laut.de-Kritik
Gefährlich und unberechenbar - so geht moderner Hardcore.
Review von Steffen EggertBam! Da haben wir den Salat in Form des zweiten Albums der kalifornischen Barbaren-Clique um Aaron Bruno. Der Awolnation-Frontmann schart erneut ehemalige sowie aktive Mitglieder seiner Hauptband um sich, um der Hardcore-Welt (im weiteren Sinne) das Fürchten zu lehren. Drastische Worte, voll genommener Mund, schon klar, aber "Megatons" fühlt sich tatsächlich an wie eine kräftige Schelle, ausgeführt mit einem stählernen Handschuh.
In nur 27 Minuten brennen die Barbarians Of California hier ein derart vielseitiges und unvorhersehbares, aufregendes, wahnsinnig vielschichtiges Feuerwerk ab, das jeden Zweifel am vermeintlich ausbleibenden frischen Wind in der Szene augenblicklich davonscheucht. "Back To The Valley" stampft direkt wie ein angestochenes Ungetüm in den Raum und erfüllt ihn mit allerhand Rhythmen, thrashigen Riffs und den ersten, noch etwas verhalten zur Schau gestellten Grooves.
Anders als man es vielleicht erwarten könnte, gipfelt das mit derbem Geschrei versehene Geballer aber nicht in einem harmonischen oder gar hymnischen Chrous, sondern in angenehm bekloppte, kaum erkennbar artikulierte Dada-Rufe und einem gebetsmühlenartig heruntergebeteten Mantra mit rekordverdächtig kurzem Piano-Outro. Bevor man die Zeit zum Staunen nutzen kann, sitzt man direkt in der "Gnarleycore Class" und erliegt kurz darauf dem eigenen Bewegungsdrang. Die Riffs kommen fetter, die Grooves tiefer, alles erweitert um Tempiwechsel und stellenweise geisteskrankes, aber perfekt zu den Klängen passendes Gekreische. "I want the impossible / Dance sucker, dance sucker / Everybody move." Jawoll, geht klar.
Nu Metal ist in den meisten Fällen völlig zurecht ausgestorben, aber hier buddeln ihn die Barbaren wieder aus, entstauben ihn und wagen die Wiederbelebung. Songs wie "Bomb To A Knife Fight“ oder das treffend betitelte "Earthquake" erinnern an die guten Seiten des Genres, mit all den tiefen, derben Riffs, dem wenig aufdringlichen Sprechgesang (Rap wäre übertrieben) und den überraschenden und zugegeben manchmal verwirrenden Whoos. Um nicht zu aufdringlich an die Vergangenheit zu erinnern, lockern dissonante Black Metal-Sprenkel, Industrial-Anleihen und allerhand schrullig gestreute Sounds das Geschehen auf.
Mit "Really Really Rad" gehen den Kaliforniern endgültig die Gäule durch. Ein Stilsammelsurium irgendwo zwischen Punk, Hardcore, Stoner, Sludge und 80s Dancegedengel, einem höllisch anmutenden Chor und drogig schiefen Gesangsanteilen, bei dem es einem schier bang wird beim Bangen. Manchmal fühlt man sich gar an die Herren von System Of A Down in ihren schrägsten Stunden erinnert, etwa beim ebenso bekloppten "This Is Shredical".
Anspieltipps sind die Instant-Evergreens "Vanilla Latte" ("You don't believe in the devil / but the devil believes in you" - genial) und "Modern Fashion", die durch wilde Rhythmuswechsel und einem deutlichen Maß an manischem Wahnsinn hervorstechen. Vor allem letzterer überrascht mit klaren Shouts über richtig geilen Melodic Death Metal-Licks und unterstreicht erneut die gebotene Stilvielfalt.
Neben zwei entrückten Skits in Form eines Vortrags über Sprengstoff zum einen und der Empfehlung, seine Platten im Keller zu verstecken zum anderen, verstört (hier positiv) die zerbrechliche Ballade "Shark Out Of Water". Virtuos, dramatisch, harmonisch und mit hervorragenden, cleanen Vocals. "I Am The Submarine" zerschießt am Ende den vielleicht vermuteten Ernst des Albums. Auf so ein innovatives, fettes und lebendiges Stück Hardcore haben wir gewartet. Danke dafür!


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