Das neue Album "Frieden" wirft seinen Schatten voraus. Für die erste Single hat sich der Berliner frisch zurecht gemacht. Kuck auf die Goldkette!
Konstanz (dani) - Konfettikanonen raus! Sido ist zurück! Freut ihr euch auch so? Sein letztes Album "Paul" erschien vor vier Jahren. Im schnellebigen Popmusikgeschäft sind das locker eineinhalb kleine Ewigkeiten. Sido ist aber, gefühlt zumindest, immer medial präsent geblieben. Nun ist er, wie gesagt, aber tatsächlich zurück, hat, was Berufsmusiker halt so tun, ein neues Album angekündigt und die erste Single daraus mitgebracht. "Issa", bitteschön:
Tja. Was soll ich sagen? Ich verachte alles daran und weiß gar nicht wirklich, womit ich anfangen soll. Vielleicht beim Beat? Der regt mich an der ganzen Geschichte noch am wenigsten auf. Ein gottverdammter Glockenbeat, also. Na, gut. Es gibt Schlimmeres.
Der Text geht mir weit mehr auf den Senkel, und das von Beginn an. "Sie alle nennen mich Legende", ja, gähn. Selbst, wenn das stimmen mag: Müssen sich echte Legenden wirklich ein Schild mit "Legende!" drauf umhängen, damit man sie als solche erkennt? Falls ja: Wie ermüdend muss es bitte sein, die eigenen Lorbeeren immer erst frisch aufschütteln zu müssen, ehe man sich darauf niederlassen kann? Das war Zeile eins, und ich langweile mich jetzt schon. Komm, Sido: Gib mir mehr!
Originell, originell!
"Ich bin der beste deutsche Rapper." Ach, Gottchen. Echt wahr? "Ohne Wenn und Aber." Okay, offenbar hat irgendjemand mit Definitionsmacht entschieden. Dann brauch' ich mit meiner alten Litanei ja gar nicht zu kommen, dass ich Sido nie für einen Flowgott gehalten habe, und seine Delivery niemals für technisch besonders anspruchsvoll und/oder beeindruckend. "Für dich bin ich 'ne Nummer zu groß – Balenciaga." Isso, offenbar. Gegen den Nachdruck, den ein zusammenhanglos hintendran würfelgehusteter Markenname einer Behauptung verleiht, komm' ich wirklich nicht an. "Sag den Kindern, I did it my way". My way, wie ... na? NA? "Frank Sinatra." Hallelujah. Wissen wir das auch. Es ist so originell.
Kuck auf die Goldkette!
Es folgt, ähnlich ausgelutscht, ein bisschen Origin-Story des Kalibers "From rags to riches", das in der Erklärung mündet: "Darum trag' ich еin'n Rosenkranz." Ja, stimmt, wär' sonst ja kaum aufgefallen: Kuck auf die Goldkette! Der Mann hat ein güldenes Kruzifix um den Hals hängen. Hat er zu Gott gefunden? Heißt der Track etwa deswegen "Issa"? Sieht so aus: "Meine Koffer sind gepackt, ich nehm' den nächsten Flixbus. Da mach' ich's mir bequem, direkt neben Jesus Christus, da herrscht Frieden, Dicka."
Hätte ich religiöse Gefühle, ich wäre wahrscheinlich ganz schön angefressen, wie da jemand den Namen des Herrn, meines Gottes, unnützlich führt. Ich wäre außerdem gespannt, ob dieser fortwährende Bruch des ersten Gebots nun wirklich, wie verheißen, geahndet wird und der Herr den Missbrauch seines Namens tatsächlich nicht ungestraft lässt. Christ*innen da draußen, helft mir mal: Wie findet ihr das denn so, wenn Typen, die offensichtlich ums Goldene Kalb tanzen, sich demonstrativ euren Heiland um den Hals binden? Ich kann das leider nicht beurteilen, mich befremdet dieses ganze Religions-Revival allüberall in seiner Gänze zutiefst. Was passiert hier eigentlich? Lasst uns uns wieder an ein altes Märchenbuch klammern, statt wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen, hä? Yay! Rücksturz ins Mittelalter. Wer kommt mit?
Neue Verschleierungstaktik
Über den komischen Move mit der Maske, speziell mit diesem Ding, habe ich mich ja gestern bereits gewundert. Ich versteh' es nicht. Ums Anonymität-Wahren kanns nicht gehen, wenn man inzwischen zehn Jahre und länger seine unverschleierte Fresse in jede Kamera gehalten hat. Um einen coolen Look kanns auch nicht gehen, wenn man sich so ein wahrhaftig billig wirkendes Plexiglasteil vors Gesicht schnallt. Warum also nur?
Sidos Promo-Team hat derlei Fragen offensichtlich vorausgeahnt und eine Antwort formuliert, die ich euch keinesfalls vorenthalten will. Festhalten!
