laut.de-Kritik

Mit kindlicher Neugier in eine neue, unbeschwerte Richtung.

Review von

Agnes Obel veröffentlichte ihr letztes Album "Myopia" vor sechs Jahren, also noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Die Platte war noch von Schlafproblemen, diffusen Ängsten und Selbstzweifeln geprägt, aber interpretationsoffen verpackt. Auf "The Meaning Of Flowers", das nun erscheint, hatte die Pandemie jedoch so gut wie gar keinen Einfluss.

Eher ließ sich die in Berlin lebende Dänin von der Geburt ihrer Tochter inspirieren, mit dem Ziel, der Verbundenheit mit allem Lebendigen nachzuspüren. Antworten suchte sie überwiegend in weiblicher Belletristik und Lyrik, etwa von der mesopotanischen Dichterin Enheduanna oder von Hannah Arendt. Jedoch benötigt man kein literarisches Vorwissen, um die verspielten Klangwelten der Scheibe genießen zu können.

Das anfängliche Titelstück schlägt mit reduzierter Begleitung, doppelten Gesangsspuren sowie ätherischen Streicher- und Harfenarrangements weiterer Gastmusiker:innen musikalisch die Brücke zu "Myopia", versprüht jedoch auch etwas äußerst Lebendiges. "Laymelli" entfernt sich danach aber so langsam von den Klängen des Vorgängers und schlägt mit rotierenden Sounds und der verfremdeten Stimme der 45-jährigen eine fast schon tanzbare Richtung ein. Ähnlich rhythmisch gestaltet sich "Gemini", das aber mehr von klaren Gesangslinien und fantasievollen Pianotönen lebt. Für "Never Been" ließ sich die Musikerin von dänischer Pop-Musik inspirieren, was man dem eingängigen Track, den sanfte Pianoklänge, hauchige Vocals und luftige Rhythmen durchziehen, auch anhört.

Letzten Endes gibt es zwar noch diese Momente, wie in "Beyond The Sun", in denen sich Agnes alleine auf das Piano und ihre Stimme verlässt. Jedoch nehmen Elektronik und Streicher mittlerweile eine größere Rolle im Sound ein. Die musikalischen Versatzstücke der Vorgänger baut die Musikerin einerseits auf "The Meaning Of Flowers" noch weiter aus, setzt aber anstatt auf dunkle, unterkühlte Klänge auf überwiegend warme, fast schon freundliche Töne. Mit geradezu kindlicher Neugier nähert sich die dänische Wahlberlinerin einer neuen, unbeschwerten Richtung.

Jedoch bringt diese Neuorientierung auch Längen mit sich. Das spacig vor sich hinpluckernde und von verfremdeten Vocals getragene "Deem Me Now" zieht sich zu sehr in die Länge, und "Jenn's On The Way" bietet bis auf süßlichem Gesang sowie gelegentlichem Chor- und Streichereinsatz auch nicht viel, das unbedingt hängen bleibt. Das macht das restliche Material jedoch locker wieder wett.

"Blood So Red" entfaltet mit ruhiger Percussion- und Piano-Begleitung sowie atmosphärischen Vocals eine meditative, leicht ethnohafte Stimmung, was an die Musik von Dead Can Dance denken lässt. An die darkwavigen Qualitäten der Australier erinnern die flächigen Streicher, die man am Ende in "No Such Thing As Silence" hört.

Die Schlussphase wartet dagegen mit märchenhafteren Tönen auf, wie die kreisenden Saxofon-Sounds im rein instrumentalen "Tangerine" und die psychedelischen Flöten-Klänge in "Don't Look Down" verdeutlichen. "Faustian Deal" stellt einen ebenso melancholischen wie betörenden Abschluss dar. Die Nummer greift zwar mit ruhigem Gesang das Selbstkritische des Vorgängers wieder auf, hat durch die perkussiv getriebenen Rhythmen und an die Minimal Music eines Philip Glass erinnernden Chöre aber auch etwas Schwebendes und Federleichtes.

Jedenfalls versteht es Agnes Obel immer noch hervorragend, Verspieltheit mit melodischer Eingängigkeit zu verbinden. Einerseits hat sie das Dunkle, Geheimnisvolle, das ihre Musik bisher ausgemacht hat, nicht völlig hinter sich gelassen. Andererseits hört man die persönliche Veränderung, die die Geburt ihrer Tochter mit sich gebracht hat, klanglich auch mehr als deutlich heraus. Wer sich auf die neu gewonnene Leichtigkeit der Musikerin einlässt, dürfte auch auf diesem Album wieder viel zum Entdecken haben.

Trackliste

  1. 1. The Meaning Of Flowers
  2. 2. Laymelli
  3. 3. Gemini
  4. 4. Never Been
  5. 5. Blood So Red
  6. 6. No Such Thing As Silence
  7. 7. Deem Me Now
  8. 8. Jenn's On The Way
  9. 9. Beyond The Sun
  10. 10. Tangerine
  11. 11. Don't Look Down
  12. 12. Faustian Deal

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