laut.de-Kritik

Im Alter cruist man nicht mehr so schnell über die Meere des Metal.

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Die schwedischen Death Metaller ehren Rock'n'Rolf. Der Opener "Gjallarhorn" taucht tief in jene Harmonien ein, die Running Wild zu "Death Or Glory"-Zeiten perfektionierten. Besonders Chöre und Riffs erinnern stark an die Hamburger Piraten, nur dass über allem natürlich Johan Heggs mächtiges Organ grollt.

Die Melange aus klassischem Heavy Metal, Death-Growls und epischen Melodien fahren Amon Amarth nun schon seit weit über einem Jahrzehnt. Mit den Jahren ließen sie dabei den Death Metal immer weiter hinter sich. Bei den Fans kam das längst nicht immer gut an. Gerade die letzten Werke klangen teilweise zahnlos und repetitiv. Im Grunde war "Deceiver Of The Gods" 2013 der letzte wirklich große Wurf der Band – ganz zu schweigen von Klassikern wie "With Oden On Our Side" oder "Twilight Of The Thunder God". Für ihr 13. Album "The Allfather Awakens" haben sich die Schweden nun offenbar einiges vorgenommen. Der Opener ist nur der Startpunkt für eine ausgesprochen starke erste Hälfte.

"Gjallarhorn" ist einerseits klassisch Amon Amarth, setzt mit seinen bekannten Chords und großen Melodien aber dort an, wo "Twilight Of The Thunder God" einst Maßstäbe setzte. Eingängig, hymnisch, sofort wiederzuerkennen – und mit etwas mehr Biss als zuletzt. "Eight Legs Of Thunder" galoppiert los wie Iron Maiden. Hegg grunzt aus den tiefsten Tiefen, darüber duellieren sich die Gitarren in fast schon Priest-artigen Soli. Der große Refrain geht sofort ins Ohr. Inhaltlich dreht sich alles um Sleipnir, Odins achtbeiniges Ross, das Amon Amarth bereits 2002 auf "The Sound Of Eight Hooves" besungen hatten.

Dann kommt mit "Kvasir's Blood" der beste Track des Albums. Hart und bedrohlich stapft der Beat wie ein Wikingerheer unaufhaltsam durch tiefen Morast. Tiefe und hellere Growls wechseln sich ab, ein heftiger Abgehpart steigert die Spannung weiter, bevor eine melodisch-epische Bridge den Song aufreißt. Am Ende tragen ihn Streicher beinahe federleicht davon. Johan Hegg erzählt dazu eine brutale Geschichte von Mord und Verrat; gerade die geflüsterten Passagen erhöhen die Intensität. Amon Amarth können ihrem Manowar-Death-Metal auch nach über 30 Jahren noch neue Facetten abgewinnen.

"We Rule The Waves" ist ein klassischer Mitgröhl-Track – doch dann knistert das Lagerfeuer im Langhaus. "Upphaf" ist der erste komplett akustische Song der Bandgeschichte. Wandergitarre und zurückhaltende Growls stimmen ein, Chöre und Streicher folgen, ohne die intime Atmosphäre zu zerstören. Im Studio hatten Amon Amarth zunächst mit Clean Vocals experimentiert – zum Glück blieb es beim Experiment.

Dan Swanö hatte mit Witherscape und "Marionette" ja längst die Frage beantwortet, ob Growls und Balladen zusammen funktionieren – das tun sie. Und so gehört "Upphaf" zu den absoluten Höhepunkten des Albums. Durch den warmen, fast analogen Klang sitzt man noch dichter als bei allen Schlachtliedern und Gottesanbetungen im Kreis der Wikinger einer längst vergangenen Zeit.

Mit "Die With A War Cry" wird anschließend wieder die Axt ausgepackt. Tonnenschwer schleppt sich der Track wie Lava voran – bedrohlich und düster, mit deutlich mehr Thrash- und Death-Metal-Wurzeln und weniger klassischem Heavy Metal. Überhaupt strahlen Amon Amarth auf "The Allfather Awakens" im Gegensatz zu den Vorgängern wieder eine gewisse Bedrohung aus. Trotzdem fällt der Song gegen die überragende erste Albumhälfte bereits etwas ab.

"Raven God" strengt sich hörbar an, wieder an frühere Tage anzuknüpfen. Die Gitarren funktionieren, der Marschrhythmus ebenfalls. Der Refrain gerät jedoch arg schlageresk. Man kann sich förmlich vorstellen, wie beim Festival Zehntausende Arme gleichzeitig von links nach rechts schunkeln. Dem Metal Hammer gefällt genau das und hört darin sogar die Tradition von "Cry Of The Black Birds". Das sagt am Ende natürlich mehr über die Bunte des Metal aus als über den Song.

Beim Quasi-Titeltrack "The Allfather Awakens" treiben plötzlich Synthies den Song voran. Sabaton coverten einst "Twilight Of The Thunder God", nun lehnen sich die Death Metaller an den pumpenden Boogie-Woogie-Metal der Schweden an. Produzent Jacob Hansen, der erstmals mit der Band arbeitete, drückt dem Song besonders deutlich seinen modernen, glasklaren Stempel auf.

Amon Amarth bleiben bislang hartnäckig im Midtempo. Im Alter cruist man eben nicht mehr ganz so schnell über die Meere des Metal. Das ist auch der größte Schwachpunkt des Albums: Trotz der stilistischen Details fehlt es zunehmend an Dynamik. Erst bei "Oden's Hunt" setzen die Schweden wieder die vollen Segel. Hier wäre der Vergleich zu "Cry Of The Black Birds" durchaus angebracht gewesen.

"Ascending Like An Eagle" zieht sich zum Abschluss noch einmal auf fast sieben Minuten, schichtet Epik auf Epik, Gitarren auf Pathos und Pathos auf noch mehr Pathos, ohne dass der Funke überspringt. Zwiegespalten wie ein Kopf nach einer mittelalterlichen Axtbehandlung sucht man am Ende die richtige Einordnung ins Schaffen der Band. Wo landet "The Allfather Awakens" nach einer bärenstarken ersten und einer deutlich schwächeren zweiten Hälfte?

Dank des Mutes und der wiedergefundenen Boshaftigkeit der ersten Songs verdrängt es "Jomsviking" von 2016 und ist damit das beste Amon-Amarth-Album seit "Deceiver Of The Gods" vor 13 Jahren. An die großen Fünf kommt es trotzdem nicht heran: "With Oden On Our Side", "Twilight Of The Thunder God", "Deceiver Of The Gods", "Once Sent From The Golden Hall" und "Versus The World" bleiben in genau dieser Reihenfolge unerreicht.

Trackliste

  1. 1. Gjallarhorn
  2. 2. Eight Legs Of Thunder
  3. 3. Kvasir's Blood
  4. 4. We Rule The Waves
  5. 5. Upphaf
  6. 6. Die With A War Cry
  7. 7. Raven God
  8. 8. The Allfather Awakes
  9. 9. Oden's Hunt
  10. 10. Ascending Like An Eagle

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