laut.de-Kritik
Chöre, Riffs und Bridges: Top-Notch-Material.
Review von Stefan JohannesbergKai dreht frei. Spätestens bei "Invaders" schwingt die Hüfte zu Electro-Grooves, während Tausendsassa Kai Hansen ins Mic schreit, als würde er sich an "Walls Of Jericho"-Zeiten erinnern. Damals stand noch ein "Metal" vor "Invaders" und riss als Speed-Hymne mit irren Bassläufen alle Mauern ein. Auch der Refrain atmete damals die bier- und tabakgetränkte Luft des Metal-Proletariats. "Metal invaders, the gods on their ride / Sworn to bring metal, mayhem tonight".
2026, über 40 Jahre später, bringt Hansen wieder Metal-Mayhem. Die schon lange verschwundene Wildheit des Debüts ersetzt das Helloween- und Gamma-Ray-Mastermind auf seinem zweiten Soloalbum "Born With A Hammer" mit Style-Overload. Wie eine menschgewordene Musikbox krakeelt er sich durch unzählige Genres, meistens innerhalb desselben Songs. Die Ideen sprudeln aus ihm heraus wie Blut aus offenen Halsschlagadern in "Halloween 4". Die Stücke entstanden nach seinem ersten Soloalbum "XXX – Three Decades In Metal", das er noch klassisch mit vielen Stargästen aufnahm. Heute greift er auf eine feste Truppe um Carcass-Drummer Dan Wilding, Heaven-Shall-Burn-Gitarrist Alexander Dietz, Dark-Age-Gitarrist Eike Freese sowie seinen Sohn Tim Hansen (Induction) an der Gitarre zurück.
Der Opener "Feeding The Beast" eröffnet den irren Reigen noch klassisch. Nach einem epischen Keyboard-Intro – "... holding the key to the After Life Door ..." – steigert sich der Song zum Midtempo-Rocker mit bombastisch-melodischem Mittelteil. Bemerkenswert fallen dabei die vielen Tempowechsel zwischen Half-Time und Doublebass ins Ohr. Auch die Chöre, Riffs und Bridges sind wie immer Top-Notch-Material.
Die erste dickere Überraschung springt mit "Welcome To Life" als Hybrid aus Melodic-Core und Funpunk in bester Pogo-Manier hinterher. Hansen zelebriert hier seine Liebe zum Punk und überwindet so spielerisch alle Genregrenzen, dass der Track trotz kompletter Überladung und Zeilen wie "This is my soul, my rock and roll / Welcome to life / The time was long; here is my song / Welcome to life" funktioniert.
Wenn Kai schon einmal die wahren Headbanger:innen vors Schienbein klotzt, dann richtig. "Don't Care" startet mit Synthies Richtung Electric-Callboy-Schlager-Metal, entwickelt sich dann jedoch mit Goth-Imitation zum Saltatio-Mortis-Rocker, der mit einem wunderbaren Refrain und einem "Waving Your Hands"-Part jede Wacken-Disco kapert. Das alles ist natürlich stets knapp vor cheesy, aber musikalisch immer zu gut, um sich zu schämen.
Leider gibt es einen großen Kritikpunkt, der den Replay-Value drastisch verringert: Hansens Gesang. Die einstige Aggressivität gibt seine Stimme schon lange nicht mehr her. Zu dünn und gepresst versinkt sie in den bombastischen, überraschenden Kompositionen. Das mag als knarziger Gegenpol zu Weggefährten wie Kiske oder Scheepers seine Berechtigung haben, für den Modern Metal auf "Wait And See" oder den komplett vogelfreien "A Night At The Opera"-Gedächtnistrack "Born With A Hammer" fehlt einfach das Volumen.
Seinen Sweet Spot findet Kai immer dann, wenn er sich eng an den Melodic Rock kuschelt. Auf dem Glam Metal von "I.D.G.A.F." erinnert er an Alice Cooper zu "Trash"-Zeiten. Auch der harmonische Highway-Rocker "End Of The Road" passt.
Am Ende von "Born With A Hammer" bleibt man zwiegespalten zurück. Irgendwie fühlt man, mit Kai Hansen einen der größten Metal-Songwriter vor sich zu haben – und trotzdem finden die Tracks nur selten den Weg in die Hot Rotation.


1 Kommentar mit einer Antwort
Top-Notch-Material: 3/5
isso. Aber irgendwie auch nicht...