beim ersten Hören diese spezielle, hymnenartige Qualität, bei der man das Gefühl hat: Das wird riesig. Hattest du als Komponistin beim Schreiben ein ähnliches Gefühl? Merkt man, ob ein Song womöglich sehr viele Menschen erreichen kann?

Ich denke schon. Es war sehr kathartisch und toll diesen Song zu schreiben. Als wir die finale Version mit dem Klavier und den Streichern fertig hatten, da fühlte ich mich extrem damit verbunden. Es hat mich emotional berührt. Es ist ein Gefühl, das ich mein ganzes Leben lang hatte und ich glaube, viele Leute fühlen so, auch wenn nicht oft darüber gesprochen wird. "Die On This Hill" ist mein Lieblingssong von mir selbst und ich bin froh, wie die Leute ihn annehmen.

Es ist ein Song über Loyalität und das Paradoxon der Hingabe zu einer Person. Wie schwer ist es für dich, Menschen zu vertrauen und sich zu öffnen, wo du jetzt eine prominente Sängerin bist?

Ich bin eigentlich immer noch dieselbe. Ich bin sehr offen, erzähle jedem alles. Aber wie du sagtest, in dem Song geht es um hartnäckige Liebe, darum, für Leute da zu sein, die einen nicht wirklich sehen und nicht dasselbe für einen tun würden. Das geht über Liebe hinaus, es betrifft auch Freundschaften, Familie, alles Mögliche. Ich bin eine sehr leidenschaftliche Person, mir liegen Dinge sehr am Herzen. Früher war mir das manchmal peinlich. "Die On This Hill" fühlt sich an, als hätte ich diesen Teil von mir zurückgeholt. Es hat lange gedauert, das so in Worte zu fassen.

Wir haben schon über Ruhm gesprochen. Hast du überhaupt die Zeit, dich mal hinzusetzen und Revue passieren zu lassen, was in den letzten Jahren passiert ist?

Das mache ich quasi gerade jetzt. Aber grundsätzlich: Jein. Es ist schwer, darüber nachzudenken, weil es einfach so irre ist.

Du hast mit zehn Jahren angefangen, Songs zu schreiben. Jetzt arbeitest du mit einem kleinen Team zusammen. Hat sich deine Arbeitsweise im Vergleich zu früher sehr verändert?

Ich liebe es, mit anderen Leuten zu arbeiten. Da ich selbst kein Instrument wirklich spielen kann, ist es ein Privileg, mit Menschen zu arbeiten, die das können. Die Arbeit im Team lässt Funken sprühen, man kann Ideen hin- und herwerfen und voneinander lernen. Und je älter man wird, desto ehrlicher wird man auch zu sich selbst und versteht die Dinge besser.

Hast du diese Leute in London getroffen, wo du aufgewachsen bist?

Eigentlich erst, als ich nach L.A. gekommen bin. Der Typ, mit dem ich am meisten arbeite, heißt Omer Fedi. Wir haben musikalisch sofort harmoniert. Ich habe ihn hier vor ein paar Jahren über einen Freund kennengelernt.

"Ich wollte nicht, dass mich jemand ansieht"

Du hast dank TikTok ein sehr junges Publikum. Ist es interessant, auf der Bühne zu stehen und deine Fans im echten Leben zu sehen?

Jedes Mal! Auf der Bühne zu stehen ist der Moment, in dem ich am präsentesten bin und wirklich eine Verbindung zu den Menschen spüre. Es ist natürlich toll, hohe Chartplatzierungen zu haben, aber das ist nichts im Vergleich zu dem Moment, wenn man die Leute persönlich sieht. Das ist der Moment, wo man wirklich denkt: "What?"

Ich habe Konzertausschnitte mit sehr jungen Leuten in den ersten Reihen gesehen. Letztes Jahr hast du in der Schweiz beim Montreux Jazz Festival gespielt, wo auch viele ältere Besucher waren. Gibt es Unterschiede für dich bei Konzerten in verschiedenen Ländern?

Ich denke schon. Aber ich habe noch nicht genug Konzerte gespielt, um das final beurteilen zu können. Der größte Unterschied war bisher auf der Tour mit Teddy Swims in Mittelamerika, weil die Leute dort meinen Akzent beim Sprechen kaum verstanden haben. Aber sonst finde ich, dass jedes Publikum anders ist, sogar in derselben Stadt, wenn man zweimal spielt.

Am Anfang deiner Karriere war es dir unangenehm, dich auf der Bühne zu bewegen. Ist das über die letzten Monate besser geworden?

Definitiv. Ich bin viel selbstbewusster geworden. Als ich jünger war, war ich so schüchtern, ich wollte nicht mal, dass mich jemand ansieht. Eine Zeit lang konnte ich nur im Sitzen singen. Aber meine Beziehung zur Bühne ist gewachsen.

Was ist der Unterschied zwischen einer TV- und einer Konzertbühne?

Im Fernsehen ist der Druck größer, weil man nur einen Versuch hat. Wenn man es vermasselt, bleibt das für immer. Bei einem Konzert fühle ich mich viel freier, denn ich bin mit den Leuten verbunden, ich sehe sie. Und wenn man sich verspricht oder versingt, ist das okay.

Dann muss ich natürlich fragen: Wie zufrieden warst du mit deinem Auftritt bei Jimmy Fallon?

Oh, das war das erste Mal überhaupt, dass ich mit etwas von mir zufrieden war.

Deine komplette Tournee war sofort ausverkauft. Gibt es jetzt Pläne für Zusatzshows?

Ich versuche es! Ich weiß nicht, warum es so schwierig ist, aber ich versuche es wirklich.

Du kommst im Mai wieder nach Deutschland, diesmal nach Köln. Letztes Jahr warst du in Berlin – das war deine erste Show in Deutschland, oder?

Nein, ich habe tatsächlich schon zwei Konzerte in Berlin gespielt. Aber ja, es war toll. Ein ganz anderes Publikum, sehr empfänglich. Die letzte Show in Berlin war bestuhlt. Normalerweise singen die Leute viel mit, was ich liebe, aber in Berlin ist mir aufgefallen, dass sie mehr zuhören. Das ist für mich fast nervenaufreibender, weil man sich wirklich beweisen muss.

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