Eine Aktivistin erzählt vom "Leben und Schicksal in Putins Russland", von Unterdrückung und Widerstand, Haft und Flucht. Ein beklemmender Erfahrungsbericht.

Moskau (dani) - 2012 erlangte das Künstlerinnen-Kollektiv Pussy Riot schlagartig Berühmtheit: In der russisch-orthodoxen Christ-Erlöser-Kathedrale führten sie einen Protestsong gegen die Wiederwahl Wladimir Putins auf. "Jungfrau Maria, verjage Putin", flehten die Aktivistinnen und erzürnten damit gleichermaßen Kirche und Diktator. Dass das nicht folgenlos bleiben konnte, muss insbesondere den drei Frauen, die das "Punkgebet" gen Himmel schickten, klar gewesen sein: Umgehend wurden sie verhaftet, des "Rowdytums" beschuldigt, nach quälend langer Untersuchungshaft endlich vor Gericht gestellt und verurteilt. In Maria Aljochinas Fall bedeutete das: zwei Jahre Haft in einer Strafkolonie, sie ist fortan eine "Politische".

In "Political Girl" (Berlin Verlag, 528 Seiten, gebunden, 26 Euro) erzählt Aljochina ihre Geschichte. Besonders aufmerksam zuhören sollten diejenigen, die den Wert von Demokratie, Kunst-, Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu vergessen drohen. Wie rasend schnell erodieren kann, was unerschütterlich schien, zeigt sich aktuell in den USA, und auch hierzulande laufen die Leute scharenweise Rattenfängern nach, die dem russischen Präsidenten mehr oder weniger offen in die Hände arbeiten. Vielleicht ganz sinnvoll, wenn wir uns schon einmal eine Vorstellung davon verschaffen, wie das so aussieht, so ein "Leben und Schicksal in Putins Russland". Diversen AfD- und Wagenknechten möchte man dieses Buch jedenfalls schwungvoll in die Hälse stopfen. Quer.

"Ich will hier nicht weg!"

Aljochina beginnt ihren Erfahrungsbericht mit einem Schrei: "Ich will hier nicht weg, nur wegen Putins Amnestie!" Während ihrer Gefangenschaft war sie zeitweise in den Hungerstreik getreten, um gegen die unzumutbaren Haftbedingungen und ständigen Schikanen zu protestieren, denen die Häftlinge ausgesetzt waren. Bis März 2014 hätte sie eigentlich absitzen müssen, Ende 2013 kommt sie vorzeitig frei, auf Putins gnädiges Geheiß hin entlassen in eine Freiheit, die längst keine mehr ist.

Es ist gut, dass Maria Aljochina ihren Bericht in winzige Häppchen gliedert, mal eine Drittel-, mal eine halbe, allerhöchstens eine Seite lang. Ihre wahrhaft zermürbende Erzählung ließe sich anders kaum aushalten. Als verurteilte Kritikerin des Systems steht Aljochina natürlich auch nach ihrer "Frei"lassung unter ständiger Beobachtung. Dass es nicht gelungen ist, sie zu brechen, muss Putin und seinen Helfer*innen ein schmerzender Dorn im Auge gewesen sein: Statt klein ⁷beizugeben, engagiert sich Aljochina weiter, setzt sich fortan insbesondere für Gefangenenrechte ein. Sie bleibt auch in den Reihen von Pussy Riot aktiv, ungebrochen ein "Political Girl", und sitzt bald wieder im Hausarrest.

Währenddessen zieht sich die Schlinge um sie herum immer weiter zusammen. Ob sie ihre Bekanntheit schützt oder besonders zur Zielscheibe macht, lässt sich kaum unterscheiden. Die Gesetze werden restriktiver. Demonstrationen sind bald verboten, einzeln darf zunächst noch protestiert werden, jedoch nicht mehr lange. Bald steht nicht nur unter Strafe, sich mit einem Schild auf die Straße zu stellen, sondern das Schild auch nur zu malen. Aktivist*innen werden ununterbrochen bespitzelt, aus kleinstem oder komplett vorgeschobenem Anlass verhaftet, in Arrest gesteckt und bei ihrer Freilassung direkt wieder verknackt - im besten Fall. Gefangene berichten (so sie es noch können) von Misshandlungen, Schlägen, Folter in russischen Gefängnissen. Dass Putins Regime auch nicht davor zurückschreckt, Oppositionelle zu ermorden ... der Name Nawalny allein spricht davon Bände.

"Political Girl" lässt all diesen Horror sehr nahe heranrücken. Maria Aljochina ist, abgesehen von ihrem bewunderswerten Mut, eine wie du und ich. Sie schreibt vollkommen ungekünstelt, in klaren, einfachen Worten das auf, was ihr widerfährt. Man spürt förmlich, wie diese geschundene Frau mehr und mehr zu zerbrechen droht, aufgerieben zwischen der Liebe zu ihrem Sohn und ihrer Partnerin (denen sie sich wegen ständiger Gefängnisaufenthalte zunehmend entfremdet), zu ihrem Land (das sie partout nicht im Stich lassen will) und dem puren Selbsterhaltungstrieb, dessen Stimme lauter und lauter wird.

Intellektuell, kulturell, menschlich: Russland blutet aus

Aljochinas wachsende Verzweiflung darüber, Freund*innen und Gleichgesinnte nach und nach abwandern, ihre Heimat intellektuell, kulturell und menschlich ausbluten zu sehen, während sie selbst immer stärker vereinsamt, lässt sich schier mit Händen greifen. Zugleich versteht man, warum sie sich so lange beharrlich weigert, selbst zu gehen: Gut möglich, dass sie einen Großteil der Kraft, die es sie gekostet haben muss, so lange durchzuhalten, aus Trotz und dem schieren Unwillen gezogen hat, Putin und seinen Schergen das Feld zu überlassen, ihr Feld, ihr Land, ihre Heimat.

Maria Aljochina, man kann es nicht oft genug wiederholen, ist eine unfassbar mutige Frau. Länger als die meisten anderen widersetzt sie sich der allgegenwärtigen Propaganda. Die perfiden Zermürbungstaktiken fordern ihr jedoch buchstäblich alles ab: Beziehungen zerbrechen. Freund*innen kommen ums Leben. Andere verlassen das Land, um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen.

Letzter Ausweg: Flucht

Am Ende kann auch sie nicht mehr: Nach massivem Zureden und mit viel Planungshilfe aus ihrem Umfeld flieht Maria Aljochina in einer Uniform eines Lieferdienstes aus ihrem Hausarrest und setzt sich über Belarus nach Litauen ab. Am Ende ihrer Flucht, dem Beginn ihres Exils, sagt sie zu einem Grenzsoldaten: "Schauen Sie mich einfach an." Macht das, und vor allem: Hört ihr zu. Diese Frau weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt:

"Nur wenn die Archive geöffnet werden, wenn wir sehen, wie viele Leben hinter diesen Mauern ausgelöscht wurden, wenn diese Gräueltaten in den Schulen unterrichtet werden, nur dann wird in Russland das Recht des Stärkeren, wird die Herrschaft mithilfe von Furcht und Gleichgültigkeit enden. Denn die wahre Macht gehört nicht denen, die Helme und Stöcke tragen. Die wahre Macht gehört denen, die menschlich bleiben."

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Maria Aljochina - "Political Girl: Pussy Riot"*

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laut.de-Porträt Pussy Riot

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