"Im ersten Video zum Album zeigt Sido die neueste Variante seiner Maske. Es ist die ikonische Form, die sich über zwei Jahrzehnte ins kollektive Bewusstsein dieses Landes eingebrannt hat; die Kreuzung aus Totenkopf und Mikro, mit der eine ganze Generation aufgewachsen und schließlich erwachsen geworden ist. Neu ist: Die Maske ist komplett durchsichtig. Da ist kein Verstecken mehr, kein Verstellen – nur Transparenz und offenes Visier von einem, der mit sich im Reinen ist und seine Leute, also uns alle, daran teilhaben lässt. Der Song in dem Video, 'ISSA', blickt auf Sidos Leben aus der Jetzt-Perspektive. Die Narben und die Lows sind noch da, aber sie gehören eben dazu wie die heilenden Highs. Die Maske spiegelt diese Botschaft. Sie ist kein Schutzschild mehr, eher ein Symbol des Triumphs über die eigenen Dämonen. Sie steht nicht mehr zwischen Sido und der Welt da draußen, sondern lädt ein in die Welt da drinnen: eine Welt, in der Frieden möglich ist."
Ahhh, es ist so deep.
Auch das noch!
Als hätte mich dieser ganze Track nicht schon genug abgefuckt, kommt Sido am Ende auch noch mit meinem persönlichen Kryptonit ums Eck: Kinder! Wenn du mich quer durch die Republik jagen willst: Zerr' deine Brut vor Mikrofon und Kamera, das wirkt immer. Auch, wenn alle Eltern ihre Kids immer für etwas ganz besonderes halten (was sie ja auch SIND): Für jeden sonst klingen sie in aller Regel bestenfalls egal, meist aber einfach todesnervig. Herzliches Beileid, Nepo-Baby, dass du da zum Mimime deines Vaters aufgebrezelt wurdest: Ich versteh' deinen freudlosen Gesichtsausdruck voll und ganz. Wer will schon ein Accessoire sein?
Bleibt die Frage: Ist das das schlimmste Feature, oder doch die angedrohte Mittäterschaft von Xavier Naidoo? Diese Frage klären wir allerspätestens am 27. November. Dann erscheint "Frieden", das Album.


























4 Kommentare mit 3 Antworten
Ich denke schon, dass man sich selbst "Legende" nennen kann, wenn man das möchte und es zudem Hinweise in der Bevölkerung dafür gibt, dass man eine solche ist. Falsche Bescheidenheit war ja auch im Grunde seine Maske, die er jetzt abgenommen hat, um endlich seinen "Frieden" zu finden. Für mich eine absolute Legende. Vor allem auch deswegen, weil er aufzeigt, dass Deutschland ihn als Gegenspieler zu Mark Forster sieht. Damit ist alles gesagt und wie gesagt: Legende, Ende.
Warum nicht einfach alle alten Alben neu aufnehmen, jeden Track mit * (Paul's Version) versehen und ordentlich abcashen. Die Musik ist doch eh komplett egal.
Erstmal wow, ich dachte Sidos letztes Album wäre gar nicht mal so lange her, aber es sind schon wieder vier Jahre vergangen. Und wenn man sich die Reviews von "Paul" anschaut und dann diesen Track anhört, wird hier wieder eines deutlich: Es geht schon wieder darum, wie erwachsen Sido in der Zwischenzeit geworden ist.
Machen die das mit Absicht? Das fällt mir auch schon Kool Savas auf, der ja auch inzwischen mit größeren Abständen released und jedes Mal ist eine Single dabei, wo grundsätzlich nichts anderes gesagt wird, dass er ein Pionier der Szene war. Hat Savas nicht auch mehrere Videos, wo dann alte Weggefährten für Nostalgiegefühle demonstrativ vor die Kamera gehalten werden?
Beide sollten vielleicht mal darüber nachdenken, beim nächsten Mal ein Konzeptalbum oder Thementracks zu machen, wo es nicht um sie geht.
Ich finde, sie sollten 12 Songs über Campino schreiben. Dann würde ich es auch kaufen.
Ein investigativ-journalistisches Diss-Album von Savas und Sido darüber, dass Campino mit seinem Bruder nur ein neoliberaler Kapitalist ist und nie ein echter Punk war, hätte mit den richtigen Beats tatsächlich die Chance, auch für mich ein Album des Jahres zu werden.
this. ich hatte schon irgendwas getippt, von wegen "wieso zurück, 'paul war doch gerade erst", und dann erst nachgeschaut, wie lange das schon wieder her ist.
campino-enthüllungs-konzept-album: kommt mir auch um welten spannender vor als "ich bin legende, früher hatte ich nix, heute bin ich reich und religiös, und, guck, die frucht meiner lenden!"
"Ich bin der beste deutsche Rapper."
Nun, so krass wie Deutschrap die letzten Jahre abgestürzt ist, könnte es fast schon wieder stimmen